Entschuldigung mal anders

Mein zweijähriges Kind sitzt im Sandkasten und spielt mit einer Schaufel. Ein anderes Kind setzt sich daneben. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie mein Kind das Förmchen, das vor dem anderen liegt, nimmt. Daraufhin merkt das andere, dass es dieses Förmchen auch gerade haben wollte und schreit. Die Mutter stürzt sich auf ihr Kind, schaut meines wütend an und schimpft zu mir herüber: „Ihr Kind könnte sich ja auch gerne mal entschuldigen.“

Herrlich, diese Situationen. Ich kann jetzt also nur schuldbewusst hinübergehen und meinem Kind sagen: „Sag Entschuldigung!“. Das wird es mit zwei Jahren wohl mit einem Schulterzucken beantworten, mich verständnislos anschauen und weiterspielen.

Heute nehmen wir uns mal die Zeit, über so eine Entschuldigung nachzudenken.

Beobachten wir kleine Kinder ohne Erwachsene in direkter Nähe, stellen wir schnell fest, dass sich kein Kind jemals entschuldigt. Trotzdem regeln sie ihre Angelegenheiten. Sie spielen weiter und nehmen das, was sie bekommen. Voraussetzung: Erwachsene haben noch nicht mit „Sag Entschuldigung!“ oder „Hau zurück!“ auf das Kind eingewirkt.

Was steckt nun in diesem Wort? Wenn ich einem Anderen sage: „Entschuldigung“, sage ich eigentlich „Nimm die Schuld(en) von mir.“

Ent-schulde mich.

Kann der Andere das? Nein. Nicht in einem einzigen existenten Fall.

Was passiert innerlich mit den zwei Personen? Der Verletzte behält seine Wut und Verletzung. Schlimmstenfalls wächst die Wut sogar, weil kein echter Ausgleich geschaffen wurde.

Der Verursacher dagegen empfindet es als Bestrafung, sich entschuldigen zu müssen. Gleichzeitig ist diese „Strafe“ aber so gering im Verhältnis zur Tat, dass die Verknüpfung „Verhalten>Verletzung=Verhalten-nicht-sinnvoll“ selten entsteht. Die Wiederholung des Verhaltens wird also nicht vorgebeugt.

Ergebnis: zwei unzufriedene Menschen. Der Konflikt wird nicht aufgelöst, weil keiner Verantwortung für seinen Anteil übernimmt.

Schuld gibt es nicht in der Natur. Es ist ein in Religionen entstandener Begriff, der dem Menschen nicht in den Genen steckt. Wenn ich Schuld ins Spiel bringe, baue ich automatisch ein Machtgefälle auf. Der eine ist schuldlos, der andere schuldig. Die Realität ist aber, dass immer beide einen Anteil am Geschehen tragen. Das wird durch die Schuldsuche ignoriert.

Worum geht es also eigentlich?

Was wir bei Kindern und Erwachsenen beobachten können, ist Mitgefühl. Wenn dem einen deutlich wird, welches Leid sein Verhalten beim Anderen hervorgerufen hat, ist jeder sofort bereit, zu helfen und seine Tat zu überdenken.

Statt also „Entschuldigung“ zu sagen, sollten wir dem Anderen sagen: „Es tut mir leid. Es war nicht meine Absicht, dich zu verletzen/xy bei dir auszulösen.

In diesem Moment übernimmt der Verursacher die Verantwortung für sein Handeln und sieht das Leid, dass es ausgelöst hat. Jetzt fühlt er den Schmerz des Anderen. Vorher konnte er sich vor dessen Schmerz verschließen und im Trotz bleiben.

Wenn der Andere dann spürt, dass sein Leid gesehen wird, löst sich die Verletzung in ihm. Nun fühlt er sich ernst genommen.

Im zweiten Schritt sollte der Verursacher sagen: „Ich nehme die Wut, für die ich verantwortlich bin.

Nun löst sich die Wut beim Anderen endgültig auf. Beide Seiten tragen die Verantwortung. Denn auch der Verursacher braucht nur die Wut anzunehmen, die er verursacht hat, nicht gänzlich alle Wut des Anderen. Denn auch der Andere trägt seinen Anteil dazu bei, wütend reagiert zu haben. Die gleiche Situation hätte einen anderen Menschen vielleicht gar nicht wütend gemacht, sondern ihn zum Lachen gebracht.

Was kann der Verletzte tun, wenn der Verursacher gar nicht merkt, dass er verletzt hat?

Im allerersten Schritt sollte der Verletzte die Vorannahme treffen, dass der Verursacher eine gute Absicht hatte und ihm nicht klar war, welche Wirkung er damit auslöst.

Dann kann der Verletzte das Verhalten des Verursachers aus seiner Wahrnehmung neutral beschreiben und ihm anschließend erzählen, was es bei ihm ausgelöst hat. Diese Wirkung sollte so körpernah wie möglich sein. Dabei stellt man sich am besten vor, man säße beim Arzt und müsste diesem genau erklären, was sich im Körper wie anfühlte.

Der letzte Schritt ist essenziell: der Verletzte sagt nun nicht, was er sich vom Anderen wünscht! Stattdessen wird der Verursacher gefragt: „Was hättest du getan, wenn du vorher gewusst hättest, dass dein Verhalten den Anderen verletzt?

Jetzt haben beide die Chance, die Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen und sich ein neues Verhalten für das nächste Mal zu überlegen.

Natürlich kann man diesen Dialog nicht von einem Zweijährigen erwarten. Doch es ist unsere Aufgabe, die Haltung „Jeder hat eine gute Absicht“ und „Ich übernehme die Verantwortung für mein Verhalten und bleibe mitfühlend“ im Kind zu stärken und vorzuleben. Für ein zweijähriges Kind übernehme ich als Erwachsener diesen Dialog. Und natürlich darf man auch Entschuldigung sagen. Wenn die innere Haltung klar ist, kommt es letztlich nicht auf das Wort an. Die richtige Wortwahl schärft nur die Wahrnehmung und macht es leichter, in diese Haltung zu kommen.

Wenn ihr also beim nächsten Mal in dieser Situation seid, drückt euer Mitgefühl aus, weist euer Kind auf den Schmerz des Anderen hin, beschreibt sein Verhalten, das dazu führte, und fragt es dann, ob es bereit ist, das Spielzeug wieder abzugeben oder etwas anderes vorzuschlagen. Und ist mein eigenes Kind der Verletzte, so frage ich es so detaillierte wie möglich, was es im Körper spürt und was genau der Andere getan hat und unterstütze es dann, diese Beschreibung dem Anderen mitzuteilen. Als Erwachsener trete ich dabei als Mediator auf. Mit diesem Umgang wachsen beide Kinder. Und auch die Eltern fühlen sich und ihr Kind wertgeschätzt.

Wenn wir diesen Umgang mit Konflikten etablieren, bereichern wir jede Beziehung!

 

Für weitere Informationen schaut gerne auf www.hanseatisches-institut.de

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