Lern doch mal Toleranz

Ach ja, die wunderschöne Toleranz ist in aller Munde. Was wäre es doch für eine Welt mit weniger Ausgrenzung und mehr Toleranz! Die anderen sind ja so intolerant! Wären sie doch bloß wie ich!

Woher kommt eigentlich unsere (nicht) vorhandene Toleranz? Es lässt sich wohl nicht leugnen, dass wir sie von unserer Umgebung erlernen. Da wären das Elternhaus, Erzieher, Lehrer und Freunde. Und sicher haben die Eltern den größten Einfluss darauf, denn mit unserem Verhalten und unseren Bemerkungen zeigen wir jeden Tag, wie ernst wir es mit der Toleranz meinen.

Wenn wir heute von Toleranz sprechen, meinen wir in der Regel die Akzeptanz von Menschen, die durch Meinungen, Äußerlichkeiten, Religiosität oder kulturelle Verhaltensweisen auffallen und nicht der Norm der Landesbevölkerung entsprechen. Doch wo beginnt für unsere Kinder Toleranz? Beginnt sie tatsächlich erst mit dem Willkommensschild für Flüchtlinge?

Kinder sind von Natur aus tolerant. Sie werden tolerant geboren, weil sie nichts beurteilen und alles so nehmen, wie es ihnen geboten wird. Sie spielen mit jedem Kind. Völlig wertfrei. Aus purer Liebe. Ihr Überleben ist von der Fürsorge der Erwachsenen und ihrer Fähigkeit des Beobachtens abhängig. Sie lernen durch Nachahmung.

Wenn wir dann abfällig über intolerante Menschen sprechen, werfen wir ihnen vor, dass sie Flüchtlinge nicht mit vermeintlich offenen Armen begrüsst, Angst vor deren Andersartigkeit und Meinungen nicht akzeptiert hätten. Was haben ihre Eltern bloß falsch gemacht?!

Und dann beobachte ich…

Da sagt eine Mutter: „Wir laden die Tante nicht ein, weil sie immer so viel meckert.“

Der jüngste Sohn der Großeltern kommt schon lange nicht mehr zu Besuch, weil er sein Leben nicht den Wünschen der Familie entsprechend gestaltet.

Die Kinder werden nur mit den sozial verträglichen Kindern verabredet.

Das eigene Kind auf eine Schule mit hohem Ausländeranteil schicken??? Dann lieber die kostenpflichtige Privatschule!

Für falsches Verhalten muss der Schüler die Klasse verlassen.

Die (Schwieger)Eltern werden nur selten eingeladen, weil sie immer so schwierig sind.

Der Partner wird ständig für sein subjektiv falsches Verhalten kritisiert.

Über die überforderte Mutter von diesen anstrengenden Kindern aus der Nachbarschaft wird gelästert.

Hartz IV-Empfänger oder Obdachlose werden als faule Versager abgestempelt und mit abfälligem Blick bestraft.

Vor ein paar Wochen war ich mit meinen Kindern auf dem Spielplatz. Da kam ein 9-jähriges Mädchen auf einem Roller um die Ecke. Sie sah suchend um sich und ich fragte sie, ob sie das Mädchen suche, das kurz zuvor weggegangen war. „Ach die!“, antwortete sie. „Mit der darf ich nicht mehr spielen. Meine Eltern haben mir verboten mit ihr zu spielen, weil sie immer bestimmen will.“

Kinder sind überall von Intoleranz umgeben.

Wenn wir ganz genau hinsehen, erkennen wir, dass es nur sehr wenig wirklich tolerante Erwachsene gibt. Eigentlich müssten wir es einfach nur von den Kindern abschauen, statt ihnen unser Gut- und Böse-, Richtig- und Falsch-, Schuld- und Unschuld-Modell beizubringen.

Es ist so leicht, andere Menschen zu verurteilen. Sei es für ihre Religion, Herkunft oder Intoleranz. Bei sich selbst anzufangen, ist so viel schwerer. Und solange wir nicht an unserer eigenen Intoleranz arbeiten, ziehen wir die nächste intolerante Generation heran. Wir fangen damit an, indem wir es uns bewusst machen.

Toleranz beginnt im Alltag mit meinen Mitmenschen. Nicht erst mit dem Starterpaket für Flüchtlinge.

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