AD(H)S

Aufgrund eines Kommentars widme ich mich heute dem Thema AD(H)S.
Dies ist ein sehr komplexes Thema, der Leidensdruck betroffener Eltern ist hoch und die Meinungen zahlreich. Ich möchte nicht über mögliche medizinische oder genetische Ursachen sprechen, denn damit kenne ich mich nicht aus. Ich werde hier die Erfahrungen von Aufstellungen zu diesem Thema und einigen Betreuern, die mit AD(H)S-Kindern gearbeitet haben, zusammenfassen.
Ich möchte nicht pauschalisieren und nicht runterspielen. Jeder darf seine Meinung dazu haben und auch gern eine andere als meine. Die Kinder und Eltern haben mein tiefstes Mitgefühl und meine volle Achtung, denn sie leisten Beeindruckendes! Auch wenn Eltern nicht wie im Folgenden beschrieben handeln, sind sie völlig richtig. Wir alle handeln nach bestem Wissen, und die Zuneigung zum Kind steht an erster Stelle.
Ich möchte alle betroffenen Eltern darin bestärken, ihrem Kind dankbar für seine Sensibilität zu sein. Stark aktive, unruhige und unkonzentrierte Kinder nehmen Spannungen in ihrer Umgebung besonders sensibel wahr und spiegeln diese in ihrem Verhalten. Sie sind sehr kostbare Menschen. Und sie wollen ihre Familie auf ein großes Spannungsfeld aufmerksam machen. Für mich sind diese Kinder nicht hyper-aktiv, sondern hyper-sensibel und -wachsam. Und das ist eine wertvolle Gabe.

In Deutschland steigt die Rate der mit AD(H)S-diagnostizierten Kinder von Jahr zu Jahr rasant. Das mag daran liegen, dass Ärzte heutzutage sehr schnell zu dieser Diagnose greifen und man früher keine Worte dafür hatte. Doch sicherlich sind auch einfach mehr Kinder als früher davon betroffen.
Unser Land, wie viele andere auch, hat sehr unter den Kriegen des letzten Jahrhunderts gelitten. Das heißt, unsere Eltern und Großeltern hatten mit schmerzhaften Verlusten, schweren Traumata und zum Teil mit Armut zu kämpfen. Das hat tiefe Wunden in unseren Familien hinterlassen und nicht selten wurden Familienmitglieder depressiv, nahmen sich das Leben oder waren äußerst aggressiv und verschlossen. All dies mag in Vergessenheit geraten und uns im Alltag längst nicht mehr präsent sein, doch systemisch stecken uns diese Informationen noch „in den Knochen“. Sie werden von Generation zu Generation als Lebensgefühl oder als mangelnde Fähigkeit, Liebe zu zeigen, weitergegeben, wenn die Trauer, der Schmerz und die Wut nie von der betroffenen Person verarbeitet wurden. Natürlich können solche Probleme auch näher in der Gegenwart liegen. Aber es verdeutlicht recht eindrücklich, dass fast jede Familie ihr Päckchen zu tragen hat und es kaum jemanden gibt, der keine schmerzhaften Themen in der Familie kennt.
Was also ein hyper-sensibles Kind ausdrückt, ist ein Gefühl der Zerrissenheit, ein Spannungsfeld der Familie, mit dem es nicht umgehen kann. Es erlebt häufig Ausgrenzung und Abwertung. Sowohl von der Familie als auch von anderen Kindern oder Erwachsenen, die verunsichert und verängstigt auf das Verhalten reagieren. Wenn die Eltern die Diagnose erstmals hören, spüren sie oft Erleichterung, dass dem endlich ein Name gegeben wurde. Doch allein die Wirkung der Diagnose kann verheerend sein. Von nun an steht jedes unangenehme Verhalten des Kindes unter dem Deckmantel der Diagnose. Sogar das Kind selbst kann sich auf dieser Diagnose ausruhen. „Warum noch etwas ändern wollen? AD(H)S ist doch nicht heilbar. Wir müssen es einfach aushalten.“ Das Kind wird zum Problem der Familie deklariert, hinter dem sich alle verstecken können. Doch damit verkennt man das große Geschenk, das das Kind seinen Eltern macht: Es weist auf ein Trauma in der Familie hin, das vielleicht den Eltern oder einem Verwandten widerfahren ist. Gern verdrängt eine Familie ein solches Thema. Es ist leichter mit einem kranken Kind zu leben, an dem man ewig herumdoktern und auf die Ärzte schimpfen kann, als sich mit den eigenen seelisch schmerzhaften Themen auseinanderzusetzen. Die Kinder werden ihren Eltern zu Liebe auffällig. Sie wollen ihren Eltern den Schmerz erleichtern und lenken daher durch ihr Verhalten vom eigentlichen Problem ab. Gleichzeitig sind sie wie die Sirene vor einem Bombenangriff: sie sind der augenscheinliche Hinweis, dass etwas nicht ausgesprochen oder angesehen wird.

Ich begann diesen Artikel damit, dass es sich hierbei um ein sehr komplexes Thema handelt. Hier spielt sich vieles auf einer tiefen, unbewussten Ebene ab. Sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern. Es gibt nicht die eine richtige Therapie oder Ursache. Die Gemeinsamkeit zahlreicher systemischer Aufstellungen zu diesem Thema ist, dass es sich meist um ein großes Trauma in der Familie handelt, auf das das Kind hinweist. Manchmal war es Missbrauch oder Gewalt in der Herkunftsfamilie. Manchmal war es eine stark gestörte Bindung zur Mutter aufgrund traumatischer Erlebnisse. Hier geht es nicht um Fehler in der Erziehung. Hier geht es nicht um schadhaften Einfluss von außen. Hier geht es nicht um Schuldzuweisung. Den Eltern darf kein Vorwurf gemacht werden! Vielleicht tragen eine gute Ernährung, ein stabiler, strukturierter, liebevoller Umgang mit dem Kind dazu bei, das Kind zu beruhigen. Doch die Grundtendenz bleibt meist in irgendeiner Form bestehen. Das Therapieren des Kindes ist häufig nur das Bekämpfen eines Symptoms. Zum Grund der inneren Unruhe gelangt man meist erst, wenn die Eltern sich den Problemen ihrer Familien widmen. Sie tun ihrem Kind viel Gutes, wenn sie selbst in Therapie und auf Spurensuche in ihrer Familie gehen, statt ihr Kind von Arzt zu Arzt, von Schule zu Schule zu schleppen. Es wäre jedoch kontraproduktiv, den Eltern bewusste Verschleierung oder falschen Umgang mit dem Kind vorzuwerfen. All das geschieht unbewusst. Vor dem Hintergrund, dass es möglicherweise ein schweres Trauma in der Familie gibt, ist das Verhalten der Eltern ebenso verständlich. Sie schauen das Thema nicht bewusst nicht an, sondern weil sie viele Emotionen durchstehen müssten, um es endgültig zu bearbeiten. Das bereitet jedem Menschen Angst! Das Kind ist in großer Liebe mit seinen Eltern verbunden und wird weiterhin alles tun, um seine Eltern vor diesem großen Schmerz zu bewahren. So trägt es die Last, die eigentlich die Eltern tragen müssen. Aus Liebe.

Erleichterung verschafft, dem Kind mit Einfühlung zu begegnen, sich auf dessen Schmerz einzulassen und sein Verhalten nicht zu ignorieren. Diese Kinder werden von der Mehrheit der sie umgebenden Menschen nicht ernst genommen. Sie werden häufig ausgegrenzt. Dies erleben sie bereits in der Familie und es wiederholt sich in allen Systemen, in denen sie sich aufhalten, weil die Menschen aus Selbstschutz die Augen und ihr Herz verschließen. Diese Kinder haben unglaublich viele Enttäuschungen in ihrem jungen Leben erlebt, und sie fühlen sich völlig verloren, orientierungslos und wütend, weil keiner sie versteht und sie mit niemandem in Kontakt gehen können. Meist wissen sie nicht, wo ihr Platz im System ist. Es ist daher für das Kind eine große Erleichterung, wenn sie spüren, dass man sie ernst nimmt, sie als vollwertigen Menschen und als dazugehörig akzeptiert. Da sie so sensibel sind, fühlen sie den Unterschied der inneren Haltung eines Menschen sofort! Es hat sich auch gezeigt, dass die sogenannte Festhaltetherapie eine gute Wirkung hat. Meist ist der Drang des Kindes nach Bewegung so stark, dass sich das Kind gegen jeglichen Körperkontakt wehrt. Doch die Heilung besteht im Aushalten dieser ersten Reaktion. Nach und nach wird das Kind ruhiger, bis es irgendwann wieder Nähe zulassen kann. Dabei geht es nicht darum, das Kind gegen seinen Willen festzuhalten, sodass es Angst und Wut erlebt. Es geht darum, der tiefen Unruhe im Inneren des Kindes in Liebe etwas entgegen zu setzen, so dass es zur Ruhe kommt, die Grenzen seines Körpers und die beständige, bedingungslose Zuwendung der Eltern spürt.
Einige Therapieformen und Medikamente zum Thema ADHS versuchen, das Kind zu „normalisieren“ oder sogar ruhig zu stellen, damit es nicht stört. Doch es gibt ja einen guten und sinnvollen Grund, warum das Kind sich so verhält. Wir schalten im Falle eines Brandes ja auch nicht einfach den Rauchmelder aus und gucken weiter Fernsehen. Die Ursache für die Schwierigkeiten in der Familie liegen nicht im Verhalten des Kindes. Sie liegen viel tiefer. Das Kind ruhig zu stellen oder ihm gesellschaftstaugliche Verhaltensweisen beizubringen, helfen weder dem Kind noch der Familie langfristig.

Um das Kind in erster Linie zu unterstützen, sind Zuverlässigkeit der Eltern, Struktur, Ordnung und klare Regeln sowie eine ausgewogene Ernährung mit möglichst wenig Zucker und gegebenenfalls wenig Fleisch wichtig. So fassen die Kinder Vertrauen und ihrem Körper wird nicht unnötig zusätzliche Energie verabreicht. Medikamente bringen das Kind oft in einen Zustand von Ausweglosigkeit, machen sie apathisch oder sogar depressiv, auch wenn sie sich auf den ersten Blick beruhigen. Sobald die Wirkung nachlässt, kehrt das Symptom zurück. Wichtig für die Kinder ist, seitens der Eltern stets zu spüren, dass sie zur Familie dazugehören, bedingungslos geliebt und ernst genommen werden sowie die Eltern zuverlässig für sie da sind.

Sehr, sehr empfehlenswerter Artikel zu diesem Thema mit weiteren Informationen:
Franz Ruppert und Christina Freund – Hyperaktivität und ADHS Erkenntnisse über die Ursachen der Unruhe von Kindern aus zwei Aufstellungsseminaren

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