Innere Größe in der Praxis – Teil III

Leitartikel: Innere Größe

Beispiel 3 – Das leidige Thema mit dem Zähneputzen..

Unsere Tochter ist nun fast zwei Jahre alt. Als die ersten Zähne kamen, nahmen wir das Thema noch auf die leichte Schulter. Sie mochte es, auf der kleinen Lernzahnbürste herumzukauen, und bei den wenigen Zähnen schien uns das erstmal genug zu sein. Dann wurden es mehr Zähne und natürlich veränderte sich auch die Nahrung. Doch jeder Versuch, ihr die Zähne richtig zu putzen, wurde mit heftigem Protest abgewehrt. Jegliche Erklärungen, wie wichtig das Zähneputzen doch sei, wurden mit Kopf wegdrehen und hauen verneint.

Wir stellten uns also die Frage: Wer ist hier der Große? Wer entscheidet, ob die Zähne geputzt werden müssen oder nicht? Von sich aus würde unsere Tochter nicht auf die Idee kommen, sich die Zähne putzen zu lassen. Ist ja auch erstmal unangenehm.

Bis dato schrak ich zurück, wenn sie etwas mit allzu starkem Schreien boykottierte. Doch beim Zähneputzen waren mein Mann und ich uns einig, dass es keine Alternative gab.

Am nächsten Tag stellte ich sie also wie gewohnt auf die Toilette neben das Waschbecken. Sie kaute eine Weile auf ihrer Zahnbürste herum. Dann sagte ich „A“, damit sie den Mund öffnete. Protest. Verweigerung. Schreien. Doch ich blieb ganz ruhig, sagte kein Wort, sah sie nur liebevoll an.

Ich setzte mich auf den Toilettendeckel, nahm sie auf den Schoß und hielt sie fest im Arm. Sie gab alles, um sich freizukämpfen, doch ich hielt sie sanft, aber bestimmt umklammert, sodass sie sitzen bleiben musste. Mit der anderen Hand putzte ich ihr die Zähne. Dieses Prozedere wiederholten wir drei Tage. Interessant war, dass, sobald ich fertig war und sie losließ, ihr Schreien sofort verstummte. Beim ersten Mal erschien es mir noch, als wäre sie bitterböse auf mich. Doch als ich dies feststellte, merkte ich, dass sie lediglich alles in ihrer Macht Stehende tat, um dem Zähneputzen zu entgehen. Am vierten Tag ließ ich sie wieder zu Beginn auf ihrer Zahnbürste kauen, sagte „A“… und… auf einmal machte sie ganz selbstverständlich den Mund auf, ließ mich ihre Zähne oben und unten putzen, hüpfte danach freudig vom Toilettendeckel und legte die zwei kleinen Zahnbürsten zurück ins Regal.

Mittlerweile rennt sie sogar fröhlich ins Badezimmer, wenn wir abends sagen „So, jetzt noch Zähne putzen.“

Wir als Eltern haben uns klar entschieden, dass wir keinen Kompromiss eingehen, wenn es ums Zähneputzen geht. Ich habe zwar zu Beginn meine körperliche Überlegenheit ausgenutzt, war dabei aber niemals gewaltsam, sondern habe nur gezeigt, dass sich wehren zwecklos ist und es auch keine Diskussion gibt. Nachdem unsere Tochter das begriffen hatte, wusste sie, dass sie entweder mitmachen kann und es dann ganz schnell geht, oder dass sie es verweigern kann und ich es trotzdem durchsetze, weil ich als Mutter das letzte Wort habe.

Wir waren die Großen und sie war die Kleine.

Es folgt: Innere Größe in der Praxis – Teil IV

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