Innere Größe in der Praxis – Teil II

Leitartikel: Innere Größe

Beispiel 2 – Jan spielt unten an der Treppe mit Steinen. Sarah wartet bereits oben vor der Haustür und ruft ihn. „Jan, komme jetzt bitte!“ Keine Reaktion. Auch nach dem dritten Versuch kommt Jan nicht. Verärgert geht Sarah in die Wohnung. 10 Minuten später kommt Jan fröhlich die Treppe hinauf zur Wohnung.

Jan hat seine Mutter sehr wohl gehört. Doch er weiß, dass ihm keine Folgen drohen, wenn er sich widersetzt. Sarah gibt irgendwann einfach auf. In dieser Szene sind mehrere Botschaften vermischt. Bittet Sarah wirklich oder fordert sie? Kann sie ein „Nein“ des Sohnes akzeptieren oder will sie eigentlich eine sofortige Reaktion? Indem sie bittet, nimmt sie eine untergeordnete Position ein. Wer gebeten wird, hat die übergeordnete Position inne, denn er kann die Bitte annehmen oder abschlagen. So macht sie Jan groß und sich selbst klein. Er kann das höfliche „Bitte“ nicht von der „Bitte“ um etwas unterscheiden. Gleichzeitig will Sarah keine Autorität, sondern Partnerin ihres Sohnes sein. Er soll einfach wie ein Erwachsener auf ihre Bitte reagieren. Dies überfordert ein Kind in seinem Alter jedoch.

– Jan betritt die Wohnung und geht fröhlich seiner Mutter in der Küche entgegen. Sarah zeigt keine Regung und ignoriert ihren Sohn. Er zupft an ihrem Bein, doch Sarah wendet sich ab. Jan ist völlig irritiert und beginnt, zu weinen.

Sarah schmollt wie ein kleines verletztes Kind. Ihr ist nicht klar, dass sie selbst durch ihr Verhalten die Reaktion von Jan verursacht hat. Eine Forderung muss auch als eindeutige Forderung und nicht als Bitte ausgesprochen werden, um dem Kind Klarheit zu vermitteln. Es muss Klarheit bestehen, ob es sich um eine Bitte handelt, der Jan nach eigener Überlegung nachkommen kann, aber nicht muss, oder ob es sich um eine Forderung handelt, die Jan ausführen muss, egal, ob er im ersten Moment einverstanden ist oder nicht. Sarah hat ihrem Sohn die Führung überlassen, weil sie selbst nicht „groß“ war. Es geht ihr nicht gut dabei, doch ihre Unzufriedenheit wandelt sie um in eine Bestrafung ihres Sohnes. Die Strafe ist für Jan völlig uneinsichtig. Er weiß nicht, was genau er falsch gemacht hat. Auch dieses Mal kommuniziert seine Mutter nicht eindeutig, sondern meint, ihr Sohn müsse doch wissen, was geschehen ist und was er falsch gemacht hat.

Wer sich „groß“ fühlt, braucht Forderungen nicht durch die Blume ausdrücken. Autorität ist möglich, ohne das Kind unwürdig oder herablassend zu behandeln. Autorität ist wichtig, um dem Kind Sicherheit zu geben, innerhalb welcher Grenzen es sich bewegen darf und in Sicherheit ist.

Handlungsvorschläge:

Auch hier gibt es natürlich nicht den einen richtig Handlungsweg. Es sollte jedoch damit beginnen, dass Sarah klar sagt: „Jan, komm jetzt in die Wohnung!“ Reagiert Jan nicht, folgt sofort eine entsprechende Reaktion von Sarah. Sie könnte zu ihm gehen, seine Hand nehmen und mit ihm gemeinsam die Treppe zur Wohnung hinauf gehen. Sie könnte ihn auch fragen, was er noch unten machen möchte und die Vereinbarung treffen, dass er noch drei Steine in einen Eimer werfen kann und dann kommen muss.

Es folgt: Innere Größe in der Praxis – Teil III

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