Innere Größe

Ich sitze in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Eine Mutter steht mir gegenüber. Im Kinderwagen ihr ca. drei Jahre alter Sohn. Er schreit, möchte scheinbar einen Keks aus der Tasche der Mutter. Sie redet auf ihn ein, dass er doch schon Frühstück hatte und nicht so schreien solle. Ihre Worte zeigen keine Wirkung. Wütend wirft er sein Plastikauto auf den Boden. Eilig hebt die Mutter es auf und versucht, es ihm wieder in die Hand zu drücken. Nun beginnt er, sie zu schlagen. Sie guckt sich ängstlich um, kramt in ihrer Tasche und holt einen Keks heraus. Der Junge verstummt und ein triumphierendes Lächeln breitet sich über sein Gesicht aus.

Wer ist der Große und wer ist der Kleine?

Eine Mutter sitzt mir mit ihrem vierjährigen Kind auf dem Schoß gegenüber in der Bahn. Das Kind fängt an zu quengeln. Auch dieses Kind scheint sich einen Keks aus der Tasche der Mutter zu erhoffen. Mit ruhiger Stimme sagt die Mutter „nein“. Sie begründet ihre Entscheidung nicht. Sie beachtet das Quengeln nicht. Sie hält ihr Kind einfach nur fest im Arm, streichelt es ruhig und schaut aus dem Fenster. Das Kind verstummt.

Wer ist hier der Große und wer ist der Kleine?

Diese zwei Erlebnisse schildern auf eindrückliche Weise, worauf es beim Umgang mit Kindern ankommt. Während sich die Mutter im ersten Fall klein, hilflos und dem Kind erlegen fühlt, ist die Mutter im zweiten Beispiel klar Herr der Lage und fühlt sich dem Kind gegenüber als „die Große“. Es gibt keinen Zweifel daran, wer das letzte Wort hat. Die Mutter im zweiten Beispiel diskutiert nicht mit dem Kind, sie lässt sich nicht herab auf dessen Ebene, denn sie gehört auf die Ebene der Erwachsenen, der Eltern. Wir diskutieren mit unseren Kindern auch nicht, ob sie auf den heißen Herd fassen dürfen oder nicht. Doch auch in solch banalen Situationen ist die innere Haltung von großer Bedeutung und sollte einheitlich umgesetzt werden. Kinder testen ständig, wo ihre Grenzen sind, was sie dürfen und was nicht. Sind wir in solch einer Situation nicht in unserer Kraft, reizt die Mehrheit der Kinder dies aus bis sie den Grenzpunkt erreicht haben. Das hat auch damit zu tun, dass Kinder die Sicherheit brauchen, einen eindeutigen Platz in der Familie zu haben.

Für Kinder ist es unerlässlich, zu wissen, wo ihr Platz in der Familienstruktur ist. Auf dieser Ebene hat jeder Mensch einen festen Platz innerhalb der sozialen Struktur. Doch heutzutage erhalten Kinder vermehrt einen für sie falschen Platz. Sie werden symbolisch auf einen Podest über die Eltern gesetzt oder der jüngste Sohn wird ebenbürtig mit dem ältesten behandelt, obwohl der erste eindeutig Vorrang hat.

Es mag auf den ersten Blick schön sein, wenn Eltern ihrem Kind jeden Wunsch von den Lippen ablesen, ihm alles kaufen, was es möchte und jeden Termin absagen, wenn es lieber in den Freizeitpark will. Doch in Wirklichkeit überfordern sie damit das Kind, denn es fühlt sich vermeintlich den Eltern überlegen, ist es aber nicht. In brenzlichen Situationen fühlt es sich dann entweder allein gelassen und hilflos oder wird bitter enttäuscht, weil die als Freunde deklarierten Eltern doch plötzlich Erwachsene sind, die den Ton angeben.

Um Kindern dies zu ersparen und sie nicht zu überfordern, kommt es auf die innere Haltung der Eltern an. Wir müssen innerlich „groß“ sein, uns „groß“ fühlen. Gleichzeitig sind Kinder und Erwachsene als Menschen gleichwertig. Der Psychologe Rudolph Dreikurs beschreibt dies in seinem Klassiker „Kinder fordern unser heraus“ folgendermaßen:

Gleichwertigkeit heißt nicht Gleichheit! Gleichwertigkeit heißt, dass alle ohne Rücksicht auf ihre persönlichen Unterschiede und Fähigkeiten denselben Anspruch auf Achtung und menschliche Würde haben.

Die Individualität und Persönlichkeit des Kindes wird geachtet, ohne dabei zu vergessen, dass sich das Kind vom Erwachsenen unterscheidet. Doch erst durch die Haltung des Erwachsenen als „groß“, finden Eltern das richtige Maß, dem Kind Freiheit zu schenken.

Sich „groß“ fühlen ist ein Zustand voller innerer Ressourcen. Ein Zustand von Gelassenheit, Ruhe und Kraft. Die Liebe zum Kind ist präsent und führt zu Verständnis für die Situation des Kindes. Aus der Liebe und dem Verständnis heraus können die Eltern bestimmt und gelassen handeln. Eine unvorhergesehene Situation kann sie nicht überrumpeln, denn sie nehmen sich die Zeit, bedacht damit umzugehen. Diese innere Ruhe überträgt sich gleichzeitig auch auf das Kind, das sogleich ebenfalls zu seiner Ruhe finden kann. Es gibt jedoch nicht das eine korrekte Verhalten, wenn man sich „groß“ fühlt. In einem Fall ist es ein lautes und kraftvolles Wort. Im anderen Fall ist es ein sanftes Eingehen auf die Wünsche des Kindes.

Weiter geht’s auf Ergänzung der Reihe „Innere Größe“ oder den fünf Praxisbeispielen.

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3 Gedanken zu „Innere Größe

  1. Vielen Dank für diese „Innere Größe“ Artikel! Ich habe sie mit großem Interesse gelesen. Ich merke bei meiner Tochter auch, dass ich zu viel erkläre und zu viel bitte und sie deshalb nicht immer so hört, wie ich es mir wünsche. Eigentlich wüsste ich es ja besser – ich bin Erzieherin – und hatte nie Probleme, Grenzen zu setzen. Nun bei meinem eigenen Kind habe ich plötzlich die Befürchtung den „Willen zu brechen“ obwohl ich weiß, wie wichtig Grenzen für Kinder sind und wie gut sie ihnen tun! Deshalb bin ich dankbar für die Artikel von Dir, die mich wieder erinnert haben, was ich früher wusste und wonach ich immer handelte und die Kinder haben mich dafür geschätzt!!!

    LG
    Petra

    P.S. Zum Thema Einkaufen mit Kindern habe ich auch einen Artikel auf meinem Blog veröffentlicht.

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  2. Ich finde das ja alles toll, was Du so schreibst. Und es ist mir auch überhaupt nicht neu. Aber letztendlich ist das doch alles bloße Theorie und sowohl Kinder als auch Erwachsene agieren und reagieren häufig viel individueller als in Deinen Beispielen. Die Stellen letztlich doch nur das eine bzw. andere Spektrum der gleichen Skala dar: schwarz und weiß; sich peinlich berührt fühlen und das Kind bestimmen lassen oder eben absoluter Herr der Lage sein. Aber Kinder funktionieren nicht schwarz-weiß. Was ist denn, wenn das Kind aus dem zweiten Beispiel das Nein der Mutter eben nicht akzeptiert und doch weiter quengelt, obwohl die Mutter ja so klar und liebevoll ist? Und dann das von Dir: „Sich “groß” fühlen ist ein Zustand voller innerer Ressourcen. Ein Zustand von Gelassenheit, Ruhe und Kraft. Die Liebe zum Kind ist präsent und führt zu Verständnis für die Situation des Kindes. Aus der Liebe und dem Verständnis heraus können die Eltern bestimmt und gelassen handeln. Eine unvorhergesehene Situation kann sie nicht übermannen, denn sie nehmen sich die Zeit, bedacht damit umzugehen. Diese innere Ruhe überträgt sich gleichzeitig auch auf das Kind, das sogleich ebenfalls zu seiner Ruhe finden kann.“ Welcher Erwachsene hat schon im Stress des normalen Alltags diese Gelassenheit und Ruhe und Kraft? Ich liebe meine KInder auch über alles, aber ich habe nicht! immer Verständnis und bin gar nicht gelassen und oft habe ich gar keine Kraft…meine Kinder gehen mir manchmal auf den Keks und manchmal könnte ich sonstwas machen. Und- bin ich deswegen eine schlechte Mutter oder einfach nur authentisch? Mit unvorhergesehenen Situationen kann ich meist nicht gut umgehen, jedenfalls nicht so, dass ich immer ruhig bleiben könnte…sollte ich deswegen meine Kinder besser abgeben? Ich fühle mich so schon oft genug schlecht auch wenn ich Jesper Juul, Rudolph Dreifuß, Jan-Uwe Rogge und wie sie alle heißen gelesen habe. Ich gebe mein Bestes, so wie viele andere Eltern auch. Aber auch seiner eigenen Erziehung kann man nur bedingt entrinnen und sich tausendmal vornehmen es besser zu machen. Die alten Verhaltensmuster sind schwer zu überwinden. Muss ich deswegen gleich eine Therapie in Betracht ziehen, um ein ‚besserer Mensch‘ zu werden oder kann ich mich nicht auch so akzeptieren, mit meinen Fehlern. Das gestehe ich anderen ja auch zu, nicht makellos zu sein. Und Kinder brauchen auch durchaus Reibungsfläche, sonst werden sie ja alle konform udn können Konflikte nicht bewältigen.

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    • Dem stimme ich voll und ganz zu. Ich bin ohnehin der Meinung, dass alle Eltern ihr Bestes geben, auch wenn es andere von außen anders beurteilen, und allein Achtung dafür verdienen, dass sie die Herausforderung angenommen haben, Eltern zu werden. So gut es geht, beschreibe ich auf meinem Blog Beispiele, die ich selbst erlebt und aus denen ich besagte Erkenntnisse gezogen habe. Aber ich sage auch ganz ehrlich, dass mir nicht alles, was ich schreibe auch jedes Mal gelingt. Mal geht es ganz einfach und mal funktioniert halt gar nichts. Deshalb ist noch niemand eine schlechte Mutter (oder Vater). Leider neigen viele in Deutschland sehr schnell dazu, Eltern zu verurteilen und zu sagen, sie hätten ihr Kind nicht im Griff. Ich selbst habe gerade auch immer wieder mit der Trotzphase meiner Tochter zu kämpfen. Und doch hilft es mir in solchen Situationen, mich zur Gelassenheit und Ruhe zu zwingen. Denn alles andere bringt noch weniger. Und so vergehen viele Situationen so schnell wie sie gekommen sind. Und ganz selten, sitze ich halt zehn Minuten länger da und warte, bis die für mich logisch kaum erklärbaren Gefühle meiner Tochter verflogen sind. Ich gehe dabei aber auch oft genug Konflikte mit meiner Tochter ein. Beispiel: „Ich will jetzt einen Keks.“ Ich habe aber keinen oder will auch keinen kaufen. Dann ist die Antwort nein. Konflikt. Kind wird quengelig. Kind schreit. Kind will nicht weitergehen. Habe ich deshalb mein Kind nicht im Griff, weil es gerade schreiend vor mir liegt? Ich kann dann nicht mehr tun, als warten und selbst ruhig bleiben. Mich in eine Diskussion zu verwickeln, hilft da kaum. Ausrasten bringt auch nichts. Und an der Stelle hilft es mir einfach, mir bewusst zu machen, dass ich die Große bin, nicht vor dem empörten Weinen meiner Tochter einknicken muss und ihr gleichzeitig einfach zeigen kann, dass ich für sie da bin, auch wenn sie mich gerade doof findet. Mittlerweile fällt es mir deutlich leichter, gelassen und ruhig zu bleiben. Das ist nichts, was einem einfach geschenkt wird. Bei manchen Leuten vielleicht. Für mich ist das reine Übungssache. Dennoch: wer halt nicht ruhig bleiben kann, bleibt halt nicht ruhig. Deshalb ist keiner besser oder schlechter. Derjenige muss halt andere Wege finden, um die stressigen Situationen zu meistern. Ich versuche einen Weg zu beschreiben, der zumindest mir das Leben erleichtert hat und der vielleicht anderen Ideen gibt, wie sie mit sich und ihren Kindern umgehen können. Aber mit Sicherheit gibt es noch 100 andere Möglichkeiten.

      Danke auf jeden Fall für Deinen Beitrag!

      https://erziehungsluecke.de/2013/11/06/eltern-schenken-das-leben/

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