Muss sich mein Leben ums Kind drehen oder sollte das Kind nur Teilnehmer meines Lebens sein?

Ich arbeite 30 Stunden pro Woche. Darüber bin ich eigentlich sehr glücklich. Meine Tochter ist ungefähr 6 1/2 Stunden am Tag in der Kita. Wenn ich gegen halb vier den Arbeitsplatz verlasse und sie abhole, habe ich theoretisch noch ungefähr vier Stunden Zeit mit ihr. Eigentlich doch eine Menge. Und doch liege ich oft abends erschöpft auf dem Sofa und frage mich, ob ich eine schlechte Mutter bin, weil ich meiner Tochter viel zu wenig an Unterhaltung geboten habe.
Bis sie sich in der Kita von den Spielkameraden loseisen konnte und fertig angezogen ist, ist es meist kurz nach vier. Dann kommt die Entscheidung, die ich jeden Tag treffen muss: Einkaufen oder Spielplatz. Beides ist nicht drin. Natürlich muss ich nicht jeden Tag einkaufen. Mal ist es der Einkauf, mal aufräumen, mal irgendeine andere Erledigung. Ob ich nun meinen Einkauf sinnvoll plane, sei mal dahingestellt.
Der Heimweg von der Kita dauert je nach Laune eine halbe bis Dreiviertel Stunde. Schnell einkaufen, was natürlich mit Kind immer etwas länger dauert. Mit Glück halbe Stunde. Einkauf auspacken. Kurze Verschnaufpause und Spielen mit Kind. Halbe Stunde. Essen machen. 20 Minuten. Gemeinsam essen. Hoffen, dass Kind Essen mag. Halbe Stunde. Abräumen. Ein wenig aufräumen. 20 Minuten. Kind seelisch auf baldiges Schlafengehen vorbereiten. Zähne putzen. Katzenwäsche. Schlafanzug anziehen. Halbe Stunde. Gegen halb acht gemeinsam mit Kind ins Bett legen. Buch lesen. Kind schläft nicht sofort ein. Dämmerlicht. Hach, ist das kuschelig und warm und dunkel und….
Mit Kind eingeschlafen. Mann weckt mich gegen halb zehn wieder auf. Schlaftrunken aufs Sofa legen. Jetzt nur noch konsumieren. Für Aktivitäten zu k.o.

Und doch liege ich oft abends erschöpft auf dem Sofa und frage mich, was hab ich eigentlich den ganzen Nachmittag gemacht?? Hätte es meine Tochter besser, wenn ich sie länger in der Kita ließe, wo sie mit ihren Freunden spielen kann? Oder sind die vier gehetzten Stunden mit der Mutter wichtig für ein zweijähriges Kind?
Sicher nehme ich mir ungefähr jeden dritten Tag Zeit, statt der ganzen Erledigungen nachmittags mit ihr auf den Spielplatz oder einen anderen Ort zu gehen, wo sie einfach spielen kann. Zeitlich geht aber eben nur eine Aktivität am Tag. Ich kümmere mich entweder nur um meine Pflichten oder lasse alles liegen und richte mich nur nach den Vorlieben meiner Tochter. Natürlich habe ich einen Mann, der mir mit Rat und Tat hilft, aber er arbeitet nun mal länger und kann daher auch nur begrenzt anpacken.

Das bringt mich zu der Frage:
Muss sich mein Leben ums Kind drehen oder sollte das Kind nur Teilnehmer meines Lebens sein und sich an meine Termine anpassen?

Häufig stelle ich fest, dass es meiner Tochter großen Spaß macht, mich beim Einkaufen zu begleiten oder mir beim Aufräumen zu helfen. Tatsächlich ist es das Größte für sie, mit mir gemeinsam die Waschmaschine auszuräumen.
Dazu möchte ich folgenden Artikel empfehlen: Kleinkind will im Haushalt mithelfen

Und doch bleibt da irgendwie der Zweifel, müsste ich nicht mit ihr auf den Spielplatz oder raus auf eine Wiese?

Vorerst bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich meine Pflichttermine mit mehr Gelassenheit erledigen muss. Ohne innerlichen Zeitdruck. Dann macht es meiner Tochter Spaß und ich kann den Termin auf der Liste abhaken. Auf der anderen Seite wird es als berufstätiger Mensch mit Kind immer ein Balanceakt sein, den Alltag zu managen und dem Kind Spielmöglichkeiten zu bieten. Irgendwann wird das Kind von sich aus Spielplatz oder den Besuch bei Freunden einfordern. Oder aber es beschwert sich, weil man zu wenig Zeit mit dem Kind verbringt.
Termine sollten nicht in Stein gemeißelt sein, und wenn das Kind sich mit allen Mitteln gegen den Einkauf wehrt, sollte kurzfristig umdisponiert und der nächste Spielplatz aufgesucht werden. Ich denke, das Geheimnis des Alltags ist, innere Gelassenheit und Flexibilität zu üben. Das Kind sollte zwar nicht allein den Ton angeben, was nachmittags gemacht wird. Aber für ein gutes Miteinander ist es essentiell, dass beide Parteien zu Wort kommen und die Bedürfnisse des Kindes geachtet werden. Das kann auch heißen, dass das Kind einfach gern am Leben der Eltern teilhat und sie mit Freude bei den vermeintlich langweiligsten Tätigkeiten begleitet. Je mehr Freude man selbst ausstrahlt, desto mehr Freude entwickelt auch das Kind für die banalsten Aufgaben.

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2 Gedanken zu „Muss sich mein Leben ums Kind drehen oder sollte das Kind nur Teilnehmer meines Lebens sein?

  1. „…. Ich denke, das Geheimnis des Alltags ist, innere Gelassenheit und Flexibilität zu üben. Das Kind sollte zwar nicht allein den Ton angeben, was nachmittags gemacht wird. Aber für ein gutes Miteinander ist es essentiell, dass beide Parteien zu Wort kommen und die Bedürfnisse des Kindes geachtet werden….“

    Ich denke auch, dass man mit dieser Art und Weise sehr gut mit Kindern zurecht kommt. Beide
    Parteien haben Bedürfnisse und diese müssen geachtet werden. Nur so lernt das Kind über sich selbst hinaus zu blicken und übt sich in der Einfühlname. Und wir Eltern üben uns in Wertschätzung des Kindes als eigenständige Person.

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  2. Mich erinnert dieser Artikel an den Moment, als meine kleine Tochter zu einer Tagesmutter kam und ich zum ersten Mal vor der Frage stand : „Soll ich mein Kind so lange weggeben und alles, was wir miteinander erleben und wie wir die Welt erkunden, einer fremden Frau überlassen?“ Ich holte mir Rat: „Es geht nicht um die Quantität an Stunden, es geht um die Qualität!“ sagte der Berater.
    Ich war einigermaßen beruhigt und bemühte mich fortan immer stärker um sinnvollen qualitativen Kontakt zu meiner Tochter. Der Gedanke, dass Kinder Teil unseres Lebens sind und in unserer Gesellschaft noch viel zu wenig „eingemeindet“ sind, hat mir gut gefallen.
    Also nahm ich sie überall dahin mit, wo es möglich war – ich betätigte mich durchaus auch als „Pionierin“ auf diesem Gebiet:
    In meinem Aktenschrank steht ein Ordner mit dem schönen Titel „Mitnahme eines Kleinkindes“. Darin sind die -zig Korrespondenzen enthalten, die ich mit meinem damaligen Arbeitgeber hatte, um zu erreichen, dass ich das Recht auf „Mitnahme eines Kindes“ – wie das im bürokratischen Deutsch hieß – zu den beruflich notwenigen Lehrgängen bekam. Bis zu dem Zeitpunkt waren nur Transporte mit „Hochsicherheits-Datenträgern“ mit dem Auto gestattet und wurden finanziell übernommen.
    Alle „normalen Transporte zu Lehrgängen“ – und ein Kind galt als „normale Sache“ musste der Lehrgangsteilnehmer mit dem Zug „durchführen“ – sprich: das Kind galt überhaupt nicht als vorhanden. Wenn kein Vater, keine Verwandten da waren, die hier einsprangen, gab es überhaupt keine Möglichkeit, einen Lehrgang und ein Kind unter einen Hut zu bringen. Die einzige bezahlbare Alternative war, das Kind für die Dauer des Lehrgangs in ein „Heim“ zu geben.
    Das kam für mich überhaupt nicht in Frage.

    Ich bestand also weiter auf der „Qualität“ unserer Beziehung und kämpfte mit vielen Schreiben so lange, bis mir vom Arbeitgeber offiziell gestattet wurde, mein Kind mit dem Auto mitzunehmen und am Ort des Lehrgangs (800 km entfernt) in eine gute Kita zu geben. Das bedeutete, dass wir wie immer jeden Tag ab Spätnachmittag zusammen sein konnten und gemeinsam in einem Bauernhof übernachteten – zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen!

    Vielleicht liest hier auch der eine oder andere Arbeitgeber mit …..es gibt an dieser Stelle noch immer viel zu tun, packen wir’s an!

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