Fehlgeburt – wie gehe ich damit um?

Ich erzähle euch meine eigene, sehr persönliche Geschichte. Sie beginnt traurig, doch wandelt sich mit jeder Zeile zu mehr Zuversicht und Stärke.

Vor drei Monaten haben wir unser drittes Kind im dritten Monat verloren. Für manche ist das noch kein Leben. Für Mutter und Vater schon. Als ich plötzlich Blutungen hatte, ging ich zum Arzt. Ich lag dort und die Ärztin starrte auf den Bildschirm. Stumm. Gefühlte fünf Minuten schaute sie, ohne etwas zu sagen. Ich spürte, wie mein Herz immer schneller schlug. Ich wusste, was ihr Blick zu bedeuten hatte. Endlich sagte sie etwas. Sie sähe keinen Herzschlag.

Die Worte hallten in meinem Kopf. Stille. Dann ohrenbetäubendes Rauschen. Was heißt das für uns? Was passiert jetzt? Wie gehe ich damit um?

Mir wurden die nächsten Schritte mitgeteilt. OP. Am besten morgen noch. Ich könne es auch noch mal im Krankenhaus prüfen lassen. Ich verabschiedete mich. Vor dem Haus brach ich in Tränen aus. Ich rief alle mir wichtigen Menschen an, konnte aber kaum einen Satz sagen, ohne zu weinen.

Mein Mann kam, nahm mich in den Arm und kümmerte sich dann darum, den Tag mit den Kindern zu organisieren. Ich lief drei Stunden durch den Wald. Immer wieder weinte ich. Doch mit jeder Stunde spürte ich, dass die Tränen weniger wurden und mich wieder Zuversicht durchflutete. Am Abend war ich bereits soweit, normal sprechen und lachen zu können. Ich hatte erkannt, welch großes Wunder mein Körper vollbracht hatte, einen nicht lebensfähigen Menschen zu erkennen und gehen zu lassen. Dieses kleine Menschenkind hatte schon einen großen Dienst geleistet, obwohl es nicht geboren wurde.

Ich las die Zeilen aus meinem Buch, denn dort hatte ich mich bereits mit diesem Thema befasst und darüber geschrieben, ohne es erlebt zu haben. Schon damals hatte ich geweint. Die Worte wirkten wie Balsam für meine Seele und trafen das Gefühl exakt. Ich spürte erneut, wie der Schmerz mehr nachließ.

Am nächsten Tag war ich bereits so fit, dass ich nun meinem Mann beistehen konnte, als er realisierte, dass unser drittes Kind von uns gegangen war. Wir gingen abends gemeinsam essen und ich erzählte ihm meine Gedanken zu unserem Kind. Ich sagte zu ihm: „Ich möchte, dass wir diesen Tag jedes Jahr als unseren Familientag feiern. Es soll ein Tag der Freude werden, der uns immer daran erinnert, was für ein kostbares Geschenk unser Leben ist. Heute sehe ich unsere drei Kinder voller Stolz vor mir.“ Und ohne dass ich damit gerechnet hatte, stiegen ihm plötzlich die Tränen in die Augen. Wir bezahlten und saßen lange auf einer Bank in der Dunkelheit. So traurig es war, so gefasst war ich doch und fühlte einfach nur unsere Verbundenheit und die Stärke, die wir in diesem Moment gemeinsam aufbauten.

Am dritten Tag wachte ich mit einem großen Strahlen auf. Erst dachte ich, jetzt wäre ich vollkommen verrückt geworden, denn ich musste ständig lachen und fühlte mich so stark wie selten zuvor. Freunde, die bereits von der Schwangerschaft wussten, sprachen mich an und teilten mir ihr Beileid mit. Doch statt traurig zu sein, war ich fröhlich. Ich irritierte die anderen fast, weil jeder von mir nach drei Tagen erwartete, immer noch zu trauern.

Am vierten Tag war ich dann mit einer Freundin verabredet, die vor zwei Monaten ihr zweites Kind bekommen hatte. Ein kleines, niedliches Baby. Ich freute mich unglaublich. Während die meisten Frauen den Kontakt zu Neugeborenen die ersten Monate oder länger meiden, machte mich dieses kleine Baby nicht traurig. Ich sah es an und freute mich unglaublich über dieses wundervolle Leben. Welch ein Wunder der Natur! Welch ein unglaubliches Geschenk!

Heute schaue ich jeden Tag voller Stolz und Freude auf unsere drei Kinder. Nach zwei Wochen erzählten wir es unseren Kindern (7 und 3 Jahre) kindgerecht. Sie wussten nicht, dass wir noch ein Kind erwarteten. Seitdem wünschen wir ihr jeden Abend eine schöne Nacht und wissen sie gedanklich bei uns. Die zwei erzählen ihr auch häufig beim Einschlafen, was sie Schönes am Tag erlebt haben. Alles ohne Trauer. Sie wissen, dass sie noch eine Schwester haben, die ihren Beitrag zum Wachstum der Familie auf eine andere Weise beigetragen hat.

Die schwierigste Entscheidung war wohl, nicht dem Wunsch der Ärzte zu folgen, sondern meinem Bauchgefühl. Der OP-Termin wurde mir direkt vor die Nase gelegt, obwohl ich in diesem Moment schon wusste, dass ich das nicht machen würde. Ich schlief noch eine Nacht darüber, dann sagte ich den Termin ab. Es folgte eine Woche mit Blutungen und schließlich 10 Minuten kurze Spannungen im Bauch. Sicher ist es nicht ratsam, die Meinung der Ärzte gänzlich zu ignorieren. Ich traf diese Entscheidung in Rücksprache mit meiner Hebamme und in dem Wissen, dass ich körperlich top fit und gesund bin. Für mich war es daher der beste und einzig richtige Weg. Mein Körper konnte sich in seinem Tempo von allem lösen, das er in der Schwangerschaft aufgebaut hatte, also auch alle Hormone produzieren, die signalisieren, dass es zu ende ist. Tatsächlich blieb noch etwas zurück, das sich dann aber während der ersten Regelblutung löste. Heute bin ich so dankbar und stolz auf meinen Körper und seine Leistung.

Aus der tiefen Trauer wurde ich mit unglaublicher Stärke neugeboren. Als Paar hat es uns gestärkt und noch mehr zusammengeschweißt.

Jeder von uns ist fähig, Trauer hinter sich zu lassen. Wenn ich sie tief, ohne Scham durchlebe, bin ich binnen kürzester Zeit in der Lage, sie in unglaubliche Kraft zu verwandeln und voller Freude daran zu wachsen. Ich durchlebe sie in einem geschützten Raum und nehme mir dafür so viel Zeit, wie ich brauche. Trauer und Wut sind vollkommen in Ordnung. Für einen Moment. Dann lasse ich die Gefühle gehen. Sie dürfen da sein, aber ich wachse darüber hinaus. Dann ist der Schmerzkörper aufgelöst. Wenn ich nun an diese Situation denke, werde ich lächeln, weil die Erkenntnis, daran gewachsen zu sein, stärker ist als der damalige Schmerz.

Diese Erfahrung brachte mich auch in die Situation, mit vielen Frauen darüber zu sprechen. Viele erzählten, dass sie dies auch erlebt hatten und in der Regel ins Krankenhaus mussten. Besonders schwierig war es mit Schwangeren. Ich merkte, dass es ein Thema größter Angst in dieser Phase ist.

Dazu habe ich einige Gedanken:

Ob ein Kind lebt oder während der Schwangerschaft stirbt, können wir nicht beeinflussen. Es wurden schon Millionen Kinder geboren, deren Mütter während der Schwangerschaft rauchten, tranken oder sogar Drogen nahmen. Ebenso wurden zahlreiche Frauen schwanger, obwohl sie alle Verhütungsmittel korrekt einnahmen. Wenn ein Kind leben will und den Eltern Wachstum schenkt, dann wird es den Weg ins Leben trotz aller Widrigkeiten finden. Eine Fehlgeburt ist nicht unsere Schuld. Wir können die Schwangerschaft positiv gestalten, uns Ruhe gönnen und auf uns achten, aber der Rest liegt nicht in unserer Hand. Diese Verantwortung können wir abgeben.

Was bedeutet dann eine Fehlgeburt für mich, wenn ich angenommen habe, dass ich am Ende keinen Einfluss darauf habe?

Eine Fehlgeburt bedeutet großes Wachstum. Es ist ein Moment tiefster Trauer, doch wenn ich dieses Erlebnis nicht runterschlucke, sondern jedes Gefühl zulasse, dann verwandelt es sich in große Stärke. Durchlebe ich jedoch den Schmerz nicht, verwandelt es sich in einen sehr belastenden Schmerzkörper, an dem viele Beziehungen zerbrechen.

Ich weiß, dass jede Frau diese Angst während der Schwangerschaft spürt. Als Mutter müssen wir von Anbeginn lernen, mit der Angst, unser Kind in irgendeinem Moment zu verlieren, umzugehen. Es ist unser Wachstum, schon in der Schwangerschaft zu lernen, die Verantwortung über Leben und Tod abzugeben und anzunehmen, dass hier etwas Größeres wirkt, das wir unser gesamtes Leben lang nicht beeinflussen können. Wir können nur unser Bestes geben und unserem Kind jeden Tag unseren Segen schenken, ebenso achtsam mit seinem Leben umzugehen und immer eine schützende Hand in der Nähe zu haben.

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