Liebe heilt alle Wunden

In Sachen Erziehung gibt es kaum einen Artikel, in dem nicht einmal vorkommt, dass wir unseren Kindern einfach nur viel Liebe geben und sie bedingungslos lieben sollten, damit am Ende alles toll ist. Das hat sich mittlerweile auch bei den meisten eingeprägt, und wir klopfen uns stolz auf die Schulter „Wir machen das viel besser als unsere Eltern“.  Was die Artikel dabei aber nicht erklären: was ist eigentlich Liebe? Was heißt bedingungslos zu lieben?

Liebe kann nur sehr individuell definiert werden, daher wird es oft einfach gar nicht definiert. Durch Alltagsbeispiele würde man aber zumindest eine Idee erhalten, was bedingungslose Liebe bedeutet. Leider erkennen wir dabei, dass wir uns oft überhaupt nicht bedingungslos liebend gegenüber unseren Kindern verhalten und wir auch längst nicht die bessere Einstellung haben als die Generationen vor uns.

Eins kann zu Beginn für alle einheitlich festgehalten werden: Kinder lieben ihre Eltern bedingungslos. Ja, auch wir als erwachsene Kinder. Ja, auch die, die von ihren Eltern geschlagen oder verlassen wurden. Vielleicht ist diese Liebe von Wut, Trauer und Enttäuschung überschattet, doch tief im Herzen liebt jeder Mensch seine Eltern bedingungslos von der Geburt bis zum Tod. Und da gelangen wir auch schon an den Knackpunkt unserer Psyche. Jedes Kind tut alles, um den Erwartungen der Eltern gerecht und zurück geliebt zu werden. Wird es jedoch bis zum totalen Seelenschmerz verstoßen, kehrt sich dieses Verhalten meist in Verweigerung, Trotz und Hass um. Dann tut ein Kind in seiner Hoffnung auf Liebe und Zuwendung als Provokation das Gegenteil der elterlichen Erwartungen.
Doch das Ziel bleibt: seht und liebt mich, wie ich bin.

Und genau dieser Satz begleitet jeden Menschen sein ganzes Leben lang.
Wer nun zu den Glücklichen gehört, von seinen Eltern bedingungslos angenommen worden zu sein, der verhält sich im Leben anders als die meisten: er braucht sich nicht anzustrengen, Bedeutsamkeit zu erlangen. (Gerald Hüther)

Und plötzlich fällt es uns wie Schuppen von den Augen… All die Menschen, die nach Aufmerksamkeit schreien, die sich durch Äußerlichkeiten zu definieren scheinen, die immer die Besten sein wollen, die mit ihrer Karriere und ihren Erfolgen prahlen… Sie alle suchen eigentlich die bedingungslose Liebe ihrer Eltern. Und die meisten dieser Eltern werden sagen: „Wir haben dich doch immer geliebt!“.

Was fehlt also zwischen „Ich liebe dich!“ und echter gefühlter Liebe der Eltern? Wieso geht das so oft schief?

Die Mehrheit aller Eltern hat einen Wunsch: sie wollen, dass ihre Kinder es besser haben als sie. Sie wünschen sich, dass ihre Kinder gemocht werden und eine gute Zukunft haben. Das Problem dabei ist, dass diese Faktoren sehr abhängig davon sind, welche Vorstellungen von Glück und Erfolg die Gesellschaft – und das soziale Umfeld der Eltern im Speziellen – aktuell hat. Aus diesem einfachen Grund ist Erziehung sehr schwierig und von Generation zu Generation anders. In der einen Generation denken die Eltern, dass ihre Kinder eine gute Zukunft hätten, wenn sie sich Anweisungen unterwerfen können. In der nächsten Generation denken die Eltern, ihre Kinder hätten eine gute Zukunft, wenn sie ihre eigenen Vorstellungen durchsetzen können. In beiden Fällen lieben die Eltern ihre Kinder nach eigener Definition und wollen das aus ihrer Sicht Beste für sie. Doch sie werden ihre Kinder komplett unterschiedlich erziehen und je nach Entwicklung der folgenden Generation werden sie dafür später Lob oder Vorwürfe ihrer Kinder erhalten.

Was es noch erschwert, ist, dass man als Eltern schnell eher von Angst als von Liebe und Vertrauen geleitet ist, weil wir eine Vorstellung und eigene Erfahrungen haben, wie das Kind sein sollte, damit es gut durchs spätere Leben und die damit verbundenen Herausforderungen kommt. Wir vergleichen es meist mit unserem eigenen Lebensweg, und ohne Reflexion ist es schwer auszuhalten, wenn es das eigene Kind ganz anders macht oder gar in die gleichen Fehler tappt. Auch befinden sich Eltern in einem sozialen Gefüge, das ebenso Erwartungen an sie und ihre Kinder hat. Es wäre naiv, zu denken, Eltern würden ihren Kindern nur ihre eigenen Vorstellungen vermitteln. Sehr oft verfolgen auch sie nur den Wunsch, als gute Eltern in ihrem sozialen Gefüge betrachtet zu werden. Und somit ist es für Eltern oft eine Gratwanderung, ihre Kinder bedingungslos zu lieben und den Erwartungen der anderen Personen gerecht zu werden bzw. sich über diese äußeren Erwartungen hinwegzusetzen. Nur Eltern, die von ihren Eltern bedingungslose Liebe erhalten oder sich intensiv mit sich und ihrer Kindheit auseinandergesetzt haben, können intuitiv bedingungslose Liebe an ihre Kinder weitergeben. Alle anderen haben noch einen Weg der Reflexion vor sich, wenn sie sich diesem Thema wirklich stellen wollen. Jeder Erwachsene wird bestätigen können, dass es nicht reicht, „Ich liebe dich!“ zu sagen.

In welchen Situationen und woran erkennen wir, dass wir Bedingungen an unsere Liebe haben?
Liebe wird meist in Form von Freude, Aufmerksamkeit und Zuwendung geäußert. Meine Erfahrung ist, dass es uns in den ersten ein bis zwei, manchmal drei Lebensjahren noch leicht fällt, das Kind verständnisvoll zu behandeln. Doch je älter es wird, je mehr wir dem Kind zutrauen, desto größer werden auch unsere Erwartungen an sein Verhalten. Wir sind dann wütend, wenn es nicht höflich ist. Wir sind wütend, wenn es sich nicht alleine anzieht, weil es das doch eigentlich schon kann. Wir sind wütend, wenn es quengelt oder nicht mithilft. Und nach und nach knüpfen wir immer mehr Bedingungen an unsere Freude. Es reicht nicht mehr, zu lächeln. Nun muss es sich so verhalten, wie wir uns das gute Benehmen eines Kindes vorstellen. Und diese allgemeinen Vorstellungen unterscheiden sich natürlich von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Generation zu Generation.
Unsere inneren Bedingungen erkennen wir auch daran, wie wir unser Kind für etwas bestrafen. Bestrafen wir unser Kind dafür, dass es wütend ist? Bestrafen wir unser Kind dafür, dass es sich nicht bedankt hat?
Und auch Bestrafung kann sehr unterschiedlich sein. Natürlich können wir unseren Ärger ausdrücken, wenn unser Kind nicht Danke sagt. Aber Wut und Bestrafung sind zwei unterschiedliche Dinge. Dem Kind zu sagen, dass wir wütend sind, sollte auf jeden Fall Bestandteil unserer Kommunikation sein. Doch nachdem man diese Wut – möglichst erwachsen und nicht kindlich gekränkt und aufbrausend – ausgedrückt hat, kann jeder sein Verhalten überdenken und wieder freundlich miteinander umgehen. Es ist durchaus möglich, Wut ganz sachlich zu besprechen, denn sie hat ihre Berechtigung. Doch kein Kind muss ein- oder ausgesperrt, ignoriert, verlassen oder geschlagen werden. Diese körperlich und seelisch schmerzhaften Bestrafungen sorgen dafür, dass ein Kind Angst hat, sein wahres Ich zu zeigen und seine wahren Gedanken zu äußern. Das Resultat dieses Umgangs ist ein Kind, das sich irgendwann den Erwartungen der Eltern und anderer Menschen so sehr anpasst, dass es sich nicht mehr nach seiner eigenen Intuition verhält und glaubt, dass es nur dann geliebt wird, wenn es diesen Erwartungen folgt. Es verlernt die innere Beziehung zu sich selbst und hört innerlich als erstes die Stimmen der anderen, statt die eigenen Gefühle. Es verlernt seine Spontanität und seine Offenheit.

Ob wir selbst Opfer dieser an Bedingungen geknüpften Liebe wurden, erkennen wir, wenn wir beispielsweise zuerst darüber nachdenken, was es bei anderen auslösen könnte oder wie es andere finden könnten, wenn wir nun dies oder jenes tun. Auch wenn wir oft denken, dass wir, obwohl es andere verärgern oder anderen nicht gefallen könnte, etwas zum Trotz tun, ist dies ein Anzeichen für fehlende bedingungslose Liebe in der Kindheit. Ebenso das Lechzen nach Aufmerksamkeit und Anerkennung von außen.

Nun ist es leider gar nicht so leicht, die eigenen Bedingungen, die wir an unsere Freude und unsere Liebe zum Kind knüpfen, zu erkennen. Das trivialste Beispiel sind wohl die Schulnoten. Wie reagieren wir, wenn das Kind keine 1 oder 2 nach Hause bringt? Dass wir in dieser Situation immer super freudig über jede Note reagieren sollten, ist nun landläufig bekannt. Doch es gibt zahlreiche Situationen, die längst nicht so offensichtlich sind.
Wie steht es zum Beispiel mit Fähigkeiten und Hobbys? Halten wir es aus, wenn unser Kind nicht besonders schnell laufen und sprechen lernt? Oder spüren wir innerlich diesen Druck, mithalten zu wollen, und versuchen jede bekannte Methode, um es zu beschleunigen? Halten wir es aus, wenn unser Kind nicht sportlich oder musikalisch ist? Oder drängen wir es doch immer wieder dazu, die nächste Sportart oder das nächste Instrument auszuprobieren? Halten wir es aus, wenn unser Kind sich nicht für unsere Lieblingsfußballmannschaft begeistern lässt und nicht mit ins Stadion möchte? Oder sind wir enttäuscht und machen das gerne jedes Mal deutlich? Und wie ist es mit Meinungsverschiedenheiten? Halten wir es aus, wenn uns unser Kind wütend anschreit, schlägt oder sogar beschimpft? Oder fühlt sich unser Stolz verletzt und bestrafen wir es dafür auf unterschiedliche Weise? Halten wir es aus, wenn unser Kind eine völlig konträre politische Position vertritt? Oder verachten wir es für diese Haltung und schauen es dafür nicht mehr an? Halten wir es aus, wenn unser Kind eine aus unserer Sicht dumme Frage stellt? Oder behandeln wir es mit Verachtung? Halten wir es aus, wenn unser Kind uns von seinen Ängsten oder anderen Gefühlen erzählt? Oder tun wir sie ab und gehen darüber hinweg? Was ist mit physischen oder psychischen Auffälligkeiten? Halten wir es aus, wenn unser Kind durch eine Äußerlichkeit oder ein Verhalten unangenehm in der Öffentlichkeit auffällt? Oder sind wir insgeheim wütend und schämen uns dafür? Und wie steht es mit der Verwandtschaft? Halten wir es aus, wenn unser Kind den von uns verhassten Opa mag? Halten wir es aus, wenn unser Kind den getrennt lebenden Vater liebt? Oder lassen wir abfällige Bemerkungen fallen, die unsere Wut über diese Person zum Ausdruck bringen, und versuchen, den Kontakt einzugrenzen?

All diese Beispiele sind Bedingungen an unsere Liebe. Selbst wenn wir diese Gedanken und Gefühle nicht äußern, ist jedes Kind feinfühlig genug, sie zu spüren und wird versuchen, uns wieder fröhlich zu stimmen, indem es sein Verhalten anpasst, Themen oder Personen meidet. Im Kind bleibt das Signal: Ich bin nicht gut, so wie ich bin. Das Kind lernt, dass es eine bestimmte Leistung erbringen sollte, um Zuwendung der Eltern zu erhalten. Es lernt, dass es seine Gedanken und Handlungen zurückhalten und sich nur durchdacht äußern sollte, weil die Eltern sonst wütend werden und ihm seelischen oder körperlichen Schmerz zufügen. Und wird ein Familienmitglied verachtet, lernt es, dass seine wichtigste Gruppe (die engste Familie) dieses Mitglied nicht mag, und um dazuzugehören, um weiterhin ihre Liebe zu erhalten, es ihn auch nicht mögen darf, auch wenn es nie selbst eine schlechte Erfahrung mit ihm gemacht hat. Und weil das Gehirn in seinen Denkmustern keinen Unterschied macht, ob es sich bei einer Person noch um die Eltern oder mittlerweile um Freunde, Kollegen oder andere handelt, wird dieses Kind immer dieses sich nach Liebe und Anerkennung sehnende Verhalten haben und sich – in unterschiedlicher Intensität – nicht richtig und nicht zufrieden fühlen.

Was ist nun die Liebe, die unsere Sehnsüchte zur Ruhe bringt?

„Menschliche Liebe ist zutiefst ein Bedürfnis nach Nähe, nach Anschluss, nach Sicherheit bei anderen Menschen. Sie ist ein Bedürfnis nach dem Austausch mit ihnen durch Nehmen und Geben, in dem wir und andere wachsen.[…] Liebe heißt, im Einklang zu sein. Die Liebe ist daher eine Schwingung. Sie ist ein Mitschwingen mit dem Dasein. Die Liebe unter Menschen ist das Mitschwingen mit dem Dasein des anderen, mit seinem Dasein, wie es ist, mit seinem Dasein, wie es für ihn gewollt und für ihn bestimmt ist.[…] Liebe ist gelassen. Sie lässt den anderen und mich selbst so sein, wie sie und ich bin, ohne den Wunsch, dass sie und ich anders wären. Sie lässt das, was ist, frei, zu sein, wie es ist, und damit auch frei, zu wachsen und zu werden, wie es seiner Bestimmung entspricht. Daher greift sie nur ein, wenn es im Einklang mit dieser Bestimmung und dem damit gegebenen Schicksal bleibt und von diesem gefordert und gewährt wird.“

Bedingungslose Liebe heißt für mich, es auszuhalten, wenn das Kind nicht so ist und sich nicht so verhält, wie wir es uns eigentlich wünschen. Aushalten heißt, ruhig zu bleiben, keine Äußerung persönlich zu nehmen und das Kind auch in größter Wut im Arm zu halten. Es heißt auch, abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln, ohne das Kind in eine Richtung zu drängen und darauf zu vertrauen, dass die Seele des Kindes den besten Weg ohne unser Zutun findet. Egal was wir tun, am Ende schauen wir uns wieder in die Augen, nehmen uns in den Arm und lachen gemeinsam. Dann merkt das Kind: ich bin gut und du bist gut. Ich darf jeden lieben und alle Gefühle und Gedanken ohne Angst äußern.

Sonst ist dieselbe Liebe, die heilt, auch die, die krank macht.

Hier findet ihr weitere Gedanken zu diesem Thema in einem Interview mit dem Hirnforscher Gerald Hüther: Ein Hirnforscher erklärt: Das ist das Geheimnis einer glücklichen Kindheit

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