Unsere Gesellschaft stumpft ab

Ich stand morgens mit meiner vierjährigen Tochter in der Garderobe des Kindergartens und war dabei, ihr die Jacke auszuziehen. Neben uns weitere Eltern, die das Gleiche taten. Da kam eine Mutter zur Eingangstür herein und lief schnellen Schrittes an uns vorbei. Hinter ihr lief schreiend ihre dreijährige Tochter. Meine Tochter schaute erstaunt auf und sah den beiden nach, bis sie hinter der Ecke des Gangs verschwunden waren. Ich griff ihren Blick auf und sagte „Das kleine Mädchen ist traurig. Es sah so aus, als wollte sie nicht in die Kita, obwohl ihre Mutter wahrscheinlich zur Arbeit muss.“ Ich sprach noch ein paar Minuten mit ihr darüber, und wir überlegten, wie wir dem Mädchen helfen könnten.

Doch was in dieser Situation wirklich passiert war, realisierte ich erst ein paar Stunden später. Als die Mutter mit ihrem Kind hereinkam, blickten einige Kinder sie neugierig an. Die älteren dagegen sahen gar nicht erst hin. Ganz besonders bedeutsam war jedoch, dass keiner der Eltern auch nur einen Blick auf die Mutter mit ihrem Kind warf. Sie alle ignorierten die zwei komplett, als würden sie nichts hören. Und da wurde mir plötzlich etwas klar.

Vor ein paar Tagen hatte ich ein Entwicklungsgespräch für meine Tochter. Dabei wurde mir sehr detailliert berichtet, wie sie sich hinsichtlich der Schuleignung entwickelt. Eine Äußerung fand ich dabei besonders interessant: Die Erzieherin betonte, dass unsere Tochter sehr hilfsbereit sei und stets zu helfen versuche, wenn sie ein anderes Kind traurig erlebt. Das erschien mir bisher als natürlich. Versuche im Alter von ein bis zwei Jahren haben gezeigt, dass Kinder instinktiv gerne helfen und traurige Menschen, ob Kind oder Erwachsener, sehr intensiv beobachten. Sie helfen sogar, wenn sie gerade selbst ein tolles Spiel spielen. Als ich nun über die Situation mit dem weinenden Kind nachdachte, die Reaktion der Eltern und Kinder Revue passieren ließ, wurde mir klar, dass wir es sind, die unseren Kindern zeigen, dass man lieber auf Distanz geht, wenn jemand Gefühle äußert. Ich bin mir sicher, dass die Mehrheit ihren Kindern sagt, dass sie ein anderes Kind trösten und ihm helfen sollen, wenn es weint. Doch was wir wirklich tun, wenn fremde Kinder oder auch in seltenen Fällen Erwachsene Trauer oder Wut zeigen, ist Weggucken. Die meisten Eltern sind großartig darin, ihren Kindern zu erzählen, was man tun sollte, doch was die Kinder im Alltag erleben, ist das komplette Gegenteil. Sie sehen, wie die Erwachsenen Gefühlsäußerungen ignorieren oder sogar darüber schimpfen. In der beschriebenen Situation schauten mehrere Kinder nach dem weinenden Kind, doch statt diesen Blick aufzugreifen, ließ man sie in der Luft hängen. So blieb bei den Kindern der Eindruck zurück, solche Gefühle und Menschen, die sich so verhalten, werden nicht angesprochen.

Und dann wundern sich die Erwachsenen, dass Kindern der Impuls zum Helfen fehlt oder dass die Gesellschaft immer stärker abstumpft. Doch letztlich ist es jede Mutter, jeder Vater selbst, der den Kindern zeigt, dass man darauf nicht reagieren sollte. Die Kinder machen uns nur nach. Es geht nicht darum, in einer solchen Situation zwischen Mutter und Kind einzugreifen oder das Verhalten der Mutter zu kritisieren. Es geht einfach nur darum, gegenüber den beobachtenden Kindern anzusprechen, dass wir Menschen, die weinen oder zornig sind oder irgendein Gefühl zum Ausdruck bringen, sehen und hören, mit ihnen fühlen und nach Möglichkeiten zur Hilfe suchen. Allein das Ansprechen dessen, was das Kind beobachtet, hilft ihm schon, zu erkennen, dass es seine Wahrnehmung nicht leugnen muss, ebenso wenig wie die in ihm dadurch hervorgerufenen Gefühle. Unsere Kinder orientieren sich an unserem Verhalten, nicht an unseren Worten. Und so banal die beschriebene Situation klingen mag, so bedeutungsvoll war sie für die beteiligten Kinder. Denn bewusst und unbewusst nehmen sie jede dieser kleinen Reaktionen der Erwachsenen im Alltag wahr und verinnerlichen sie. Wenn wir nicht vormachen, wie man anderen hilft und dass wir jede Person respektvoll mit all ihren Äußerungen wahrnehmen, dann werden sie es jetzt und auch als Erwachsene ebenfalls nicht tun.

 

Hier noch eine sehr empfehlenswerte Dokumentation darüber, ob die Selbstlosigkeit in uns verankert ist oder ob wir doch alle Egoisten sind: Revolution der Selbstlosen – Arte 01.03.2016

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