Können wir Beziehung?

„Das größte Kommunikationsproblem ist,
dass wir nicht zuhören, um zu verstehen.
Wir hören zu, um zu antworten.“

Verfasser: unbekannt

Mich schrieb vor Kurzem ein sehr interessanter Mensch an, der sich auf wissenschaftlicher und praktischer Ebene mit sehr ähnlichen Themen auseinandersetzt wie ich. Im Zuge des Austauschs empfahl er mir einen Artikel zum Thema Paarbeziehung, in dem es darum ging, wie häufig die Partnerschaft zerbricht, weil es dem Paar nicht gelingt, Zeit, Zuwendung, Abwechslung und Achtung in ihr gemeinsames Wohl zu investieren.

Es animierte mich zu einer etwas längeren Antwort, die ich gerne – in angepasster Form – mit euch teilen möchte, denn eine gute Paarbeziehung der Eltern ist mir ein sehr wichtiges Anliegen. Sie ist für mich die Grundlage einer zufriedenen Familie und gesunder, gestärkter Kinder. Wie ich schon in älteren Artikeln schrieb, sind die meisten Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern auf Unstimmigkeiten zwischen den Eltern und Verstrickungen in der Familie zurückzuführen. Umso wichtiger ist es, dass sich die Eltern umeinander und um sich selbst, statt nur um die Kinder kümmern.

Doch oft stehen Paare vor scheinbar unlösbaren Konflikten. Das Verhalten des anderen stört. Keiner hört zu. Die Wut wächst. Der Wunsch nach einer zufriedenen Partnerschaft ist zwar da, doch wir wissen einfach nicht, wie wir unseren Partner noch erreichen können.„Der Artikel spricht ein wichtiges Thema an: wir haben weder gute Vorbilder noch lernen wir irgendwo, wie man gute Beziehungen führt. Beratung in Anspruch zu nehmen, ist teuer, aber vor allem im Verständnis der meisten das Eingeständnis völligen Versagens. ‚Ich kann doch wohl sprechen. Was soll ich da denn lernen? Meinem Partner habe ich alles gesagt. Er versteht mich einfach nicht.‘

Warum wird die Fähigkeit, seinem Gegenüber geduldig zuzuhören sowie sich sachlich und ohne Vorwürfe auszudrücken, vorausgesetzt, aber dennoch in ihrem Wert verkannt und nicht gefördert? Jeder Personaler würde sagen, dass dies Grundvoraussetzung für die Arbeit im Team und somit auch für die Einstellung ist. Doch ich sehe in meinem Arbeitsalltag mindestens 70% der Mitarbeiter, die nicht in der Lage sind, zuzuhören oder vorwurfslos zu argumentieren. Ist es etwa doch nicht so wichtig?

Ich bin nun fast 30 Jahre alt, in unserem Freundeskreis sind die meisten seit längerem in einer Beziehung, sogar sehr viele verheiratet und beginnen nun mit der Kinderplanung. Mein Mann und ich haben ungeplant sehr früh und weit vor der Hochzeit mit der Familiengründung begonnen. Daher schauen wir unseren Freunden nun sehr gelassen und mit gewisser Distanz bei der Alltagsmeisterung und dem Ankommen in der Routine zu.

Sie sagen, sie sind glücklich. Sie haben alle studiert und gute Jobs. Und dann höre ich ihnen zu. Und peu à peu kommen die Probleme des Alltags hervor. Sie erzählen von wiederkehrenden Unstimmigkeiten. Offenen Themen, die jedes Mal zu Streit führen, dann ignoriert, verdrängt und nie geklärt werden. Sie erzählen von ihren früheren Lebensplänen, betrachten für den Bruchteil einer Sekunde ihr aktuelles Leben, der Blick wird nachdenklich, dann wechseln sie das Thema. Sie leben nicht diese Pläne. Was ja völlig in Ordnung ist. Aber viele haben sie auch nicht freiwillig aufgegeben. Sie haben das Thema einfach nie mit ihrem Partner offen geklärt, sondern sind den Erwartungen anderer und einem Selbstbild gefolgt, das einer Mischung aus gesellschaftlicher Norm und Vorleben des Elternhauses entspricht. Ohne es je in Frage zu stellen oder ehrlich mit dem Partner zu diskutieren. Denn meist kommt es auf die gemeinsam definierten Nuancen an, die dieses Selbstbild zu einem zufriedenstellenden Bild machen – auch wenn ich nicht wie mit 15 Jahren erträumt Sängerin geworden bin.

Manchmal denken wir, alle um uns herum seien glücklich und keiner außer uns hätte Probleme. Doch wer hinschaut und zuhört, weiß ganz genau, dass wir alle Themen haben, mit denen wir innerlich kämpfen. Doch die wenigsten nehmen Beratung in Anspruch. In jedem anderen Thema erkennen wir doch auch, dass Expertenwissen von außen hilfreich ist?! Stattdessen suchen sie sich das nächste Projekt, die nächste Ablenkung: Hochzeit, Hauskauf, Kinder. Und wer da angekommen ist, kann sowieso nicht mehr viel an den eingefahrenen Verhaltensweisen und festgefahrenen Streitthemen ändern. Wer es dann nicht mehr aushält, sieht nur noch den harten Cut, um sich von all den Altlasten zu befreien: den Partner wechseln. Denn der ist ja an allem schuld.

Beziehung ist Arbeit. Irgendwie kommt das in keinem Disney-Film vor. Da sind alle immer sofort verliebt und glücklich. Immerhin glaubt das keiner mehr. Oder? Schlummert dieser Traum vom Prinzen auf dem Schimmel nicht doch in so manch Barbiewelt gewöhntem kleinen Mädchen, das mittlerweile eine Frau ist? Suggerieren uns das nicht doch eine Vielzahl von Hollywood-Streifen?

Aber wer zeigt, dass Liebe Arbeit ist? Jeden Tag! Es ist wie eine Rose, die täglich gegossen werden möchte. Doch was wir unseren Pflanzen und Tieren gönnen, geben wir noch lange nicht unserem Partner. Den lassen wir im Regen der Erwartungen und Ansprüche verkümmern.

Ich hatte das Glück, sieben Jahre meiner Jugend an einer Essstörung zu leiden und mich daher der Auseinandersetzung mit mir selbst und meiner Familie nicht verweigern zu können, wenn ich weiterleben wollte. Neben zahlreichen Therapieformen, einem Klinikaufenthalt und viel heruntergespültem Geld habe ich vor allem eines gefunden: mich selbst. Die Achtung vor mir (die ich mir mühsam zurückerkämpfen musste) und die Liebe zu mir. Ohne Erwartungen an den anderen. Als ich dann meinen jetzigen Mann kennenlernte, erkannte ich noch etwas: ohne ihn könnte ich nie mein volles Potenzial entfalten. Die Beziehung zu ihm und die Verantwortung für unsere gemeinsamen Kinder sind die Quelle meiner Ideen, Kraft und Gelassenheit. Ich als Frau kann nicht sein ohne ihn als Mann. Denn er hat Fähigkeiten, die ich in seiner Vollendung nicht beherrsche, aber mit ihm gemeinsam erleben kann. Doch diese Symbiose aus Mann und Frau entwickelt nur ihr volles Potenzial, wenn beide Partner sich als eigenständige Persönlichkeiten verstehen, die Verantwortung für ihr Handeln und die Aufgaben des Alltags übernehmen. Und trotzdem wird es immer wieder Themen geben, in denen wir nicht einer Meinung sind, die wir aber klären müssen, um zufrieden zu sein. Das bringt Weiterentwicklung mit sich: jeder verändert sich und die gemeinsame Richtung muss ständig nachjustiert werden. Und wo wir wachsen, entstehen auch immer Konflikte.

Worum geht es in einer Partnerschaft?

Es geht nur in den wenigsten Momenten darum, für den anderen in schlechten Zeiten da zu sein. Viel mehr geht es darum, seinen Partner jeden Tag wertzuschätzen, ihm ausgiebig zuzuhören und auch selbst Geschichten teilen zu wollen, dankbar zu sein und aus der Freude heraus, die alltäglichen Aufgaben zu übernehmen. Zu erkennen, dass ich die Partnerschaft stärke, wenn ich meinen Partner unterstütze, auch wenn mir die Tätigkeiten nicht immer Spaß machen. Und letztlich, meinen Partner so zu achten und anzuerkennen, wie er ist. Mit all seinen Stärken und Schwächen, die ihn eben genau zu der Person machen, in die ich mich verliebt habe.

Beziehung ist Arbeit. Arbeit, die unglaublich viel Spaß macht, wenn man sich in den Kreislauf der Freude, Eigenverantwortung und gegenseitigen Achtung begibt.

Wo lernen wir das, wenn wir nicht gerade frühzeitig krank werden und an die richtige Beratung geraten?

Und wieso erkennt niemand, dass, wenn wir es nicht als Kinder lernen, wir überall erwachsene Menschen vorfinden, die sich im Privat- und Berufsleben wie im Kindergarten verhalten?“

So endet meine Antwort. Leider mit offenen Fragen. Es macht mich so traurig, dass wir nicht als Kinder, ganz ohne zu erkranken und therapiert werden zu müssen, lernen, wie Beziehungen gelingen. Wie spielerisch, stärkend und voller Freude sie dann sind. Aber auch, welche Verantwortung jeder von uns selbst trägt. Stattdessen lernen wir alles über Schuld, Unschuld, Recht und Unrecht. Erst wer sich wirklich damit befasst, erkennt, dass es nie um die richtigen Argumente geht, sondern immer um die Beziehung. Und wer in der Politik oder bei der Arbeit oder in der Partnerschaft auf der Argumentationsebene bleibt, verliert. Den Partner.

In jeder noch so schwierigen Beziehung liegt die Chance, eine persönliche und gemeinsame Weiterentwicklung zu vollziehen. Denn erst, wenn wir erkennen, dass uns unsere Probleme in jede Beziehung folgen, übernehmen wir die Verantwortung, Konflikte aufzulösen und an uns zu arbeiten. Dann nehmen wir plötzlich das gemeinsame Ziel der Weiterentwicklung und Zufriedenheit in den Blick, da Weglaufen keine Alternative mehr ist. Ob das Ergebnis dann eine zufriedene Beziehung oder eine friedliche Trennung ist: es wird uns in jedem Fall bereichern.

Wer gelernt hat, in sich selbst Ruhe zu finden, sich selbst zu achten und zu lieben und die Probleme seiner Eltern loszulassen, kann mit dieser inneren Kraft ganz leicht andere Menschen achten, ihnen aufmerksam zuhören und Verständnis für ihr persönliches Leid haben. Wenn es uns nicht mehr um Schuld und Unschuld, sondern um gemeinsame Weiterentwicklung und Lösungen geht und wir einander wertfrei und aufmerksam zuhören, können wir in eine wundervolle Zukunft blicken.

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