Grenzen setzen

Dass Grenzen wichtig sind, ist heutzutage wohl allen klar. Doch wie reagiert man eigentlich, wenn man wirklich richtig sauer ist?

Wenn Eltern wütend auf ihre Kinder sind, reagieren viele mit Distanz. Sie schreien ihre Kinder an, mal mehr und mal weniger laut und lassen sie dann im Raum stehen oder schmeißen sie gar raus. Was vermitteln wir unseren Kindern dann? „Wenn ich wütend auf dich bin, grenze ich dich aus. Ich habe dich dann nicht mehr lieb. Du bekommst nur meine Liebe, wenn du nach meinen Vorstellungen handelst und die Liebe verdienst.“ Wir knüpfen unsere Liebe an Bedingungen. Doch eigentlich ist sie doch bedingungslos?!

Ein Beispiel aus meinem Alltag als unsere Tochter ein Jahr alt war:

Ich sitze auf dem Sofa und lausche dem Radio. Meine Tochter sitzt auf dem Boden auf einer Decke und spielt. Ich sehe im Augenwinkel, wie sie aufsteht und sich mit einer Puppe im Arm nach einer neuen Aktivität suchend in den Raum stellt. Langsam nähert sie sich der Steckdose und schaut diese prüfend an. Ganz interessant, denkt sie sich wahrscheinlich. Zwei seltsame Löcher, was mag das wohl sein? Ich beobachte sie und sage: „Das ist die Steckdose. Lass sie in Ruhe.“ Sie guckt mich etwas neckisch an. Und zack beginnt sie, mit den Finger in die Steckdose zu greifen. Das finde ich natürlich gar nicht witzig, denn wenn sie das für ein Spiel hält, bringt sie sich in große Gefahr. Ich fahre sie daher laut (nicht schreiend) und mit tiefer, ernster Stimme an, sprinte zu ihr und halte ihre Hände mit festem Griff. Sie muss den Ernst der Lage begreifen und verstehen, dass das nicht irgendein Nein ist, sondern eine Aktion, die ich kein zweites Mal sehen möchte. Sogleich beginnt sie zu weinen. Sie ist noch klein und natürlich erst einmal schockiert von meiner Reaktion. Doch ich weiß, die Message ist angekommen. Ohne großes Zögern knie ich mich neben sie und nehme sie noch immer hockend in den Arm. Dabei erkläre ich ihr, warum ich so reagiert habe und wiederhole mehrfach laut „Nein“ und dass ich nicht möchte, dass sie an der Steckdose spielt. Langsam trocknen ihre Tränen. Sie sieht die Steckdose noch einmal prüfend an, dreht sich um und sucht sich ein anderes Spielzeug.

Eigentlich eine recht banale Situation, wie sie häufig auftritt. Es bestand keine akute Gefahr, die Steckdose war natürlich gesichert, und dennoch war es wichtig, diese Grenze deutlich zu machen. Der Unterschied zu der herkömmlichen Reaktion war, dass ich meine Tochter sofort in den Arm nahm und gleichzeitig nicht in eine „Ach, mein liebstes, armes Kind. Wein doch nicht. Es tut mir Leid. Aber tu das nie wieder!“-Stimmung verfiel, sondern weiterhin ernst blieb, meiner Tochter klar in die Augen sah und mein „Nein“ wiederholte. Damit habe ich folgendes Signal vermittelt: Mein Ärger hat keine Auswirkung auf unsere Beziehung. Auch wenn ich ärgerlich bin, kann sie sich an meiner Schulter ausweinen und bekommt die Nähe zu mir, die sie braucht. Meine Wut erkennt sie ganz eindeutig an meiner Stimme. Da gibt es keinen Zweifel. Es hat dann einen guten Grund und muss erst einmal befolgt werden. Ich setze sie jedoch nicht auf körperlichen Entzug. Ich als Mutter kann wütend sein und sie gleichzeitig lieben. Meine Liebe hängt nicht von ihren Handlungen ab. Diese besteht zu jedem Zeitpunkt, in jeder Situation. Worauf es ankommt, ist, immer mit dem Kind durch klaren Blick- und Körperkontakt in Beziehung zu bleiben. Auch wenn man noch so wütend ist.

Weiterführende Themen:

Wie wir damit umgehen, wenn wir als Eltern eine Grenze setzen und unser Kind diese dennoch nicht einhalten möchte, habe ich bereits in folgendem Artikel beschrieben: Nachgeben oder standhaft bleiben? sowie Das letzte Mal.

Wie viel man verbieten sollte bzw. wann ein Nein angebracht ist, habe ich in folgendem Artikel beschrieben: Wie viel Nein ist sinnvoll?

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3 Gedanken zu „Grenzen setzen

  1. Ich habe zu diesem Artikel eine Frage: Was machst Du, wenn dein Kind trotz klarer Grenze mit Worten (und der Stimme) und dem Festhalten nicht auf dich hört? Ich habe meine Tochter auch festgehalten, ernst „nein“ gesagt und kurz erklärt warum. Aber trotzdem hat dies länger gedauert, bis sie dieses Nein einhielt.Gibt es da noch einen Tipp oder liegt das am Charakter des Kindes :-)?

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    • Aus meiner Sich liegt das nicht am Charakter. Sicher ist es eine Übungssache und muss sich zwischen Mutter und Kind einspielen. Jedes Kind ist grundsätzlich in der Lage, Grenzen zu respektieren und ein Nein zu verstehen.
      Wenn ich merke, dass meine Tochter mein Nein gar nicht ernst nehmen will, gehe ich zu allererst außer Reichweite des kritischen Gegenstandes. Ich bleibe dann innerlich ganz ruhig und bestimmt. Wenn ich als Mutter entscheide, dass ich etwas nicht möchte, weil davon beispielsweise eine Gefahr ausgeht, steht dieses Nein nicht zur Debatte. Ich warte dann einen Moment ab und sage gar nichts. Ich halte sie nur fest umarmt, so dass sie weder sich selbst noch mir weh tun kann. Entweder sie beruhigt sich dann von selbst langsam, oder ich lasse sie nach einer gewissen Zeit los und prüfe, ob sie die nun wiedererlangte Freiheit als Geste des Entgegenkommens verstanden hat und sich wieder für meine Worte öffnet. Merke ich noch immer starken Widerstand und den Willen, die Grenze erneut zu überschreiten, mache ich ihr Angebote, wie sie stattdessen mit dem Gegenstand umgehen kann. Ich sage dann zum Beispiel: „Ich möchte nicht, dass du mit dem Stock gegen die Fensterscheibe schlägst. Du kannst das Fenster streicheln.“ Oder „Du kannst das Tuch nehmen und damit die Fensterscheibe streicheln.“ Oder „Du kannst mit dem Stock auf die Steine draußen hauen, wenn dir das Geräusch gefällt.“ Ich zeige ihr also, was sie darf, statt mich auf das Verbot zu konzentrieren. Darauf reagiert sie meist sehr schnell und ist mit der neuen Tätigkeit einverstanden. Ihr geht es meist um das Erleben und Fühlen einer Oberfläche. Manchmal ist es auch der Klang, der entsteht, wenn zwei Gegenstände aufeinander treffen. Dann versuche ich, ihren Wunsch in eine andere Richtung zu lenken, die keine Gefahr darstellt und die dennoch ihr Bedürfnis erfüllt. Ich wäge immer ab, ob es nun unbedingt notwendig ist, ihr eine Grenze in all ihrer Härte deutlich zu machen. Oder ob es nicht ausreicht, ihr eine Alternative vorzuschlagen, so dass sie sich von selbst gar nicht mehr um die Grenze bzw. das Überschreiten dieser kümmert. Zu einem späteren Zeitpunkt oder wenn sie etwas älter ist, kann ich ihr die Existenz und den Sinn der Grenze erneut erklären. Dann versteht sie es vielleicht besser und ich brauche keinen Kampf mit ihr beginnen.
      Wenn wir in solch einer Situation in Beziehung mit unserem Kind bleiben, dann blicken wir sinnbildlich über den Widerstand des Kindes hinweg. Wir erspüren das Bedürfnis, das hinter dem oberflächlichen Zorn über das Verbot steckt. Wenn wir uns die Zeit nehmen, dieses Bedürfnis zu ermitteln, können wir ohne Gewalt, ohne Verzweiflung und ohne Wutausbrüche zum Ziel kommen und beide zufrieden sein. Unser Kind ist nicht unser Gegner. Es kann sich nur noch nicht so gut ausdrücken.

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      • Danke für die ausführliche Antwort! Mit Alternativen aufzeigen bzw. im Arm halten, habe ich auch schon gute Erfahrungen gemacht. Deine Antwort hat mich darin bestätigt, das wieder öfters zu machen.

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