Wo ist der Platz des Kindes?

Ist die Geburt erstmal vollbracht, dreht sich die ersten Monate erst einmal alles um das neue Familienmitglied. Insbesondere beim ersten Kind brauchen die Eltern eine Weile, zu einem neuen gemeinsamen Alltag zu finden, den Umgang mit dem Baby zu erlernen und ihrer neuen Rolle gerecht zu werden.

In unzähligen Foren wird darüber diskutiert, wie es nach der Ankunft eines Kindes mit der Partnerschaft weitergeht. Die Frau ist meist noch von der Geburt angeschlagen und muss sich mindestens die ersten vier Wochen schonen. Sport sollte erst nach sechs Monaten wieder betrieben werden. Zudem hat sich der gesamte Hormonhaushalt der Frau verändert und wirkt stark auf ihre Befindlichkeit, ihre Muttergefühle und auch das Bedürfnis nach Zuwendung ein. Für den Mann hingegen hat sich körperlich nicht ganz so viel verändert. Seine Bedürfnisse nach Zuwendung und Nähe existieren ebenso wie vor der Geburt. Dieses Ungleichgewicht, gepaart mit der neuen Verantwortung für einen kleinen Menschen bereitet vielen Eltern Schwierigkeiten. Manchmal äußert es sich in Form von Konflikten, kleinen Streitereien. Andere ziehen sich einfach zurück und hoffen, dass man sich als Paar nach einigen Monaten wieder zuwenden kann. Gerade frisch gebackene Mütter neigen dazu, sich verpflichtet zu fühlen, von morgens bis abends um das Baby herumzuwuseln. Für den Mann ist da oft kaum noch Platz.

Als unsere Tochter ihre erste Nacht in unserem Bett verbrachte, waren wir völlig unsicher, wie und wo sie zu schlafen hatte. Für mich war klar, sie würde in unserem Bett schlafen. Mein Mann hätte sie gern zwischen uns gehabt, doch ich bestand darauf, sie zwischen mich und die Wand zu legen. Im Nachhinein stellte ich fest, dass dies nicht nur sicherheitsbedingte Gründe (Gefahr, dass die Decke über den Kopf rutscht etc.) hat, sondern vor allem einen symbolischen/systemischen Grund: Der Platz des Kindes ist neben der Mutter und nicht zwischen den Eltern. Gibt es mehrere Kinder, stehen sie dem Alter entsprechend, beginnend mit dem Ältesten neben der Mutter. Es mag eine banale Situation sein und sicher spricht nichts dagegen, dass das Kind mal neben dem Vater liegt. Doch Kinder sind unglaublich sensibel. Sie nehmen die kleinsten Schwingungen wahr und jede Bewegung, jedes Verhalten der Eltern wird mit großer Bedeutung verfolgt. Egal wie klein das Kind ist, es nimmt wahr, auf welchen Platz es von den Eltern gesetzt wird.

Ich beobachte vor allem viele Mütter, die ihr Kind zu ihrem Lebensinhalt erklären und dabei nicht merken, wie sie es immer mehr zwischen sich und ihren Partner drängen. Die Eltern unterhalten sich hauptsächlich über die Kinder, sie kommunizieren hauptsächlich über die Kinder, sie tauschen hauptsächlich Zärtlichkeiten aus über die Kinder. Kinder verinnerlichen dieses Verhalten und setzen sich später auch in anderen Personenkonstellationen an die Stelle eines Partners, auch wenn es nicht gefordert ist. Vor allem aber schadet es der Partnerschaft der Eltern, die sich immer mehr um die Kinder drehen, statt sich einander zuzuwenden sowie Kraft, Halt, Nähe und Liebe zu geben. Diese Kinder lernen schon früh, kleine Erwachsene zu sein und dass ohne sie nichts mehr läuft. Sie sind überall gern im Mittelpunkt, ziehen stets die Aufmerksamkeit auf sich und fordern diese besonders von den Eltern stark ein ohne Rücksicht auf deren Interaktionen zu nehmen. Ob ein Kind systemisch auf dem falschen Platz ist in der Familie, lässt sich an Kleinigkeiten feststellen. Lässt die Mutter sich ständig von ihrem Kind unterbrechen? Ignoriert die Mutter die Signale des Vaters? Vernachlässigt die Frau die Paarbeziehung? Stellt die Frau die Bedürfnisse des Kindes über die aller anderen? Lässt die Mutter das Kind andere in extremen Maße durch laute Geräusche mit Gegenständen, Schreien oder Hauen terrorisieren? Zeigen die Eltern dem Kind, dass es einen Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem gibt?

Wo ist nun der Platz des Kindes?

Die Mutter gibt ihre Liebe über den Vater zum Kind. Ebenso gibt der Vater seine Liebe über die Mutter zum Kind. Je mehr das Eltern-Paar seine Liebe zueinander stärkt, desto mehr stärken sie auch ihr Kind. Auf diese Weise kann das Kind völlig frei sein, völlig Kind bleiben und sich seiner Neugier und seiner natürlichen Entwicklung widmen, ohne für einen Elternteil Verantwortung übernehmen zu wollen.

Ein Kind möchte Teil unseres Lebens sein. Es möchte nicht unser Lebensinhalt werden, sondern von uns lernen, wie es selbstständig einmal selbst dieses Leben meistern kann. Erheben wir es zu einem kleinen König oder einer kleinen Königin, schaden wir nicht nur uns selbst, sondern auch dem Kind. Es lernt nicht, was es heißt, einfach Kind zu sein, ohne den Vermittler oder das Bindeglied zwischen den Eltern zu spielen.

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