Innere Größe in der Praxis – Teil IV

Leitartikel: Innere Größe

Beispiel 4 – Wir waren eine Woche zu dritt auf Mallorca. Bewusst hatten wir uns das erste Mal für ein Hotel mit All-inklusive entschieden. Die Reise begann morgens um 3:30 im Bus zum Flughafen. Um 11:30 erreichten wir endlich das Hotel. Entsprechend freuten wir uns auf das Mittagessen. Das Buffet war reichlich. Als wir endlich saßen, schien unsere Tochter jedoch alles andere interessanter zu finden, nur nicht das Essen vor ihrer Nase. Schon immer war es uns eigentlich egal, ob sie dann aufstand oder bei uns sitzen blieb. Also ließen wir sie losrennen. Schnell schlang ich mein Essen hinunter, um nach ihr Ausschau zu halten. Wir saßen in einem großen Raum, der jedoch durch Glastüren zu allen Seiten geöffnet war. Hinter der einen Ecke befand sich der Pool, zur anderen Seite ein Spielplatz, der von unserem Tisch aus nicht einsehbar war. Auf der dritten Seite befand sich eine Straße, die zwar wenig befahren war, dennoch eine Gefahrenquelle darstellte. Erst saß ich also auf meinem Stuhl und scannte non-stop die Umgebung nach meiner Tochter ab. Dann nahm sie Kurs auf die Ecke, hinter der der Pool lag. Ich sprang auf, rannte zu ihr und lenkte sie wieder in die andere Richtung. Je mehr ich ihr folgte, desto mehr erweiterte sich ihr Laufradius in weitere Bereiche, die wir vom Tisch aus nicht sehen konnten. Eine Weile begleitete ich sie auf ihrem Weg, dann setzte ich mich wieder an den Tisch, ohne sie jedoch aus den Augen zu verlieren. Schließlich saß ich mit meinem Mann am Tisch, er aß noch sein Essen, folgte mit den Augen unserer Tochter und ich war mit dem Rücken zu ihm gerichtet, um sie ebenfalls zu beobachten. Dies wiederholte sich beim Abendessen.

Als unsere Tochter abends schlief, saßen mein Mann und ich zusammen. Wir waren erschöpft. Die Reise hatte uns mitgenommen, aber fast anstrengender war die Situation beim Essen. Uns war klar, wenn das jedes Mal so ablaufen würde, sind wir nach dem Urlaub gestresster als vorher. Wie konnte es sein, dass wir zusammen am Tisch sitzen und dennoch nicht miteinander reden können als Erwachsene, weil wir ständig ängstlich nach unserer Tochter sehen müssen, die munter die Gegend erkundet?? Wir überlegten eine Weile, was wir tun könnten, um die Lage zu entspannen, sie aber nicht in ihrem Entdeckungsdrang zu behindern.

„Wir sind die Großen und sie ist die Kleine.“

Uns war bewusst, dass sie nicht am Tisch sitzen bleiben würde, wenn sie satt war und wir sie auch nicht dazu zwingen wollten. Also beschlossen wir, ihr stattdessen klar zu zeigen, wie weit sie gehen durfte und wo die Grenzen waren.

Am nächsten Tag stand sie wieder vom Tisch auf, bevor wir fertig waren. Wir ließen sie laufen und beobachteten sie eine Weile. Als sie auf einen Bereich zusteuerte, den wir nicht einsehen konnten, sprang ich auf, lief zu ihr und sagte mit ernster Stimme „Hier ist die Grenze. Bis hierhin darfst du gehen. Nicht weiter!“ Sie sah mich mit großen Augen an. Dann wiederholte sie „Nicht weiter.“ Ich sah ihr fest in die Augen, dreht mich um und ging zurück zum Tisch. Sie blickte mir nach. Dann machte sie kehrt und lief wieder in die andere Richtung. So zeigten wir ihr nach und nach, welche Schwellen die Grenze darstellten. Bereits noch am selben Tag konnten wir gemütlich essen, weil klar war, dass sie sich nicht außerhalb des Raumes bewegen würde. Sie übertrat während des gesamten Urlaub keine der Grenzen, und so reichte es aus, wenn wir beim Essen entspannt hin und wieder nachsahen, wo sie sich befand.

Wir waren die Großen und sie war die Kleine.

Es folgt: Innere Größe in der Praxis – Teil V

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