Neuer Partner

Die 28jährige Vanessa hat sich vor drei Jahren von ihrem Freund getrennt. Sie haben ein gemeinsames Kind, Lukas. Er ist nun sechs Jahre alt. Vor Kurzem hat Vanessa einen neuen Mann kennengelernt, Lars. Als sie ihm nach einigen Wochen von ihrem Sohn erzählt, reagiert er irritiert. Er hatte noch nie eine Freundin mit einem Kind aus erster Beziehung. Aber nach einigem Überlegen kommt er zu dem Schluss, dass sie es einfach mal probieren sollten, denn er mag Vanessa wirklich sehr.

Welchen Platz nimmt ein Partner ein, wenn aus erster Beziehung bereits Kinder existieren?

Da es immer mehr alleinerziehende Mütter und Väter gibt, ist dies eine wichtige Frage. Sehr häufig gerät die Person mit Kindern in eine schwierige Lage, weil sie sich sowohl dem neuen Partner als auch den Kindern widmen möchte. Zugleich haben viele mit Kindern Angst, den neuen Partner zu verprellen, wenn dieser merkt, dass die Kinder an erster Stelle stehen oder dem frisch verliebten Paar allzu häufig in die Quere kommen. Das Dilemma beginnt, weil ein Mensch nun mal nicht nur aus Mutter- oder Vatersein besteht, sondern jeder auch Bedürfnisse als Mann oder Frau hat.

In einer Beziehung mit gemeinsamen Kindern ist klar, dass der Mann für die Frau und die Frau für den Mann an erster Stelle steht, denn die Beziehung war vor den Kindern da und wird auch noch da sein, wenn die Kinder das Haus verlassen. Aus dieser Verbindung kommt die Kraft, für die Kinder da zu sein.

Ist man jedoch nicht mehr mit Mutter oder Vater der Kinder zusammen, gestaltet sich die Situation anders. Dann kommen die Kinder an erster Stelle und der neue Partner erst danach. Wenn also Lukas abends quengelt und nicht ins Bett gehen will, während Lars in der Küche auf den gemeinsamen romantischen Abend mit Vanessa wartet, hat das Kind Vorrang. Das heißt nicht, dass eine alleinerziehende Person sich von den Kindern kommandieren oder die neue Beziehung bzw. den neuen Partner vorschreiben lassen muss. Hier kommt ein wichtiger Punkt zum Tragen: Die Beziehung der Eltern (auch die neue) geht die Kinder nichts an. Mutter oder Vater entscheiden auf der Paarebene, wen sie für einen akzeptablen neuen Partner halten und ob die Zeit reif ist, sich einer neuen Beziehung zu öffnen.

Diese Rangfolge muss auch der neue Partner einhalten. Hier sind in der Praxis die größten Schwierigkeiten zu beobachten.

Lars möchte Nummer eins sein für Vanessa und ihr seine Liebe zeigen. Doch dann funkt immer wieder Lukas dazwischen. Er kann sich nicht so recht mit Lars anfreunden und will seine Mama für sich haben.

Der neue Partner MUSS den Vorrang der Kinder achten, sonst hat die Beziehung keine Zukunft. Entweder die Beziehung hält, aber die Kinder werden sich distanzieren oder dem neuen Partner den Krieg erklären. Oder aber die Beziehung geht sehr schnell den Bach runter, weil die Mutter den Kampf zwischen Partner und Kindern nicht erträgt. Kinder spüren, wenn der neue Partner die erste Stelle an der Seite der Mutter einnehmen will. Sie bekommen Angst, ihre Mutter zu verlieren, fühlen sich verdrängt und rebellieren gegen diese Missachtung. Erst wenn diese Ordnung respektiert wird, können sich alle Beteiligten entspannen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Achtung des anderen Elternteils.

Vanessa und Lars sind nun seit einigen Monaten ein Paar. Lukas geht sehr distanziert mit Lars um, aber es macht den Anschein, als würden sie sich vertragen. Mittlerweile weiß Lars mehr über den früheren Partner von Vanessa. Wenn die zwei zusammen sind, schimpft er über dessen schlechtes Verhalten. Er wäre ein viel besserer Vater und will nun für Lukas an dessen Stelle da sein. Vanessa schimpft mit ihm gemeinsam über Lukas‘ Vater. Doch seit dieses Thema begonnen hat, fühlt sie sich nicht mehr so wohl neben Lars.

Ein neuer Partner, der über den anderen Elternteil des Kindes schlecht redet, erntet vielleicht zuerst Zustimmung und Bestätigung des anderen, denn der andere, in diesem Fall Vanessa, hat sich sicher mit Grund getrennt oder vielleicht sind sogar noch Wut und Trauer vorhanden, denen so Luft verschafft wird. Doch damit begibt sich der neue Partner auf Glatteis. Wer weiß schon, was sich wirklich zugetragen hat, damit sich das frühere Paar trennte? Wer garantiert, dass sich der neue Partner in derselben Situation nicht ebenso verhalten hätte wie der frühere? Wer sagt, dass überhaupt alle Wahrheiten über die Trennung und das Verhalten des anderen Elternteils bekannt sind?

Was bedeutet Lars‘ Kritik am früheren Partner?
Schimpft der neue Partner auf den früheren, schimpft er indirekt auch auf die Person, die er doch liebt. Denn er wirft ihr vor, falsch gewählt zu haben. Warum sonst bekommt man ein Kind mit solch einer blöden Person? Dummheit? Naivität? Schwäche? Mangelnde Menschenkenntnis?
Unbewusst kommt die Kritik, die doch eigentlich dem früheren Partner gilt, auch bei Vanessa an. Zugleich passt Lars unbewusst ganz genau auf, ob Vanessa ebenfalls über den früheren Mann schimpft. Tut sie dies, ist klar, dass im Falle einer Trennung der neuen Beziehung auch Lars damit rechnen muss, dass über ihn geschimpft wird. So entstehen im Untergrund Spannungen zwischen dem frisch verliebten Paar, die die Zukunft der Beziehung belasten.

Ebenso hat das Schimpfen über den früheren Partner eine Wirkung auf das Kind. Das Kind spürt, dass ein Teil von ihm, der andere Elternteil, abgelehnt wird. Durch das Schimpfen fühlt sich der neue Partner dem früheren überlegen oder sogar als bessere/r Mutter/Vater. Das quittieren Kinder meist mit ablehnendem Verhalten. Mal ist es nur Zurückhaltung, mal offensive Abwehr des Neuen.

Der entscheidende Punkt ist, dass Lars den früheren Partner als ersten Partner anerkennt und sich nicht anmaßt, ein besserer Vater sein zu können. Die Verbindung zwischen Kind und Eltern ist immer größer als jede neue Beziehung zu einem anderen Erwachsenen, der das Kind großzieht. Egal, wie objektiv „schlecht“ der nicht anwesende Elternteil ist. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob das Kind den Elternteil jemals oder oft gesehen hat. Selbst wenn das Kind bei Adoptiveltern aufwächst, ist die Verbindung zu den leiblichen Eltern und der unbewusste Wunsch, ihnen nah zu sein, immens.
Der erste Platz neben Vanessa ist für immer an Lukas‘ Vater vergeben, auch wenn diese getrennt leben und sich nicht mehr lieben. Sie sind als Eltern immer über ihr Kind verbunden.
Kann Lars dies anerkennen, wird sich die Beziehung zwischen ihm und Vanessa entspannen und hat eine gute Zukunft.

Doch was heißt es in der Praxis, den ersten Partner zu achten?

Es heißt, sich in Gedanken vor den ersten Partner zu stellen und ihm zu sagen „Ich achte dich und deinen Platz. Du kamst vor mir und ich komme nach dir. Du bist der erste, ich bin der zweite.“ Es sind einfache Worte, doch sie bewirken eine Veränderung der inneren Haltung.
Doch auch Vanessa kann sich nur auf die neue Beziehung einlassen, wenn sie ihren ersten Mann achtet. Es wird ihr erst gut gehen, wenn sie anerkennt, dass ihr erster Mann vor Lars da war und immer Lukas‘ Vater bleiben wird, egal ob er alkohol-, drogenabhängig, arbeitslos, gewalttätig ist oder sich in anderer Form schlecht gegenüber Vanessa verhalten hat. Sie muss sein Verhalten nicht für gut befinden oder ihn lieben. Sie muss nur seinen Platz im System anerkennen und ihrem Sohn die Freiheit lassen, den Kontakt zum Vater zu pflegen.

Zu guter Letzt ist für Vanessa noch zu beachten, dass sie es nicht als Selbstverständlichkeit sieht, dass Lars sich nun um ihren Sohn kümmert. Dies ist ein großes Geschenk von ihm. Begegnet sie dem mit Anerkennung und Dankbarkeit, entspannt sich die Beziehung und Lars wird dies weiterhin mit Freude ihr zu Liebe tun.

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