Möchtest du lieber Apfel-, Orangen-, Kirsch- oder Bananensaft?

Wir wollen es besonders gut machen. Wir wollen es besser machen als unsere Eltern. Wir durften damals nie mitbestimmen. Uns wurde alles vorgesetzt. Unsere Kinder sollen selbst entscheiden, sollen alles haben, was sie wollen.

Das Kind sitzt am Frühstückstisch, kaut noch etwas schläfrig auf einem Stück Brot. Die Mutter kommt: „Willst du lieber Apfel-, Orangen-, Kirsch- oder Bananensaft?“ Das Kind antwortet nicht. Die Mutter fragt erneut, ist nun schon leicht genervt, weil die Zeit rennt. Endlich kommt eine Antwort: Kirschsaft. Die Mutter greift in den Kühlschrank. Mist. Kein Kirschsaft da. „Wir haben doch keinen. Nimm bitte einen anderen.“ Das Kind fängt an zu schreien: „Ich will aber Kirschsaft“. Beginn eines wunderschönen Morgens.

Kinder kommen als unbeschriebenes Blatt auf die Welt. Sie kennen den Unterschied zwischen gut und böse, richtig und falsch nicht. Sie wissen nicht, dass das Gegenteil von nass trocken ist. Sie urteilen nicht über Menschen, sondern beobachten nur und halten das, was sie sehen, für das einzig Richtige. Sie lernen durch Beobachtung. Per se ist das richtig, was ihre Eltern ihnen vorleben. Trinkt die Mutter gerne Wasser und lacht fröhlich, wenn das Kind dies ebenfalls tut, weiß das Kind, Wasser ist gut. Trinken die Eltern immer Cola und lächeln, wenn das Kind davon probiert, speichert das Kind die Information „Wenn ich Cola trinke, freuen sich alle.“ Was passiert nun, wenn wir ein dreijähriges Mädchen fragen, ob es heute lieber blau, rot oder gelb anziehen möchte? Wir überfordern es. Wir ziehen dem Kind hart ausgedrückt den Boden unter den Füßen weg. Einige Forscher sagen, dass Kinder bis zum 10. Lebensjahr Sicherheit bei den Eltern oder einer Bezugsperson tanken müssen, bevor sie selbst Entscheidungen treffen können. Bis zu diesem Zeitpunkt stürzt es ein Kind in ein Gefühl furchtbarer Unsicherheit, wenn man von ihm verlangt, sich zwischen quasi gleichen und doch unterschiedlichen Dingen zu entscheiden. Nach welchen Kriterien soll das Kind entscheiden? Für ein Kind ist es völlig belanglos, welchen Saft es trinkt oder ob das Hemd nun rot oder gelb ist. Hauptsache es mag den Saft und ist dagegen nicht allergisch. Hauptsache das Hemd trägt sich nicht unangenehm.

Seit ich mir dessen bewusst bin, beobachte ich, wie oft ich meiner Tochter Fragen stelle, auf die ich entweder keine Antwort haben möchte („Wollen wir dich schnell wickeln?“) oder die sie einfach nicht beantworten kann („Willst du lieber die rote oder die blaue Hose?“). Ständig stellte ich Fragen, die ich eigentlich nur bejaht haben wollte, in der Hoffnung, durch die bewusste Zustimmung meiner Tochter würde sie leichter mitmachen. Doch immer öfter bekam ich auch ein Nein, womit ich dann gar nicht umgehen konnte. Auf die Frage, welche Hose sie gerne anziehen möge, bekam ich oft einfach gar keine Antwort. Oder die Antwort deutete darauf hin, dass sie keine Ahnung hatte, warum sie nun die eine und nicht die andere Hose wollte und nur mir zuliebe eine präferierte.

Seit dieser Beobachtungen versuche ich, immer weniger Fragen zu stellen. Es geht dabei nicht darum, meiner Tochter keine Auswahlmöglichkeiten zu bieten, sie mundtot zu machen oder ihr autoritär alles vor die Nase zu setzen. Viel mehr sehe ich, dass es ihr Sicherheit gibt, wenn sie von mir erstmal hört und sieht, was ich als „gut“ befinde. Meine Tochter hat keine Grundlage, um diese Entscheidungen zu treffen. Ich lasse ihr ja schließlich auch nicht die Wahl, ob sie über die dreispurige Straße läuft oder nicht. Wir als Eltern blicken auf viele Jahre Lebenserfahrung zurück und kennen Zusammenhänge, die ein Kind auch mit 8 Jahren noch nicht versteht oder erkennt. Indem wir unseren Kindern einen Leitfaden geben, vorleben, wie wir das Leben leben, finden sie Orientierung, tanken sie Sicherheit. Sobald sie mehr Lebensweisen gesehen haben und die Linie der Eltern verinnerlichen konnten, können sie ihre eigene Meinung entwickeln und selbst Entscheidungen treffen. Diese können dann auch gut und gerne von denen der Eltern abweichen. Aber um selbst ein Gefühl für den eigenen Weg zu entwickeln, muss man lernen, wie ein Weg aussehen kann. Um selbstbewusst handeln zu können, brauchen wir das Wissen, wie wichtige Bezugspersonen reagieren würden, brauchen wir Vorbilder, welche Handlungsmöglichkeiten es überhaupt gibt, brauchen wir Gewissheit, dass die Gruppen, denen wir angehören, uns nicht ausschließen, brauchen wir das Gefühl von innerer Sicherheit.

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Ein Gedanke zu „Möchtest du lieber Apfel-, Orangen-, Kirsch- oder Bananensaft?

  1. Hallo liebe Wamale,

    ja, ich kenne das, was du berichtes, aus vielen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen. Und ich habe zu dem, auch einige Bestätigungen in der Literatur gefunden: Zum Beispiel Jesper Juul. Er nennt Erzieher, die diese Methode des ständigen Bittens anwenden, „Neoromantiker.“ Er beobachtet häufig auf Spielplätzen, wie Eltern zu ihren Kindern lächelnd „bitte“ sagen und sie mit vielen Konjunktiven verwirren. „Könntest du das bitte aufheben?“ Spätestens wenn Kinder die Macht des Wörtchens „Nein“ entdeckt haben, wird die dahinter stehende Haltung zum Problem. Denn dann muss der Erwachsene entweder „Farbe bekennen“ und die Sache mit dem „könntest du bitte“ verstärken. Oft genug kippt die vormalige Nachlässigkeit in eine „mach jetzt gefälligst“-Haltung und wird genau das, was sie vermeiden wollte: autoritär.

    Diese Eltern sind vielleicht „konfliktscheu“, wie Jesper Juul meint, und wollen die „Entscheidungen ihren Kindern überlassen. Dann wundern sie sich, wenn ihnen später ihr Nachwuchs auf der Nase herumtanzt.“ er meint: „Viele Eltern benehmen sich heute wie Flugbegleiter.“ Klar, wenn man eine reiche Auswahl anbietet, muss man das gewünschte eben auch bieten können….Kinder verhalten sich da streng logisch….
    Es gibt da ein wichtiges „Grundgesetz des Helfens“: Man kann nur anbieten, was man auch geben kann.

    Kinder wünschen sich tatsächlich „Leitplanken“ und neigen später dazu, nach diesen zu suchen, bis sie fühlen, dass es da so etwas wie „Halt“ gibt. Das schöne Wort in seiner Doppeldeutigkeit kann man sogar doppelt wörtlich nehmen: ein „Halt“ zur richtigen Zeit gibt dem Kind einen „Halt“. Und eine Eindeutigkeit, an der sie sich auch einmal reiben können, tut Kindern gut – immer vorausgesetzt, sie fühlen sich gesehen und wahrgenommen.

    Sonst suchen sie und provozieren und suchen und testen…..wobei sie sehr kreativ werden können, besonders wenn sie bemerken, dass sie mehrere Erwachsene mit verschiedenen Ansichten gegeneinander ausspielen können, zum Beispiel Eltern und Erzieher, Lehrer, oder auch die eigenen Eltern gegeneinander.
    Kleine Anekdote: Ein verzweifeltes Elternpaar stellte in einem Seminar die nächtliche Situation, die sie praktisch seit Wochen erlebten, im Rollenspiel vor:
    Die 5jährige Tochter kommt regelmäßig so um mitten in der Nacht und möchte irgendetwas von den Eltern. …diese Nacht ist es ein Erdbeereis. Die Mutter lehnt ab und schickt sie wieder ins Bett. Jetzt wird der Vater mit dem süßesten Lächeln angebettelt. „Paaappiii….nur ein einziges Erdbeereis…Biiiiitttee!!!“ Der Papi wird weich. Er deutet an, nachzugeben, die Tochter frohlockt… In diesem Moment greift das Seminarleiter-Paar ein:

    „Wir spielen die Szene ab hier noch einmal neu, wir sind jetzt die „Eltern“: Szene von vorn. In dem Moment, in dem sich das „Kind“ wieder an den Papi wenden will, sagt dieser: Nein, Liebes, ich möchte, dass du tust, was die Mami sagt.“ Seine Stimme ist fest, er schaut liebevoll zu seiner Frau und freundlich zu seiner Tochter.
    Erstauntes Schweigen beim „Kind“. Nach einer Verarbeitundpause dreht es sich plötzlich um und gibt seine Nerv-Versuche auf.

    Die Rückmeldung der Rollenspielerin, die das „Kind“ darstellte: „Ich habe plötzlich gemerkt, dass meine Eltern sich einig sind. Da hatten sie auf einmal Kraft. Vorher waren sie für mich überhaupt nicht ernst zu nehmen.“

    Dass die fühlbare Einigkeit der Eltern so eine Rolle spielte, war für mich ein richtiges Aha-Erlebnis, das ich später auf viele ähnliche Situationen anwenden konnte.

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