Ein Leben im Kinderzimmer

Ich beobachte ein Baby, das mich mit wachen Augen ansieht. Tief schaut es in mich hinein und lächelt mich an. Es ist voller Vertrauen und Liebe zu sich selbst und seiner Umgebung. Selbst wenn der große Bruder vorbeikommt und es etwas grob behandelt, sieht es ihn mit purer Liebe an. Es kennt kein Richtig und Falsch, kein Gut und Böse und kein Meins und Deins.

Ich beobachte drei Kleinkinder, die mit ihren Eltern im Wald spazieren. Sie rennen, lachen, klettern und suchen Gegenstände am Boden. Manchmal rangeln sie kurz um einen Stock, doch der nächste ist schnell gefunden. Gemeinsam erkunden sie die scheinbar unendliche Gegend, erfinden neue Spiele und fühlen sich frei.

Ich beobachte ein zweijähriges Kind, das zu Besuch bei seinem gleichaltrigen Freund ist. Auf einmal schreit einer, das sei sein Spielzeug und der andere solle es nicht haben. Und der andere schreit, er möchte aber genau dieses Spielzeug ebenfalls. Beide sind vor Wut völlig aufgelöst, ziehen sich an den Haaren und weinen. Die Erwachsenen greifen ein, schlichten und verteilen die Gegenstände gerecht. Der Streit legt sich für den Moment, doch die Situation wiederholt sich regelmäßig. Weiterlesen

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Philosophier doch mal!

Was ist Glück? Was ist ein Freund? Warum bauen Menschen Waffen? Warum zerstören Menschen die Natur? Was ist Liebe?
 
Als unsere Tochter vier Jahre alt war, fragte sie mich plötzlich abends im Bett, warum Babys sterben müssten. Ich war etwas irritiert und erinnerte mich dann, dass eine Freundin kurz vorher einen Satz über einen Bericht im Radio zum Thema Fehlgeburten erzählt hatte. Unsere Tochter bewegte dies tief. Wir unterhielten uns darüber, sprachen über den Tod und dass jeder Mensch einmal stirbt. Sofort schlussfolgerte sie, dass auch Mama und Papa sowie ihre Großeltern sterben würden. Ein paar Minuten war sie völlig aufgelöst, als sie daraufhin erkannte, dass wir wohl eher als sie sterben würden.
 
Es war ein sehr bewegender Moment, dessen Zeitpunkt mich besonders überraschte. Nie hätte ich vermutet, solche Gespräche schon so früh zu führen. Doch es bot uns die Chance, gemeinsam aus dieser Trauer wieder herauszufinden und zu erkennen, dass der Tod zwar zu unserem Leben gehört, doch uns nicht beängstigen muss und auch nichts Schlimmes ist. Am Ende des Gespräches schlief sie mit einem Lächeln ein. Seitdem haben wir oft solche Gespräche abends im Bett. Über die Entstehung der Erde, Krieg, Waffen, Gewalt, Fleischkonsum, Klima, Liebe und vieles mehr. Anfangs war ich unsicher, ob man solche Gespräche zum Einschlafen führen sollte. Klingt nicht gerade nach einer netten Einschlafgeschichte. Doch unsere Tochter forderte es förmlich ein und schlief danach auch nicht schlecht. Es war im Trubel eines Familienlebens der Zeitpunkt, an dem sie wohl am meisten Ruhe zum Nachdenken hatte.
 
Bei mir blieb die überraschende Erkenntnis, dass wir mit Kindern sehr viel früher als viele denken, solche Themen besprechen können. Sie wollen die Welt verstehen und saugen wissbegierig jede Information auf, die sie aufschnappen.
Schonung ist hier nicht notwendig. Allerdings sollte man sich zutrauen, mit den Gefühlen des Kindes umgehen zu können. Denn Trauer kann hier durchaus aufkommen. Diese sollten wir dann nicht kleinreden, sondern ins richtig Licht rücken und einen Ausblick bieten, wie unser Kind damit umgehen kann.
 
Viele Jahre später fiel mir ein Buch zum Thema „Philosophieren mit Kindern“ in die Hände. Es handelt von einem Lehrer in Frankreich, der sich zum Ziel setzte, mit Kindern ab 4 Jahren Philosophiekurse zu machen und beeindruckt berichtet, wie engagiert die Kinder mitmachen und sich im Laufe des Kurses entwickeln, weil sie ohne Bewertung ihre eigene Meinung mitteilen können, die Meinung der anderen anhören und darauf Bezug nehmen. In kurzer Zeit lernen sie in diesen Kursen enorm viele zwischenmenschliche Fähigkeit und ein tieferes Verständnis über das Leben, was sie selbstbewusst, verständnisvoll und weltoffen macht.
 
Es ist ein Buch als Anregung zum Philosophieren mit Kindern, das zu jedem Thema eine kleine Gesprächsbasis bietet.
Der kleine Philosoph – Frédéric Lenoir

Die Macht des Schweigens

Eine Mutter versucht, ihr vierjähriges Kind anzuziehen, das wütend mit Schimpfworten um sich wirft und sie mit Händen und Füßen schlägt. Der Vater liest im Nebenraum Zeitung.

Mutter und Vater sitzen mit ihrem Kind am Esstisch. Die Mutter bittet das Kind, ihr das Salz zu reichen. Es reagiert nicht. Der Vater isst wortlos sein Brot weiter.

Der kleine Bruder haut die große Schwester. Die Mutter räumt ohne einen Blick weiter auf.

Wir haben im Alltag viele Bedürfnisse zu stillen. Ob Mutter oder Vater, wir sind oft im Stress, versuchen, alles nebenbei und parallel zu erledigen. Wer soll da noch Augen und Ohren für die kleinen Nuancen unserer Sprache haben? Weiterlesen

Können wir Beziehung?

„Das größte Kommunikationsproblem ist,
dass wir nicht zuhören, um zu verstehen.
Wir hören zu, um zu antworten.“

Verfasser: unbekannt

Mich schrieb vor Kurzem ein sehr interessanter Mensch an, der sich auf wissenschaftlicher und praktischer Ebene mit sehr ähnlichen Themen auseinandersetzt wie ich. Im Zuge des Austauschs empfahl er mir einen Artikel zum Thema Paarbeziehung, in dem es darum ging, wie häufig die Partnerschaft zerbricht, weil es dem Paar nicht gelingt, Zeit, Zuwendung, Abwechslung und Achtung in ihr gemeinsames Wohl zu investieren.

Es animierte mich zu einer etwas längeren Antwort, die ich gerne – in angepasster Form – mit euch teilen möchte, denn eine gute Paarbeziehung der Eltern ist mir ein sehr wichtiges Anliegen. Sie ist für mich die Grundlage einer zufriedenen Familie und gesunder, gestärkter Kinder. Wie ich schon in älteren Artikeln schrieb, sind die meisten Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern auf Unstimmigkeiten zwischen den Eltern und Verstrickungen in der Familie zurückzuführen. Umso wichtiger ist es, dass sich die Eltern umeinander und um sich selbst, statt nur um die Kinder kümmern.

Doch oft stehen Paare vor scheinbar unlösbaren Konflikten. Das Verhalten des anderen stört. Keiner hört zu. Die Wut wächst. Der Wunsch nach einer zufriedenen Partnerschaft ist zwar da, doch wir wissen einfach nicht, wie wir unseren Partner noch erreichen können. Weiterlesen

Antifragilität im Familienalltag

Es gibt drei Zustände in der Natur:
fragil, also sehr zerbrechlich. Robust, also hart und (nahezu) unzerstörbar.
Und antifragil. Was ist das?

Nassim Nicholas Taleb beschreibt es so:

„Antifragilität ist mehr als Resilienz oder Robustheit. Das Resiliente, das Widerstandsfähige widersteht Schocks und bleibt sich gleich; das Antifragile wird besser […]
Das Antifragile steht Zufälligkeit und Ungewissheit positiv gegenüber, und das beinhaltet auch – was entscheidend ist – die Vorliebe für eine bestimmte Art von Irrtümern. Antifragilität hat die einzigartige Eigenschaft, uns in die Lage zu versetzen, mit dem Unbekannten umzugehen, etwas anzupacken – und zwar erfolgreich –, ohne es zu verstehen.“ (Antifragilität, S. 21/22)

Ich beobachte in vielen Familien hierzulande eine starke Fokussierung auf Strukturen. Um 7 Uhr gibt es jeden Tag Frühstück. Um 12 Uhr gibt es jeden Tag Mittagessen. Um 18 Uhr gibt es Abendessen. Um 20 Uhr gehen die Kinder ins Bett. Und dazwischen zu festgelegten Tagen ein festgelegtes Programm.

Die Begründung: Kinder bräuchten Struktur. Der Körper passe dann auch seinen Hunger und alle anderen Bedürfnisse dieser Struktur an, sodass die Kinder nicht zwischendurch essen wollen und rechtzeitig im Bett liegen, um genug Schlaf für den nächsten Tag zu bekommen. Weiterlesen

Entrüstung der Frauen

Manchmal habe ich den Eindruck, im Leben der Frauen – und Müttern im Besonderen – geht es nur ums „sich Echauffieren“.

„Schau mal, was hat die denn auf dem Kopf? Die Frisur geht ja gar nicht!“, „Also mit dem Po würde ich mich ja nicht auf die Straße trauen!“, „Wie kann man denn mit Highheels auf den Spielplatz gehen?!“. Wir geben Müttern mittlerweile noch eine Schonfrist nach der Geburt. Doch eigentlich nur drei Monate. Und auch nur den anderen. Uns selbst erlassen wir die Erwartungen an die eigene Figur und das Erscheinungsbild nicht, was bei vielen schon nach zwei Wochen zu Selbstkritik und Unzufriedenheit führt. Schließlich sehen die Frauen in der Zeitschrift ja schon am nächsten Tag aus, als hätte sie nie ein Kind bekommen.

Doch es endet nicht beim wahnsinnigen Schönheitsideal. Dann geht es weiter: „Wie kann sie ihr Kind nur so lange schreien lassen?“, „Das arme Kind hat mit drei Jahren immer noch einen Schnuller!“, „Also meine Kinder dürfen keinen Zucker!“. Weiterlesen

Liebe heilt alle Wunden

In Sachen Erziehung gibt es kaum einen Artikel, in dem nicht einmal vorkommt, dass wir unseren Kindern einfach nur viel Liebe geben und sie bedingungslos lieben sollten, damit am Ende alles toll ist. Das hat sich mittlerweile auch bei den meisten eingeprägt, und wir klopfen uns stolz auf die Schulter „Wir machen das viel besser als unsere Eltern“.  Was die Artikel dabei aber nicht erklären: was ist eigentlich Liebe? Was heißt bedingungslos zu lieben?

Liebe kann nur sehr individuell definiert werden, daher wird es oft einfach gar nicht definiert. Durch Alltagsbeispiele würde man aber zumindest eine Idee erhalten, was bedingungslose Liebe bedeutet. Leider erkennen wir dabei, dass wir uns oft überhaupt nicht bedingungslos liebend gegenüber unseren Kindern verhalten und wir auch längst nicht die bessere Einstellung haben als die Generationen vor uns. Weiterlesen

Ich hatte das aber zuerst

Der Traum jedes schlichtungswilligen, zur Rettung bereiten Erwachsenen… Viele Erwachsene – besonders gerne Erzieher – fordern und fördern diese Auseinandersetzung zwischen Kindern.

Doch was war eigentlich vorher geschehen?

> Anna spielt mit einer Schaufel.
> Anna legt die Schaufel neben sich, dreht sich um und spielt mit einem Eimer.
> Paul entdeckt die herumliegende Schaufel und nimmt sie sich.
> Anna sieht, dass Paul die Schaufel nimmt.
> Anna sprintet zur Schaufel und zieht daran.
> Anna schreit.
> Paul schreit.
> Anna ruft: „Ich hatte die aber zuerst!“
> Paul ruft: „Ich will die aber!“
> Anna schaut hilfesuchend zu Mama.

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