Wenn Kinder Partner ersetzen…

Was bedeutet Parentifizierung und wie kommt es zustande?

Von Geburt an sind Kinder unglaublich sensibel für die Verhaltensweisen und Gefühle der Eltern, insbesondere der Mutter. Schnell merken sie, wie sie den Eltern ein Lächeln entlocken, ebenso erkennen sie, was die Eltern traurig oder wütend macht.

Die Parentifizierung wird als die Rollenumkehr zwischen Eltern und Kind bezeichnet. Das Kind übernimmt die Rolle der Mutter oder des Vaters.

Oft wird gerade Alleinerziehenden nachgesagt, ihre Kinder als Partnerersatz zu benutzen. In der Tat stellt es für den alleinerziehenden Elternteil eine besonders große Herausforderung dar, das Kind nicht stellvertretend als Mutter oder Vater zu betrachten. Entgegen der landläufigen Meinung ist jedoch nicht der Wunsch des Elternteils nach einem Partner Grund für die Parentifizierung. Das Kind selbst übernimmt aus Liebe die Aufgaben des fehlenden Partners. Es meint, den anwesenden Elternteil damit glücklich zu machen und so zu dessen Wohlbefinden beizutragen. Gerade Eltern, die sich dessen nicht bewusst sind, betrachten ihr Kind in dieser Situation als große Entlastung und fördern so unbewusst das Verhalten. Das Kind ist oft sehr brav, fügt sich schnell Anweisungen und erledigt Aufgaben, die in vollständigen Familien oft ein Erwachsener übernimmt. Sie wirken oft altklug, bilden bereits früh sehr erwachsen klingende Sätze, spielen weniger frei und gelassen mit anderen Kindern, handeln sehr verantwortungsbewusst und fühlen sich oft als Beschützer eines Elternteils.

Doch auch in Familien mit Mutter und Vater kann es zu parentifizierten Kindern kommen. Kann ein Elternteil seiner Rolle nicht gerecht werden, übernimmt das Kind aus Liebe dessen Aufgaben, stellt sich an dessen Position und gerät dann oft in Konflikte mit diesem Elternteil, während es sich dem anderen gegenüber voller Liebe zuwendet. Die so entstandene besonders enge Beziehung zwischen dem geliebten Elternteil und dem Kind wird meist sehr geschätzt, wohingegen der andere Elternteil sich immer mehr distanziert und nicht gewertschätzt fühlt.

Bei einem Seminar zum Thema „Schwierige Kinder“ kam eine Familie mit zwei Kindern nach vorne. Der Jüngste preschte voran und setzte sich direkt neben die Mutter, während der Vater sich ganz ans Ende neben den älteren Sohn setzte. Als der Vater aufgefordert wurde, das Anliegen der Familie zu nennen, weshalb sie gekommen waren, verwies er auf die Mutter. Er übernahm keine Verantwortung für seine Entscheidung, zum Seminar zu kommen.

In diesem Beispiel ist ohne viele Worte das Muster zu erkennen: Der jüngste Sohn hatte die Rolle des Vaters, des Mannes der Familie eingenommen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Vater konnte oder wollte aus einem ihm möglicherweise nicht einmal bewusst bekannten Grund seine Rolle nicht einnehmen. Indem das Kind wieder auf seinen Platz verwiesen wird, kann das Kind wieder Kind sein und muss nicht die Verantwortung und Aufgaben des Vaters übernehmen. In diesem Beispiel wurde folgende Sitzordnung vorgeschlagen: Vater, Mutter, ältester Sohn, jüngster Sohn. Eine simple Umstellung der eingespielten Sitzplatzverteilung kann manchmal schon helfen, in der Familie eine neue Dynamik zu entwickeln.

Ein weiteres Beispiel ist die Übertretung der Grenzen eines Kindes.
Ich beobachte in Deutschland immer mehr Eltern, die ihre Kinder zur Begrüßung oder Verabschiedung auf den Mund küssen. Die Meinungen unter Eltern gehen zu diesem Thema stark auseinander. Aus meiner Erfahrung tragen Eltern auf diese Weise, ohne es zu wissen oder gar zu beabsichtigen, zu einer Parentifizierung ihres Kindes bei. Der Kuss auf den Mund ist in fast allen Kulturen ein intimer Akt, der Paaren vorbehalten ist. Die meisten Kleinkinder zeigen anfangs den Reflex, einem Kuss auf den Mund auszuweichen. Kinder machen aber schnell jedes Verhalten der Eltern nach. Eltern überschreiten so die natürlichen Grenzen des Kindes bzw. bringen ihm unbewusst bei, derart intime Berührungen seien von Erwachsenen in Ordnung. Im Kind entsteht eine „Verwechslung“ der Ebenen, ebenso wie es evtl. lernt, nicht auf seine innere Stimme zu hören. Es kann nicht mehr zwischen Eltern- und Kindebene unterscheiden und stellt sich auf eine Ebene mit den Eltern. Soll das Kind später einmal selbst eine Paarbeziehung aufbauen, kann es dabei Schwierigkeiten haben.

Eltern sollten darauf achten, ihre Liebe in der Paarbeziehung zu leben und diese nicht auf die Kinder zu übertragen. Kinder sind vollkommen offen und strahlen reine Liebe aus. Diese kindliche Liebe ist jedoch niemals mit der Liebe zwischen Partnern zu verwechseln. Das klingt banal, doch in der Umsetzung ist es das oft nicht. Viele Paare distanzieren sich im Laufe ihres Zusammenlebens. Viele leben eher nebeneinander her, suchen kaum noch körperlichen Austausch und unterhalten sich irgendwann nur noch über die Kinder. Und schnell werden die Probleme und Themen der Kinder vor die Paarbeziehung der Eltern gestellt.

Es geht nicht darum, Eltern an den Pranger zu stellen. Ich möchte euch für diese Thematik sensibilisieren und zeigen, welche Auswirkungen ein gut gemeintes Verhalten der Eltern haben kann. Auch wenn es Kinder gibt, die Spaß am Küssen haben. Das kann man ganz spielerisch auf die Wange lenken.

Hier mehr zum Thema „Unfreiwilliges Küssen“ von Experten aus der Schweiz.

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5 Gedanken zu „Wenn Kinder Partner ersetzen…

  1. Hallo, danke für diesen Beitrag. Ich bin Alleinerziehende Mutter eines Jungen. Unser Kinder Psychologe, vermutet genau dieses „Verhältnis“ bei mir und meinem Sohn. Mich würden interessieren, wie ich die Mutter – Sohn Beziehung wider herstellen kann. Wie kann ich bewusst dazu beitragen, das mein Kind, wieder Kind ist? Der Psychologe, meinte, ich selber sollte in Erwägung ziehen, eine Therapie zu machen. Aber es muss doch weitere Möglichkeiten geben, wie ich dieses Verhalten bei mir und meinem Sohn ändern kann. Eine Therapie nimmt viel zeit in Anspruch, was bedeuten würde, das sich so schnell nichts ändert.
    Vielen Dank im Voraus. MFG Maria

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    • Ich kann hier selbstverständlich keine Ferndiagnose stellen und meine Worte ersetzen auch kein Gespräch mit einem Therapeuten.
      In einer Familienaufstellung wird sofort sichtbar, wenn ein Kind den Platz eines Erwachsenen eingenommen hat. Dort wird dann darauf hingearbeitet, dass die Eltern wieder ihre Rolle einnehmen und dem Kind zeigen, dass sie ihre Probleme selbst lösen können. Das kann mitunter für ein Kind ein Gefühl des Verlustes mit sich bringen, denn natürlich hat die erhobene Position auch Vorteile für das Kind. Es hat auf diese Weise Einfluss und große Bedeutung in der Familie. „Nur“ als Kind betrachtet zu werden, kann dagegen fast langweilig wirken. Es kann daher sein, dass das Kind diesen Platz nicht ganz freiwillig verlassen will. Dennoch ist es sehr wichtig, denn langfristig schadet es dem Kind. Es übernimmt viel zu früh Verantwortung und scheitert nicht selten daran, da es diesen Aufgaben eigentlich noch nicht gewachsen ist und sie nie ganz erfüllen kann.
      Für die Erwachsenen kommt es vor allem auf die innere Haltung an. Die Eltern, oder ein Elternteil, müssen sich wieder als die „Großen“ gegenüber dem Kind fühlen. Als ersten Schritt kann man seinem Kind also innerlich sagen „Ich bin die Große und du bist der Kleine. Ich löse meine Probleme selbst. Du brauchst nichts für mich übernehmen.“. Das kann man natürlich auch dem Kind direkt sagen, aber es geht weniger darum, dass das Kind diese Sätze hört. Viel mehr ist wichtig, dass die Eltern aus dieser inneren Haltung heraus handeln. Dann handeln sie als Erwachsene. Diesen Satz sollte man ruhig öfter über einen längeren Zeitraum in Gedanken wiederholen. Anfangs vielleicht sogar mehrmals am Tag, damit er sich wirklich verinnerlicht. So löst sich die Verstrickung des Kindes mit der Mutter oder dem Vater. LG

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    • Wenn man etwas falsch verstehen will, dann tut man das wohl auch. Hier steht in keinem einzigen Satz, dass der Vater über der Mutter stehen würde. Ich gebe dir vollkommen recht: das ist Bullshit!

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  2. Ich arbeite mit Kinder!
    Das ist kein Bullshit, absolut nicht.
    Genau so wie du beschrieben hast, läuft das heute.
    Traurig aber wahr!
    Die Erzieherinnen haben immer mehr Probleme, weil Kinder genauso entscheiden wollen wie ein Erwachsene, wir reden von 3 Jährigen. Ein Kind ist noch nicht bereit Entscheidung zu treffen. Kind muß Kind sein, spielen und Spaß haben. Sie werden sowieso zu schnell erwachsen.

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