Ich hatte das aber zuerst

Der Traum jedes schlichtungswilligen, zur Rettung bereiten Erwachsenen… Viele Erwachsene – besonders gerne Erzieher – fordern und fördern diese Auseinandersetzung zwischen Kindern.

Doch was war eigentlich vorher geschehen?

> Anna spielt mit einer Schaufel.
> Anna legt die Schaufel neben sich, dreht sich um und spielt mit einem Eimer.
> Paul entdeckt die herumliegende Schaufel und nimmt sie sich.
> Anna sieht, dass Paul die Schaufel nimmt.
> Anna sprintet zur Schaufel und zieht daran.
> Anna schreit.
> Paul schreit.
> Anna ruft: „Ich hatte die aber zuerst!“
> Paul ruft: „Ich will die aber!“
> Anna schaut hilfesuchend zu Mama.

Natürlich gibt es auch den Fall, dass Anna tatsächlich noch mit der Schaufel spielt und Paul plötzlich an dieser zerrt. Das ist aber eigentlich nebensächlich. Nun kommt ein Erwachsener und fragt: „Wer hatte denn die Schaufel zuerst?“. Beide Kinder sagen „Ich“. Völlig egal, wer das Ding zuerst hatte, es wird sich nicht zufriedenstellend ergründen lassen. Kinder zwischen zwei und fünf Jahren sind selten in der Lage, sprachlich zu erklären, was gerade geschehen ist und wer eigentlich korrekterweise Anrecht auf die Schaufel hätte. Die Erwachsenen spielen sich nun als Schlichter auf und sorgen für eine vermeintlich gerechte Aufteilung.

Wir haben mehrere Möglichkeiten:

  • Nicht reagieren – Dabei gewinnt in der Regel das stärkere Kind oder das mit mehr Ausdauer. Meist weint dann das andere Kind. Manch ein schlaues Kind lässt irgendwann los und sucht sich etwas Neues. In beiden Fällen lernen die Kinder jedoch nicht viel dazu, wie sie beim nächsten Mal damit umgehen können. In einem späteren Alter bin ich definitiv der Meinung, man sollte es die Kinder selbst regeln lassen. Aber bis dahin finde ich wichtig, den Kindern Werkzeuge an die Hand zu geben. Bei Kindern, die früh genug merken, dass sie mit dem Schreien und Zerren nichts erreichen, kann es tatsächlich sein, dass sie es sich gar nicht erst angewöhnen. Meist passiert es aber doch, sobald sie in die Kita kommen und die etablierte Variante angewendet wird.
  • Die etablierte Variante – Der Erwachsene sagt: „Schau mal Paul, Anna hatte die Schaufel zuerst. Du musst warten und kannst danach damit spielen.“ Paul wird nun verständlicherweise wütend sein und dies auch irgendwie äußern. Man könnte nun sagen, dass er eben lernen muss, mit seiner Wut umzugehen, denn er ist ja scheinbar im Unrecht. Paul ist in diesem Alter aber auch nicht in der Lage, zu warten. Für ihn fühlt es sich wie eine Strafe an. Was lernt das Kind hierbei? Wenn du das Ding zuerst hattest, solltest du schreien und darum erbittert kämpfen.
  • Alternative 1 ab drei Jahren – Ich habe die Beobachtung gemacht, dass fast alle Kinder ab ca. drei Jahren Wettrennen lieben. In so einer Situation könnte der Erwachsene also hingehen, sich ein beliebiges, herumliegendes Spielzeug schnappen, rufen „Ich bin zuerst hinten am Baum!“ und losrennen. Wer ihm folgt, bekommt das neue Spielzeug oder kann sich eine Schnecke im Gras anschauen. In 99% der Fälle rennt eines der Kinder mit und hat danach die Schaufel vollkommen vergessen.
  • Alternative 2 ab einem Jahr – Der Erwachsene geht zu den beiden Kindern, nimmt sich ein beliebiges Spielzeug und sagt „Wow, schau dir mal diesen Eimer an! Der ist ja großartig zum Türmebauen! Komm Paul, lass uns mal hier ein paar Kuchen backen!“ Man könnte auch spontan vorschlagen, gemeinsam zu schaukeln oder zu wippen oder das Spielzeug gegen ein anderes zu tauschen. Einfach ausprobieren, worauf eines (oder beide) der Kinder reagiert.

Die Parallele, die ihr hier erkennt, heißt: das Interesse eines Kindes auf etwas anderes lenken. Wir müssen im Hinterkopf behalten, dass es nicht um das Spielzeug als solches geht. Anna hätte die Schaufel mit großer Wahrscheinlichkeit links liegen gelassen, wäre Paul nicht gekommen. Und auch Paul war nur auf der Suche nach irgendeinem Spielzeug. Beide reagieren reflexartig: der will das haben, dann will ich das auch haben und halte fest. In dieser Situation haben beide die große Chance zu lernen, dass man nicht alles besitzen und für sich behalten muss und dass wir ganz einfach neue Gemeinsamkeiten bzw. Interessen finden können. Ein guter Stratege schafft es, das Bedürfnis des anderen zu erkennen und dieses durch etwas anderes zu befriedigen. Und gemeinsam spielt es sich doch immer besser als allein. Wenn wir fragen, wer das Spielzeug zuerst hatte, was erwarten wir dann beim nächsten Mal von den Kindern? Dass die dreijährige Anna zu Paul läuft und sagt „Schau mal Paul, ich hatte die Schaufel zuerst, daher wünsche ich mir, dass du sie mir noch einmal gibst!“??? Das kann ein Kind frühestens mit viereinhalb/fünf Jahren sprachlich leisten. Und meist haben sie dann das Rechthaben so sehr verinnerlicht, dass sie weiterhin nur schreien „Ich hatte das aber zuerst!“ und dann ausführlich erklären, warum das so ist. Und selbst wenn sie dem anderen Kind erklären könnten, weshalb sie das Spielzeug weiterhin haben müssen, heißt das nicht automatisch, dass das andere Kind das auch versteht und einsieht.

Leider hat sich in vielen Bereichen eine sehr konfrontative Herangehensweise etabliert, die auch Erwachsene gerne praktizieren. Sie wird immer Gewinner und Verlierer hervorrufen. Von intelligentem Verhalten kann man hier kaum sprechen. Es geht ums Rechthaben und um Besitz, um falsch und richtig.

Doch wenn wir den Kindern zeigen, wie sie ganz spielerisch selbst die Situation lösen können, brauchen sie sich nicht um etwas streiten. Und je wortgewandter sie werden, desto mehr können sie dem anderen Kind Angebote machen, womit es stattdessen spielen kann. Dann haben die Kinder eine Methode gelernt, die ihnen ihr ganzes Leben lang helfen wird.

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3 Gedanken zu „Ich hatte das aber zuerst

  1. Ich bin so, so dankbar, dass uns als Eltern wegen der Schmerzstörung meiner Tochter (ab 2, jetzt 4) die dort einzig hilfreiche Strategie „Ablenkung, was das Zeug hält“ eingebläut wurde. Es ist mir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich sie intuitiv auch in der oben beschriebenen Situation anwende. Hat es doch noch was Gutes gehabt!

    Liebe Grüße
    Mo Zart

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  2. „Bekanntlich bemüht man sich, die Kinder moralisch zu erziehen, indem man si ermahnt, nicht an den äußeren Dingen zu hängen: Grundlage dieser Unterweisung ist die Achtem vor dem Eigentum des anderen. Ist aber das Kind schon einmal so weit gekommen, so ist bereits eine Grenze überschritten, über die hinweg der Mensch sich von der Würde seines inneren Lebens entfernt, und darum wendet sich das Kind mit seinen wünschen den äußeren Dingen zu. Der Keim hat sich so tief in die Seele des Kindes eingesenkt, dass man dies als eine Eigenart der menschlichen Natur anspricht.“ In dem Buch Kinder sind anders von Maria Montessori ist so ernüchtern erzählt warum so eine Szene nicht typisch für Kinder ist. Ich kann das Buch wärmstens empfehlen. Es hat mich fasziniert. Liebe Grüße, Diana

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