Grenzen spüren, Grenzen setzen

An Silvester schwor ich noch, Süßigkeiten die nächste Zeit zu meiden. Doch schon zwei Wochen später brachte die Kollegin zum Einstand einen herrlichen Kuchen mit. Beim ersten Stück drückte ich noch ein Auge zu. Doch auch dem zweiten konnte ich nicht widerstehen, obwohl ich längst satt war.

Die Bahn fuhr ein und die Türen öffneten sich. Eine Masse von Menschen quoll heraus und eine ebenso große Masse wollte wieder einsteigen. Dicht gedrängt stand ich im Eingangsbereich, nur durch einen Griff an der Decke gesichert. Bei jeder Bewegung der Bahn stieß ich gegen meine Stehnachbarn. Es wurde immer wärmer. Als ich endlich ausstieg, atmete ich erleichtert auf. Trotz der unangenehmen Situation war ich nicht eher ausgestiegen.

Eine Freundin rief aufgeregt an. Sie wollte ein Wochenende in der Stadt verbringen, doch ihre Übernachtungsgelegenheit hatte abgesagt. Nun brauchte sie dringend für eine Nacht eine Unterkunft. Natürlich bot ich ihr unser Sofa an. Doch aus einer Nacht wurden ohne zu fragen drei. Am letzten Tag konnte ich meinen Frust darüber kaum noch verbergen und verabschiedete sie nur mühsam mit freundlichen Worten.

Es ist Alltag und dennoch finden wir keine Routine: Immer wieder überschreiten wir unsere Grenzen oder lassen sie überschreiten. Es ist eine Volkskrankheit und begleitet uns das ganze Leben. Im Berufsleben ist es sogar anerkannte Norm, ohne die man jeglichen Wunsch nach Karriere angeblich vergessen kann. Die wenigsten finden einen guten Umgang damit. Auch „geschulte“ Menschen müssen sich immer wieder damit befassen.

Sicherlich bis zu 90% der Menschen schwanken zwischen Runterschlucken bis die Wut-Explosion kommt oder sofortiger Distanzierung bis zum Kontaktabbruch. Doch gibt es kein Dazwischen?

Kinder haben einen natürlichen Reflex, unangenehme Körpernähe durch Wegdrehen abzuwehren oder sofort Halt bei den Eltern zu suchen. Doch dieser Reflex kann sehr schnell abtrainiert werden. Sätze wie: „Nun lass dich doch küssen, sonst bin ich traurig“ suggerieren einem Kind, dass es seinem inneren Gefühl nicht nachgeben darf, wenn es weiterhin die Liebe des Erwachsenen erhalten möchte. Immer wieder beobachte ich größere Kinder, die meine Tochter kaum kennen, ihr aber sofort mit einem Gegenstand fünf Zentimeter vor der Nase herumfuchteln oder sie zur Begrüßung in die Wange kneifen. Sie reagiert mit ihren drei Jahren darauf sehr irritiert und dreht sich instinktiv weg. Diese Kinder merken nicht mehr, dass sie gerade die körperliche Grenze eines Menschen überschreiten. Oft ist dies Resultat des Umgangs zwischen Eltern und Kind. Je selbstverständlicher es für ein Kind ist, dass seine Grenzen nicht gewahrt werden, dass es nicht ernst genommen wird, wenn es nein sagt oder dafür sogar mit Liebesentzug bestraft wird, desto mehr wird es dieses Verhalten auch gegenüber anderen anwenden. Es ist für das Kind normal. Es kennt nichts anderes.

Doch Grenzüberschreitung durch andere ist nur ein Aspekt. Auch wir selbst sind immer weniger in der Lage, die Signale unseres Körpers ernst-, ja überhaupt wahrzunehmen. Wir treiben Sport bis zum Umfallen, arbeiten bis tief in die Nacht, sind ständig erreichbar, essen ungesund und oft mehr als der Magen bräuchte. Wie kann es sein, dass die meisten von uns den Kontakt zum eigenen Körper verloren haben?

Wir haben es einfach nicht gelernt. Unsere Eltern sind größtenteils noch in sehr autoritären Familien aufgewachsen. Sie lernten bereits als Kinder, dass ihre Meinung nicht zählt, geschweige denn ihre Bedürfnisse. Diese Erfahrung zieht sich durch ihr ganzes Leben. Sie können vielleicht schwer nein sagen oder erst viel zu spät, oder sie sind selbst sehr autoritär, sind dafür aber in anderen Bereichen maßlos. Man kann kaum trennen, ob sie nun selbst ihre Grenzen überschritten oder sie von anderen überschritten wurden. Denn wer nicht Stop sagt, kann nur hoffen, dass der andere so sensibel ist, dennoch die Grenze zu spüren.

Die einen reißen sich daraufhin zusammen und explodieren mit starker zeitlicher Verzögerung, wenn es für andere kaum mehr verständlich ist. Die anderen fressen es einfach in sich hinein und entwickeln nach und nach immer mehr Krankheiten. Weder das eine noch das andere ist gesund und dient guten Beziehungen. Bei der ersten Variante sorgt man meist dafür, dass die anderen auf Abstand gehen und bestenfalls ein harter Kern bleibt. Bei der zweiten Variante zieht man sich selbst zurück. Und dieses Verhalten haben viele von uns unbewusst von ihren Eltern übernommen, da uns niemand zeigen konnte, wie man es anders machen kann.

Wir müssen uns bewusst machen, so wie wir mit unseren Grenzen umgehen, so wie wir mit den Grenzen unserer Kinder umgehen, so werden auch unsere Kinder mit Grenzen umgehen. So werden auch sie mit sich selbst und anderen umgehen. Wollen wir das? Wollen wir, dass unser Kind am Abend Schokolade in sich hineinstopft, weil es mit der Frustration, seine Bedürfnisse nicht klar geäußert zu haben, nicht anders umgehen kann? Wollen wir, dass es Wutausbrüche hat, weil es anderen Menschen nicht anders mitteilen kann, dass es überfordert ist? Wollen wir, dass es krank wird, weil es jeden Frust in sich hineinfrisst?

Die Voraussetzung für das Wahrnehmen von Grenzen ist die eigene Zentriertheit. „Zentriertheit bedeutet, sich selbst zu spüren, im Kontakt mit sich selbst zu sein, dort zu sein, wo man ist: in seinem Körper.“ Unser Körper ist der beste Ratgeber, um eigene und andere Grenzen zu erkennen. Übertreten wir sie, meldet sich unser Bauch zu Wort. Manchmal sogar mit Krankheitserscheinungen. Weder Kopf noch Herz sind hier maßgebend. Das Herz sucht nach Harmonie, auch wenn dies zulasten der eigenen Bedürfnisse geht. Der Kopf mahnt uns oft zum Zusammenreißen und Durchhalten. Doch wenn wir lernen, die Signale des Körpers, die sich als Gefühle äußern, genau wahrzunehmen, ersparen wir uns langes Theoretisieren und Grübeln. „Erst wenn wir in beständigem und achtungsvollem Kontakt mit unseren Gefühlen leben, haben wir die Möglichkeit, sie unverstellt wahrzunehmen und zu verstehen, was sie uns vermitteln, ohne uns von ihnen (und in der Folge von anderen Menschen) manipulieren und beherrschen zu lassen.“

Es ist eine der wichtigsten Aufgaben und ebenso größte Herausforderung, Kindern die eigene Wahrnehmung nicht abzutrainieren, sie ernst zu nehmen, sie darin zu unterstützen, nicht über die eigenen Gefühle hinwegzugehen, zu zeigen, wie sie sich abgrenzen können, ohne andere Menschen abzustoßen, aber auch, dass andere ebenso Grenzen und Bedürfnisse haben. Klare Grenzen schaffen Sicherheit für beide Seiten, denn jeder weiß nun, was für den anderen unangenehm ist und wie weit man sich bewegen kann. Die innere Klarheit über die eigenen Grenzen macht selbstbewusst und sorgt für eine aufrechte und ehrliche Ausstrahlung. Wir brauchen uns nicht mehr verstecken, aus Angst, andere zu verletzen oder verletzt zu werden. Bahnt sich eine Grenzverletzung an, können wir es ganz souverän ansprechen, darauf hinweisen und weiterhin im Kontakt bleiben. Wenn wir gelassen und klar damit umgehen, wird auch unser Gegenüber dankbar für diese Äußerung sein.

Um einem Kind dies zu vermitteln, muss jedes Nein, jedes Signal von körperlichem Unwohlsein geachtet werden. Das heißt nicht, dass dem Willen des Kindes immer nachgegeben werden muss. Wichtig ist, dass ein Kind immer spürt, dass es für seine Abgrenzung nicht bestraft, sondern weiterhin geliebt wird. Das gibt ihm Kraft und die Möglichkeit, sich ganz frei ohne Ängste und Zwänge zu entfalten. Denn die größte Angst eines Menschen ist, nicht geliebt und aus der Gruppe ausgestoßen zu werden. Und diese existenzielle Angst ist einer der häufigsten Gründe, weshalb wir uns nicht abgrenzen. Ein Kind, das von seinen Eltern, der wichtigsten „Gruppe“ eines Menschen, gelernt hat, dass es bedingungslos geliebt wird, wird diese Kraft nie verlieren. Es wird die Abgrenzung anderer nicht als Liebesentzug, sondern als Selbstschutz verstehen und daher nicht gekränkt, sondern verständnisvoll reagieren.

Wir sind in der Pflicht, uns mit uns und unseren Verhaltensweisen auseinanderzusetzen, um ein gutes Vorbild zu sein und um respektvoll mit den Grenzen des Kindes umgehen zu können. Tun wir dies nicht, werden wir zwangsläufig das wiederholen, was wir von unseren Eltern kennen und es an unsere Kinder weitergeben. Erst wer sich bewusst mit diesem Thema befasst, sich selbst beobachtet und unter die Lupe nimmt, kann ehrlich mit sich selbst sein und etwas ändern.

Wie wir unsere Grenzen wieder wahrnehmen und neu damit umgehen lernen, konnte ich hier nur anreißen. Dies ist ein sehr wichtiges Thema für mich, doch es ist zu komplex, um es in seiner Ganzheit hier zu beschreiben. Für mehr Informationen empfehle ich dieses Buch, das auch als Quelle diente: Bis hierher und nicht weiter – Wie Sie sich zentrieren, Grenzen setzen und gut für sich sorgen

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Ein Gedanke zu „Grenzen spüren, Grenzen setzen

  1. Du hast wieder ein äußerst wichtiges Thema eingebracht, das für Viele ungelöst ist: Die Balance zwischen „bin ich zu nett“ oder „bin ich zu abweisend“ zu finden, die eigenen Grenzen sowohl auf der Körperebene als auch auf seelischer Ebene zu achten und auch die des anderen erkennen. Und sich so zentrieren zu können, dass auch Grenzverletzungen gröberer Art einen nicht aus der Ruhe – der eigenen Mitte – bringen können. Wie viele Störungen nehmen an dieser Stelle ihren Anfang!
    Und vor allem – sie nehmen früh im Leben ihren Anfang und wirken sich oft lebenslang aus.
    Es geht aus meiner Sicht im Kern darum, Zuwendung aus einer gesunden Mitte heraus geben und auch annehmen zu können, ein Kind, das sich angenommen fühlt, weiß auch, dass es die Liebe anderer nicht angstvoll abweisen muss.
    Doch das geschieht häufig bei Erwachsenen, wenn die Spuren alter Grenzverletzungserlebnisse sozusagen die Amygdala in Alarm versetzen. Es entsteht ein „Angst-vor-Nähe“-Syndrom. Paradox scheint, dass anschließend ein Klammern und Nicht-Loslassen-Können entsteht.
    Doch es ist nur die Kehrseite der Medaille. Denn: Was ich nicht nehmen kann, macht mich nicht satt – also bleibe ich in einem Zustand des Unerfülltseins. Und – es ist eine der verbreitetsten Beziehungsschwierigkeiten überhaupt.

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