Systematische Aberziehung der Intuition

Einst waren Eltern ganz mit ihren Kindern verbunden. Die Natur sah es vor, durch die Geburt und die dabei ausgeschütteten Hormone im Körper der Frau eine tiefe Bindung zum Kind aufzubauen. Es war für das Kind überlebensnotwendig, die Zuneigung der Mutter zu erhalten und auf deren Schutz zu vertrauen. Nicht nur durch die Geburt, auch durch die lange Schwangerschaft pflegte jede Mutter eine tiefe seelische Beziehung zum Kind. Wenn das Kind schrie, war die Mutter zur Stelle. Das Kind wurde stets am Körper getragen, was nicht nur besonders praktisch im arbeitsreichen Alltag einer Sammlerin damals war, sondern sich auch positiv auf die Mutter-Kind-Beziehung und das Urvertrauen sowie die Ausgeglichenheit des Kindes auswirkte. So waren theatralische Erziehungsmaßnahmen nicht nötig. Mütter vertrauten stets auf ihre Intuition, wenn das Kind signalisierte, dass etwas nicht stimmte. Mutter und Kind waren im Einklang miteinander und handelten nicht gegeneinander. Die Frauen hatten von ihren Müttern gelernt und schon als Kinder viele andere Mütter im Umgang mit ihren Kindern beobachten können. Der Umgang mit Kindern war so selbstverständlich wie das Kochen oder das gemeinsame Singen.

Es gab keine Bücher zum Thema Erziehung. Es gab kein Internet mit zahlreichen Foren-Einträgen. Es gab nicht jährlich oder monatlich neue wissenschaftliche Studien, die propagierten, was besonders gut für das Kind sei. Wie war Erziehung damals überhaupt ohne all dieses Wissen möglich? Und doch funktionierte es irgendwie. Und manchmal denkt man, es funktionierte vor 1.000 Jahren besser als heute.

Wir wachsen in der heutigen Zeit nicht mehr in Großfamilien auf. Das bedeutet, wir haben keine Vorbilder mehr, von denen wir lernen, wie man mit Kindern umgeht. Was übrig bleibt, sind die Erfahrungen mit der eigenen Mutter. Von diesen ist man aber nicht immer begeistert. Also suchen wir nach anderen Vorbildern. Wo sollen wir diese finden, wenn nicht in der Literatur? Doch leider spiegeln auch Bücher oft nur die aktuelle Mode wider. Auch in der Kindererziehung. So empfahlen Ärzte Jahre lang, das Kind lieber mit Kuh-, statt mit Muttermilch zu ernähren, sodass das Stillen bald gänzlich verpönt war. 20 Jahre später schrien auf einmal wieder alle, man solle bloß stillen, das sei gut für die Bindung und man hätte doch Stoffe in der Muttermilch gefunden, die die Kuhmilch nicht ersetzen könne. Viele Jahrzehnte war es angesehen, sein Kind mit Disziplin und notfalls auch Prügel zu erziehen. Bis man Kinder plötzlich als ebenbürtige Familienmitglieder erkannte. So spielen Literatur und Wissenschaftler Ping Pong auf dem Rücken unserer Kinder.

Und wir Eltern? Wir verlieren uns im Dschungel der Ratgeber und Studien. Wissen irgendwann weder ein noch aus, weil diese sich auch gerne widersprechen. Bücher locken mit Versprechen, wie „Jedes Kind kann schlafen“ oder „… Regeln lernen“ oder „… richtig essen“. Wir springen gern auf diese Titel an, denn sie packen uns meist bei unseren Alltagsproblemen. Doch bei all den guten Ratschlägen vergessen wir doch eines, was uns die Natur schon in die Wiege legte: unsere Intuition.

Wenn ein Kind schreit, ist die natürliche Reaktion einer Mutter, sich sofort um das Kind zu kümmern und den Grund des Schreiens zu beseitigen. In vielen Büchern wird jedoch aus methodisch-didaktischen Gründen dazu geraten, das Kind in festen Abständen schreien zu lassen, auch wenn dieses verzweifelt weint. Als man Kinder noch mehrheitlich lange am Körper trug, waren diese deutlich gelassener und ruhiger. Heute versucht man, der inneren Unruhe der Kinder durch erzieherische Maßnahmen Herr zu werden. Und je mehr wir lesen, je mehr wir hören, je mehr Personen sich in die Erziehung unserer Kinder einmischen, desto unsicherer werden wir, desto weniger vertrauen wir unserer Intuition.

Welch schöner Moment ist es, wenn eine Mutter einfach Mutter sein kann, ihrem Herzen folgt und sich ganz ihrem Kind widmet, wenn dieses schreit. Die Tränen laufen dem Kind noch über die Wangen, doch das Schreien lässt langsam nach, es beruhigt sich und findet Trost in den Armen der Mutter.

Wer sind all die Psychologen und Ärzte und Wissenschaftler, dass sie uns aufgrund von Statistiken zu sagen vermögen, was richtig für unser Kind sei, wenn es unserer natürlichen Intuition, unserem mütterlichen Instinkt doch so sehr widerspricht? Wir alle tragen diese Intuition in uns, auch wenn wir keine oder nur wenige Vorbilder im Umgang mit Kindern hatten. Häufig lassen wir uns nur durch die vielen Meinungen verunsichern und trauen diesen mehr als unserer eigenen. Doch wir sind es, die auf einer tiefen Ebene mit unseren Kindern verbunden sind und genau spüren, was hilft und was nicht. Manchmal bedeutet das, dass wir in 99% der Fälle den Empfehlungen der Bücher folgen, aber in einem Fall nicht, weil wir spüren, dass unser Kind dieses Mal etwas ganz anderes braucht. Und manchmal bedeutet es, dass wir einen ganz eigenen Weg wählen, der in keinem Buch explizit empfohlen wird. Worauf es ankommt, ist doch letztlich, dass wir selbst und vor allem unser Kind glücklich ist. Und unser Kind fühlt sich dann am wohlsten, wenn es die Kongruenz der Mutter mit ihren Handlungen und Gefühlen sowie ihre daraus resultierende innere Kraft spürt. Ein Kind ist kein wissenschaftliches Objekt. Es ist unser Kind. Es ist dieses einzigartige Geschöpf, das uns jeden Tag begleitet, das wir jeden Tag begleiten. Wer mit offenen Augen, Ohren und Herzen auf sein Kind zugeht, der weiß genau, welchen Empfehlungen er nachgehen sollte und welche wie die neue Herbstmode bald wieder verschwinden.

Wir sind die Experten im Umgang mit unserem Kind, und unsere Intuition ist die beste Unterstützung, unser Kind mit Liebe zu begleiten.

Das trügerische Bauchgefühl und wie uns die Generation von 1933-1980 erzogen hat: Die Erziehung unserer Großeltern und Eltern

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4 Gedanken zu „Systematische Aberziehung der Intuition

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