Das letzte Mal

Meine Tochter ist fleißig am Rutschen auf dem Spielplatz. Ich kündige an, dass ich nun nach Hause gehen möchte. Sie rutscht noch einmal und signalisiert mir danach, dass sie immer noch nicht mitkommen möchte. Ich sage also: „Du darfst noch ein letztes Mal rutschen.“ Während sie zur Rutsche läuft, wiederhole ich mehrfach „Das ist das letzte Mal. Danach gehen wir.“ Bei den ersten Versuchen, diesen Begriff einzuführen, wollte sie nach dem „letzten“ Rutschen natürlich erneut rutschen. Sie hatte zwar brav genickt, es aber nicht wirklich verstanden. Ich schnappte sie mir daher sofort nach dem Rutschen und nahm sie konsequent mit, ohne auf Einwände einzugehen. Nach einigen Versuchen war dann für sie klar, was „das letzte Mal“ bedeutet. Wenn ich nun sage, ich möchte jetzt nach Hause gehen, fragt sie mich: „Noch einmal?“, ich sage: „Ja, ein letztes Mal.“, sie rutscht und kommt dann mit. Sie weiß, dass ich ihrem Wunsch gerne nachkomme, danach dann aber nicht mehr mit mir verhandeln lasse.

Diese ersten Male waren dabei von entscheidender Rolle. Ich sehe viele Eltern auf den Spielplätzen, die natürlich auch sagen „Ja, ein letztes Mal noch“. Das Kind rutscht… und rutscht… und rutscht… Und es folgt keine Konsequenz! Die Eltern sind im Gespräch oder gucken etwas auf ihrem Handy nach oder räumen ein. Wenn sie dann fertig sind und wirklich los wollen, schreien sie ihr Kind an: „Nun komm endlich. Ich hab doch gesagt, ein letztes Mal.“ Wie soll ein Kind das verstehen? Je älter das Kind wird, desto verständlicher ist ihm natürlich, was „das letzte Mal“ bedeutet. Wenn es aber bis dahin vor allem gelernt hat, dass es durchaus noch drei-, viermal rutschen kann, bevor irgendetwas passiert, nutzt es das natürlich aus. Würde mir jemand sagen, du darfst nur noch einen Bissen vom Kuchen essen, lässt dann aber keine Reaktion folgen, wenn ich doch mehr esse, würde ich den Kuchen auch aufessen. Wenn Eltern eine Ansage machen, muss ihnen bewusst sein, dass sie bei Nichteinhaltung dieser auch Konsequenzen folgen lassen müssen. Sonst sind es leere Worte. Und gleichzeitig lernt das Kind, dass es nicht reagieren muss, wenn Mama oder Papa etwas sagt. Vielleicht sind sich viele Eltern der Bedeutung dieser Handlung gar nicht bewusst. Wenn wir in diesem Punkt nachlässig sind, übertragen Kinder dies meist auf jede Ansage der Eltern. „Komm zum Essen.“ Kind reagiert nicht. 5 Minuten später: „Komm jetzt bitte an den Tisch.“ Kind bewegt sich langsam.

Es geht nicht darum, dass ein Kind wie ein Hund zu gehorchen hat. Es ist wichtig, dass ein Kind begreift, dass es das Wort eines Erwachsenen nicht einfach ignorieren darf. Überspitzt gesagt, kann es dabei um Leben und Tod gehen. Es geht darum, dass ein Kind erkennt, wenn der Erwachsene eine Grenze setzt und eine entsprechende Reaktion erwartet. Wenn es blind über die Straße laufen will, muss es sofort reagieren, wenn jemand „Nein“ oder „Stop“ ruft. Hat es aber gelernt, dass man ruhig auf ein zweites „Nein“ oder „Stop“ warten und bis dahin weitermachen kann, kann es das Kind in Lebensgefahr bringen.

Tipp: Einfach andere Worte benutzen. Wenn es einem wirklich nicht so wichtig ist, wie oft das Kind jetzt noch rutscht bevor man nach Hause geht, einfach sagen: „Ich will jetzt aufbrechen. Du darfst noch so lange rutschen, bis ich eingepackt habe.“ Kinder sind nicht blöd. Sie begreifen das sofort und beobachten die Mutter bzw. den Vater ganz genau. Hat dieser eingepackt, ist klar: Jetzt gehen wir. Will das Kind dann immer noch nicht, kommt „Ein letztes Mal noch.“ Danach wird das Kind eingepackt, auch wenn es erstmal protestiert. Es weiß genau, Mama und Papa haben „ein letztes Mal“ gesagt und eigentlich habe ich mich daran zu halten.

Dazu kann ich auch den Artikel Wie viel Nein ist sinnvoll? und Wie lang ist eine Minute? empfehlen.

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6 Gedanken zu „Das letzte Mal

  1. Welch wahre Worte! Ich weiß um die Bedeutung vom „letzten Mal“ auch sehr gut Bescheid, weil ich solche gute Erfahrungen mit „noch einmal“ in meiner Erzieherlaufbahn gemacht habe. ABER ich ertappe mich als Mama jetzt immer wieder mal, dass letztes Mal nicht letztes Mal bedeutet, weil meine Tochter so gerne noch dies oder jenes ausprobieren möchte, was sie vorher noch nicht gemacht oder sich getraut hatte. Obwohl ich weiß, dass ich „falsch“ handle, bin ich in einem Konflikt: Soll ich ihr das nun verwehren, damit ich mich durchsetzen kann oder soll ich sie gewähren lassen? Der Verstand und die Erzieherin in mir sagen ganz klar: Sei konsequent! Die Mutter in mir plädiert eher für das Kind…Bin mir noch nicht sicher, wie und ob ich das für mich lösen kann. Mir ist es schon wichtig, dass meine Tochter auf mich hört und ärgere mich auch, dass sie es gerade nicht so macht, jedoch will ich auch nicht alles über sie hinweg bestimmen. Ich weiß auch nicht ob es hier einen Mittelweg gibt, indem ich ihr mitteile, dass ich gehen möchte und sie evtl. frage, wie oft sie noch rutschen mag. Und wenn es z.B. über 5 mal ist, dass ich dann mein Bedürfnis kundgebe, dass ich nach Hause möchte und wir so eine gemeinsame Einigung finden. Bin noch am Ausprobieren 🙂

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    • In Deinem Beispiel mit dem Rutschen finde ich tatsächlich Deine Idee ganz gut, Deine Tochter zu fragen, wie oft sie noch rutschen mag. Ein Kind sollte nicht das Gefühl haben, die Eltern in der Hand zu haben. Aber es hat natürlich Mitspracherecht. Wenn sie sagt, wie oft sie noch rutschen will und Du diese Anzahl mit einer Bedingung verknüpfst, beispielsweise dass ich danach aber definitiv nach Hause geht, lernt sie, sich auf eine verhandelte Aktion einzulassen und diese dann auch zu befolgen. Du gehst einen Schritt auf sie zu, weil Du ihrem Wunsch nach mehr Rutschen folgst und bleibst dennoch groß, weil Du Deinem Wunsch ebenso treu bleibst. Will sie nach den x-Mal nicht mitkommen, kannst Du ihr klar mitteilen, dass ihr es aber so vereinbart habt und Du sie nun einfach mitnimmst. Dann empfindet sie Deine Entscheidung nicht als willkürlich, sondern nach und nach als verständlich.
      Ich habe festgestellt, dass dieses kleine Entgegenkommen des Erwachsenen eine enorme Wirkung hat.

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  2. Ich ertappe mich gerade dabei, dass ich ebenfalls schon in die „nur noch einmal“ Falle getappt bin. Doch ich glaube, ich stolpere häufiger über das „Ja von mir aus, ein bisschen Zeit haben wir noch“. Vielleicht sollte ich mir dahingehend etwas präziser ausdrücken.

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  3. mir scheint, es geht auch darum, W o r t e ernst zu nehmen. Je früher ein Kind begreift, dass es besondere Worte gibt, desto wacher lauscht es auch darauf, w a s gesagt wird. Wenn alles „nach Gefühl und Wellenschlag“ geschieht, je nach Stimmung und Druck, den die Erwachsenen gerade subjektiv verspüren, lernt das Kind, dass alles einigermaßen unklar bleibt, und es „immer noch eine Chance“ herausholen kann. Ich erinnere mich besonders unangenehm an das Wörtchen „naja“, das als Zeichen der „erwachsenen Resignation“ immer dann kam, wenn der Erwachsene begriffen hatte, dass er sowieso nicht ernst genommen wurde. Schlimm wirkt sich das erst aus, wenn diese Kinder älter werden und gelernt haben, auf das „naja“ zu spekulieren. Sie sind dann bass erstaunt, wenn ein Erwachsener plötzlich komplett ausrastet, weil ihm bzw. ihr plötzlich klar wird, dass er / sie jeden Einfluss verloren hat – eben auch bei lebenswichtigen Entscheidungen.
    Das Ernst-Nehmen seiner selbst und des Kindes fängt eben schon da an, wo die ersten Worte gelernt werden.

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