Eltern schenken das Leben

Spätestens in der Pubertät fangen die meisten Kinder an, Fehler an ihren Eltern zu suchen und durch ablehnendes Verhalten Kritik zu äußern. Sie brauchen diese Phase, um eigenständig zu werden. Das glaubt man zumindest in den Industrieländern. Interessanterweise gibt es dieses Phänomen in anderen Kulturen östlicher Länder nur selten. Dort ist es nicht etabliert, den eigenen Eltern Vorwürfe zu machen und sich von ihnen zu distanzieren. Dort ist man seinen Eltern in erster Linie dankbar, dass sie da sind, dass sie alles tun, um der Familie zu dienen, dass sie einem das Leben schenkten.

Natürlich muss keiner jedes Verhalten der Eltern toll finden.

Doch viele vergessen, dass sie ihre Eltern lieben können, obwohl sie nicht alles gutheißen. Sie sehen nur noch die Fehler ihrer Eltern, kommunizieren nur noch über Vorwürfe mit ihnen und verkennen, was ihre Eltern für sie geleistet und auf sich genommen haben. Eltern sein ist so viel mehr als “alles richtig machen” oder eine “gute Mutter” sein. Es ist die Entscheidung, Leben weiterzugeben und das eigene Leben zu riskieren. Natürlich sind die Bedingung der Geburt heutzutage deutlich besser und weniger lebensbedrohlich als vor 60 Jahren. Dennoch sterben auch heute noch Frauen dabei oder verletzen sich stark, so dass sie viele Monate Schmerzen haben oder sich schonen müssen. Während jeder Schwangerschaft und Geburt riskiert die werdende Mutter ihr Leben, um es dem Kind zu schenken.

In vielen Industrieländern hat sich eine starke Erwartungshaltung gegenüber den Eltern breit gemacht. Wir sehen es als selbstverständlich an, dass die Eltern uns ein Dach über dem Kopf und Nahrung geben bis wir 18 Jahre alt sind oder länger. Doch sie sind auf einer seelischen Ebene zu nichts verpflichtet. Sie tun es nur aus Liebe.

Mit der elterlichen Liebe ist keine romantische und auch keine biologische Liebe gemeint. Es ist die Liebe auf einer tiefen, meist auch unbewussten Ebene. Sie verbindet uns alle miteinander. Es ist eine Art Nächstenliebe, die aber zwischen Eltern und Kind noch darüber hinaus geht. Es ist eine Liebe, bei der jeder dazugehört. Kein Familienmitglied wird ausgeschlossen. Sie kann nicht verdient und auch nicht verloren werden.

Doch auch Eltern sind in ihrem Familiensystem verstrickt. Und so kann es sein, dass sie so darin eingebunden sind, dass sie ihrem Kind nur wenig oder sogar gar keine direkte Liebe geben können. Manchmal ist die Verstrickung so groß, dass sie sogar zur Gefahr für ihre Kinder werden.

Ein Kind hat keinen Anspruch auf Zuwendung der Eltern, auch wenn dies natürlich alles ist, was ein Kind sich wünscht. Wenn ein Kind diese erhoffte Zuwendung erhält, ist es ein Geschenk der Eltern. Sie schenken ihm diese aus Liebe. Mit der Geburt eines Kindes ist die Pflicht der Eltern getan. Keiner kann es der Mutter vorschreiben, sich um ihr Kind zu kümmern. Das Kind kann auch von jedem anderen Menschen großgezogen werden. Auch wenn das selbstverständlich etwas anderes für das Kind wäre und die Mutter immer die beste Betreuungsperson ist. Noch 1780 sorgte kaum eine Mutter für ihr eigenes Kind. Und das war nicht nur bezogen auf die hart arbeitende Bevölkerung, sondern ebenso vertreten im Bürgertum. Polizeiberichten aus Paris zufolge wurden damals 95% der geborenen Kinder direkt in die Obhut von Ammen gegeben, die meist weit draußen auf dem Land lebten. Das Ideal der „angeborenen Mutterliebe“, der Mutter, die ihr Leben für das Kind opfert und deren einziger Existenzgrund das eigene Kind ist, stammt insbesondere aus der Zeit der Aufklärung und wurde von Männern entwickelt. Wäre der Wunsch zur Aufopferung angeboren, so fände man ihn ebenso im Tierreich. Doch dort werden Jungtiere mehrheitlich schon als Eizelle allein gelassen. Dass sich eine Mutter also liebevoll um ihr Kind kümmert, ist zwar auch Folge von Hormonen, letztlich jedoch eine Entscheidung sowie die Erfahrung mit den eigenen Eltern. Jeder Moment, jede Hingabe der Mutter und des Vaters an das Kind ist ein großes Geschenk aus Liebe. Sie geben immer ihr Bestmögliches, so wie es ihr Bewusstsein, ihre Einbindung in der Familie und ihre selbst gemachten Erfahrungen zulassen. Selbst dann, wenn Außenstehende dies nicht als liebendes Verhalten ansehen. Wenn sie keine Liebe zeigen können, dann nicht, weil sie keine Liebe haben, sondern weil sie sich in einem Familiensystem befinden, das dies nicht zulässt, das sie so stark bindet, in dem sie so verstrickt sind, dass sie sich nicht für ihre Kinder öffnen können. Es gibt keine guten oder schlechten Eltern.

Mit der Geburt geben die Eltern ihrem Kind das größte Geschenk: das Leben.

Wenn man sich selbst als Kind seiner Eltern bewusst macht, was uns die Eltern trotz all ihrer Fehler schenkten, kann uns das Gefühl von Dankbarkeit erfüllen, das uns ins richtige Verhältnis zu den Eltern bringt. Sie sind die Großen und die Kinder sind im Sinne einer Rangfolge die Kleinen. Ohne dabei unmündig oder autoritätsgläubig zu werden. Die Kinder nehmen das Leben in vollen Zügen und die Eltern schenkten es ihnen.

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11 Gedanken zu „Eltern schenken das Leben

  1. Ich sehe nicht, aus welchem Grund mir eine Kritik an meinen eigenen Eltern nicht zustünde. oÔ Ich kann meine Mutter lieben, muss aus diesem Grund jedoch nicht alles gutheißen oder richtig finden, was sie getan hat.

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    • Hmmm…. jaaa…. jein. Ich sehe es ein wenig anders, sehr unromantisch, um ehrlich zu sein. Kinder zu bekommen und großzuziehen ist in meinen Augen nichts, was mit der romantischen Vorstellung von „Liebe“ zu tun hat. Es geht doch primär darum, die eigenen Gene weiter zu verbreiten, und hat daher, zumindest in meinen Augen, nicht mehr sehr viel mit Liebe zu tun; was nach der Geburt kommt ist doch hauptsächlich Biochemie. Ich habe gefühlte tausend Gespräche mit meiner Mutter hinter mir, und sicherlich werden noch etliche weitere folgen. Doch es kamen Dinge zum Vorschein, die ich vielleicht nicht unbedingt hätte erfahren sollen; natürlich weiß ich nicht, was anders wäre, würde ich manches nicht wissen. Diese ganze Eltern- bzw. Mutterschafts-Sache ist zumindest für mich persönlich sehr entzaubert worden, nicht zuletzt durch die Gespräche mit meiner Mutter. Es ist stellenweise einfach auch egoistisches Denken – wenn überhaupt – der Antrieb.

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  2. Interessante Diskussion. Mich stürzt der Beitrag ein wenig in Abgründe. Seitdem ich Mutter bin (einer gut anderthalbjährigen Tochter mit einem sehr, sehr schweren und schmerzvollen Weg) habe ich einen anderen Blick auf meine Eltern. Mir war schon vorher klar, dass ich einiges sehr Grundsätzliche falsch finde, was sie getan haben. Seitdem ich aber selbst Mutter bin, geht mir das noch viel näher. Trotzdem ermöglicht mir das Lesen Deines Beitrags Dankbarkeit. Danke dafür.

    „Mit der Geburt eines Kindes ist die Pflicht der Eltern getan“ – Ich kann nicht glauben, dass das Dein Ernst ist. Es passt überhaupt nicht zu dem, was Du sonst so schreibst. Ich teile Deine Standpunkte voll und liebe Deinen Blog (an der Stelle eine Buchempfehlung: „Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen“ von Rüdiger Posth). Aber die Pflicht der Eltern ist doch auch, dafür zu sorgen, dass es ihrem Kind gut geht. Wenn nach der Geburt die Pflicht getan ist, dann würde meine Tochter vielleicht nicht mehr leben und dann ist es auch egal ob Kinderwagen oder Tragetuch, ob Buggy nach vorne oder nach hinten, ob Urvertrauen ermöglichen oder „Jedes Kind kann schlafen lernen“-Methoden.

    Du führst doch auch oft die Evolution heran. Wenn nach der Geburt die Pflicht der Eltern getan gewesen wäre, dann wäre unsere Spezies längst ausgestorben. Dann hätten die Säbelzahntiger das Menschenkind ganz schnell erwischt. Oder es wäre verhundert. Man muss icht mal bis zur unterlassenen Hilfeleistung denken, selbst wenn „nur“ die emotionale Pflicht getan wäre und dann nichts mehr käme, würden Kinder nicht gedeihen (siehe Hospitalismus).

    Vielleicht meinst Du mit Deinem Beitrag in etwa das, was meine Hebamme mal gesagt hat: Bindung ist ein Geschenk und nichts, was man einfordern kann.

    Es würde mich freuen, wenn Du zu der Aussage „Nach der Geburt ist die Pflicht getan“ noch einmal kurz Stellung beziehen und erklären könntest, wie Du das meinst bzw. wie Du es begründest und wie es zum Kindeswohl passt.

    Liebe Grüße!

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    • Nach der Geburt ist die Pflicht der Eltern getan.
      Im Tierreich ist es Gang und Gebe, dass das Weibchen und Männchen nach dem Geschlechtsverkehr und nach der Eiablage sterben.
      Wir Menschen unterscheiden uns aber im besonderen Maße von den Tieren, weil wir nach der Geburt AUS LIEBE für unsere Kinder weiterhin sorgen. Keiner schreibt es der Mutter vor, sich um ihr Kind zu kümmern. Das Kind kann auch von jeder anderen Frau großgezogen werden. Auch wenn das selbstverständlich etwas anderes für das Kind wäre. Die Menschheit hätte nicht überlebt, wenn ein Kind ausschließlich von den eigenen Eltern hätte aufgezogen werden können. Früher war die Sterberate der Mütter und Väter schließlich deutlich höher.
      Doch irgendwer hat sich den Menschen so ausgedacht, dass er fähig ist, eine tiefe Bindung zu einem anderen Menschen aufzubauen. Und deshalb sorgen wir gerne für unsere Kinder.

      Du hast aus purer Liebe alles Dir Mögliche getan, um Deine Tochter am Leben zu halten. Ich behaupte mal, dass Du es nicht aus Pflichtbewusstsein oder Schuldgefühlen getan hast. Es ist Deine ganz natürliche und besondere Liebe zu Deiner Tochter. Und das ist das Wundervollste, was der Mensch zu geben hat.

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      • Ok, ich verstehe, was Du meinst: Es ist est mal egal, ob die Eltern oder jemand anders sich um das Kindeswohl sorgt. Wichtig ist, dass es irgendjemand tut (und diese Pflicht gibt es ja durchaus, sonst würde man ja auch nicht verurteilt, wenn man sein Kind verhungern lässt).

        Ich habe mehr vom Kind her gedacht und Deinen Beitrag so verstanden, als sei es egal, ob sich nach der Geburt und getander Pflicht jemand um das Kind kümmert. Du hast aber aus Sicht der Eltern geschrieben und gemeint, dass das nicht die Eltern sein müssen (während es bei Zeugung und Geburt eben nicht jemand anders übernehmen kann, von modernen Methoden mal abgesehen).

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  3. für mich passt hier das wunderschöne Gedicht von Khalil Gibran hinein:

    http://www.gedichte-lyrik-poesie.de/Khalil_Gibran_Von_den_Kindern/index.html

    Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
    Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
    Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
    Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
    Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
    Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
    Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
    Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
    Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
    Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
    Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
    Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
    und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
    Laßt euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
    Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.“

    Es geht um etwas jenseits des Alltäglichen, und wenn wir uns das bewusst machen – egal ob aus der Perspektive der „Alten“ oder der „Jungen“, fällt es vielleicht leichter, die ganze Bedeutung dessen zu erfassen, was „das Leben“ für alle bedeutet. Es ist eben keine persönliche Leistung, sondern eine existenzielle Grandiosität. Da fehlen die Worte. Nur wenigen ist es gegeben, dies so auszudrücken, wie es vielleicht in dem obigen Gedicht gelungen ist.
    Ich verstehe Deine Aussagen so, dass das Leben ein unglaubliches Geschenk ist, und Eltern-Sein tatsächlich auf diese existenzielle Weise alles beinhaltet.

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  4. Sehr interessanter Gedankenansatz, dass die Zuneigung und Liebe einer Mutter in Ihren Augen nicht selbstverständlich ist. Aber wie erklären Sie dann die psychische wie auch physische Verarmung von Kindern ohne mütterliche nähe? generell verstehe ich die Argumentation. Wie schon gesagt ein interessanter Gedanke!

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    • Es ist in jedem Fall durch Studien bekannt, welch wichtige Rolle die mütterliche Nähe hat. Aber auch adoptierte Kinder können sehr gut aufwachsen und sich entwickeln. Solange eine Person da ist, die dem Kind diese Nähe schenkt, steht einem Kind alles offen. Dennoch haben eine Vielzahl von Aufstellungen gezeigt, dass jedes Kind nach seinen wahren Eltern sucht und sie zumindest kennen möchte, ehe es sich seinem eigenen Glück im Leben voll und ganz widmen kann. Bezogen auf Körpernähe und Liebe zählt vor allem, dass es eine Person gibt, die diese Bedürfnisse erfüllt.

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