Tandemstillen

Tandemstillen bedeutet, zwei Kinder (heutzutage in der Regel Geschwister) zu stillen. Ich werde hin und wieder mit der Frage konfrontiert, wie man denn ein älteres Kind und einen Säugling gleichzeitig stillen könne. Die Frage zielt vor allem darauf ab, ob der Säugling denn dann die richtige und überhaupt genug Milch bekommt. Und wie geht es der Mutter eigentlich dabei?

Dazu ein kleiner Faktencheck:

  • Die Brust richtet sich immer nach dem jüngsten Kind. Braucht ein Neugeborenes also das wichtige Kolostrum, wird dieses produziert, auch wenn einen Tag vorher noch normale Milch benötigt wurde. Diese Umstellung wird im Körper der Frau durch Hormone gesteuert. Welch ein Wunder der Natur!
  • Die Milchproduktion basiert auf dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Sprich: Kommt ein weiterer Milchkonsument dazu, wird auch entsprechend mehr produziert. Keiner braucht also Angst haben, das ältere Kind würde dem kleinen etwas wegtrinken. Das ist schlicht nicht möglich! Meist kommt so viel, dass der Säugling kaum mit dem Trinken hinterherkommt (–> Da hilft es, das Baby auf dem Rücken liegend zu stillen.)

Man sagt allgemein, das Stillen klappe beim zweiten Kind besser. Die Brust „erinnert“ sich, wenn es früher schon einmal geklappt hat. Wird das Stillen gar nicht erst zwischen erstem und zweitem Kind unterbrochen, so hat das Neugeborene einen kleinen Vorteil: während Babys normalerweise in der ersten Woche abnehmen, weil sich die Milchmenge erst entwickeln muss, so steht hier eine große Milchmenge vom ersten Tag an zur Verfügung. Tandemstillen bringt auch den großen Vorteil, dass das ältere Kind weiterhin eine Methode hat, Nähe und Zuwendung von der Mutter zu erhalten und dass so nur in den seltensten Fällen Eifersucht entsteht. Viele Kinder wollen in den ersten Wochen oder Monaten nach der Geburt beim Anblick des trinkenden Babys gleichzeitig trinken, später legt sich dieser Impuls meist. Bekommen beide Kinder genug Zuwendung, entspannt dies das Familienleben ungemein. Eifersüchtige Geschwister können zu großer Anspannung führen. Sie fangen an, das Baby zu hauen, äußern ihr Bedürfnis nach mehr Nähe durch Wut- oder Trotzanfälle oder nutzen unbeobachtete Momente, um das Baby zu ärgern. Absolut kein Spaß also! Der Übergang vom Einzelkind zum Teilen von Mamas und Papas Aufmerksamkeit ist eine große Transformation des Bewusstseins des Kindes und muss behutsam vollzogen werden. Das weitere Stillen kann hier sehr hilfreich sein!
Wird das ältere Kind noch gestillt, trinkt es in den meisten Fällen auch noch nachts. Für mich persönlich stand fest, dass dies nicht mit einem erholsamen Schlaf für mich zu vereinbaren war. Dem älteren Kind nach der Geburt das nächtliche Stillen abzugewöhnen, ist oft nicht ganz leicht. Meine Erfahrung ist, dass es schneller als jeder Versuch vor Ankunft des Säuglings gelingt, weil die Mutter aufgrund ihrer eigenen Bedürfnisse innerlich klar zu dieser Entscheidung steht und dem Kind erklären kann, dass die Milch nachts für das Baby ist und beide zu stillen, zu anstrengend wäre. Wenn der Vater dann noch hilft, indem er sich nachts um das große Kind kümmert, ist die Akzeptanz schnell da.
Ich empfand das Tandemstillen meiner zwei Kinder als sehr schön, weil es uns drei und auch die zwei als Geschwister in eine tiefe Verbindung brachte. Die Herausforderung bestand jedoch darin, mich klar abzugrenzen, wenn es mir zu viel wurde oder ich meine Kräfte dahinschmelzen sah. Körperliche Anzeichen von Verspannungen oder Stress müssen ernst genommen werden! Insbesondere während der Schwangerschaft durchlaufen viele Frauen eine Phase, in der die Brust sehr empfindlich ist. Wenn dann das ältere Kind trinkt, kann das schon eine Zeit lang höllisch wehtun. Viele Kinder stillen sich in dieser Zeit auch von selbst ab, weil sich der Geschmack der Milch verändert. Unsere Tochter hat das jedoch überhaupt nicht interessiert. Es ist also, wie alles, von Kind zu Kind anders.
Meist durchläuft das ältere Kind binnen weniger Monate eine solche Entwicklung, dass die wenigsten Mütter ihre Kinder zwei Jahre gleichzeitig stillen müssen. Es ist also gewöhnlich eine kurze Zeit, die aber für alle Positives bewirken kann.

Fazit:
Tandemstillen hat für die Umstellung vom Einzelkind zur geteilten Aufmerksamkeit für das ältere Kind sowie für die Geschwisterbeziehung enorme Vorteile. Es ist immer genug Milch für beide Kinder da und der Säugling hat von Beginn an viel Nahrung zur Verfügung. Die Mutter muss jedoch sehr gut auf sich und ihre Kräfte Acht geben, um langfristig allen Familienmitgliedern und sich selbst gerecht zu werden.

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2 Gedanken zu „Tandemstillen

  1. Ganz spannendes Thema, über das es wenig Informationen gibt. Toll, dass Du Dich dessen annimmst und das einfach mal ausprobiert hast – offenbar mit Erfolg (das ältere Kind hat sich wohl zwischenzeitlich abgestillt….) , also nicht „Stillen bis zur Einschulung“ 😉

    Claude

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    • Ja, unsere Tochter hat sich mit vier Jahren abgestillt. Ihr Bruder war dann 10 Monate alt. Sie hat aber schon eher nur noch ein- oder zweimal am Tag getrunken.

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