Streichelüberfluss

Kinder verstehen es von Geburt an, die Befriedigung ihrer Bedürfnisse einzufordern. Erst durch Schreien und später immer differenzierter durch Gesten, Mimik und letztlich Sprache.

Der Psychologe Abraham Maslow befasste sich damit, wie wir Bedürfnisse wahrnehmen und fand heraus, dass sie einer Rangordnung entsprechend ihrer Dringlichkeit folgen, die sich als Pyramide darstellen lässt. Ist eine untere Ebene unbefriedigt, bestimmt sie unser Verhalten. An unterster Stelle finden sich unsere physiologischen Bedürfnisse Hunger, Durst und Sexualität. Erst danach treten komplexere Bedürfnisse, wie Sicherheit, Stabilität, Ordnung, Schutz, Freiheit von Angst und Chaos, Struktur, Ordnung und Gesetz auf. Sind diese Bedürfnisse befriedigt, wird uns das Bedürfnis nach Liebe, Selbstachtung und Selbstverwirklichung bewusst. Ist beispielsweise das Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität nicht befriedigt, können wir uns nur wenig mit der eigenen Selbstverwirklichung befassen.
Die Familie stellt dabei die Einheit dar, die die Bedürfnisse ihrer Mitglieder bestmöglich erfüllt. Je besser dies gelingt, desto stärker wächst sie zusammen. Hier lernen wir auch den Umgang mit und das Wahrnehmen (oder nicht Wahrnehmen) unserer Bedürfnisse.

Ein Grundbedürfnis ist das Verlangen nach äußerlichen Reizen. „Die wirksamste Befriedigung des Reizbedürfnisses ist Körperkontakt mit einem anderen menschlichen Wesen. Der Psychiater Eric Berne bezeichnete diese Grundeinheit der Anerkennung zwischen zwei Personen als „Stroke“, im Deutschen als „Streicheln„. In einer Untersuchung von René Spitz fand man heraus, dass Säuglinge, die keine Streichelreize erfahren, nicht gedeihen und häufig sterben. Auch noch im Erwachsenenalter führt es zu Gemütsstörungen und bei älteren Menschen zum schnelleren Verfall. Streicheln ist überlebenswichtig und zudem ein Hauptverstärker beim Lernen und zur Aufrechterhaltung sozialer Verhaltensmuter. Dies bezieht sich nicht nur auf körperliches Streicheln. Es ist viel mehr ein Synonym für jedwede Zuwendung durch Menschen, also auch Lob, Strafe, Berührung oder Schläge.
Neben der Streichelmenge, spielt insbesondere die Art eine Rolle. Je nachdem, ob das Streicheln rau, sanft, sicher oder unsicher ist, nimmt ein Baby seine Welt wahr und wächst in sie hinein.

Es gibt vier verschiedene Arten des Streichelns: positives Streicheln, negatives Streicheln, bedingungsloses Streicheln und bedingtes Streicheln.

Beispielhafte Aussagen können wie folgt den Streichelarten zugeordnet werden:

Streichelarten

„Die Streichelart, die wir als Kinder bevorzugt bekamen, ist auch diejenige, die wir unser Leben lang von anderen zu erhalten suchen, sofern wir nicht gezielte Anstrengungen machen, unsere Vorliebe für bestimmte Arten und die Methoden, mit denen wir sie von anderen erhalten, zu ändern.“ Jede Familie lebt eine ganz persönliche Art, zu streicheln und gestreichelt zu werden. Dies wird auch „Familienstreichelmuster“ genannt. Sofern wir uns nicht damit bewusst auseinandersetzen, geben wir diese an unsere Kinder weiter.

So gibt es auch Familien, die bevorzugt negatives Streicheln untereinander verteilen. Das kann zum Beispiel so aussehen, dass ein Kind nur Aufmerksamkeit erhält, wenn es Unsinn macht. Die Eltern schimpfen dann mit ihm, sperren es ein oder schlagen sogar. Solange es nur danach fragt, ob die Eltern oder ein anderer mit ihm spielen, erhält es Abweisung. Dieses Kind entwickelt eine Vorliebe für negatives Streicheln. Ganz nach dem Motto: Negatives Streicheln ist besser als gar kein Streicheln.

Wir passen also unser Verhalten an, um gestreichelt zu werden. Dabei nehmen wir alles, was wir bekommen können, auch wenn dies zum eigenen Nachteil ist. Beispielsweise gibt es Menschen, die unbewusst als Kind merkten, dass sie besonders viel Zuwendung erhalten, wenn sie krank sind oder sich verletzen. Sie passten ihr Verhalten entsprechend an. Durch die Art, wann wir einem Kind Zuwendung schenken oder eben nicht schenken, beeinflussen wir das Verhalten und die zwischenmenschliche Interaktion. Werden diese Kinder dann älter, suchen und leben sie diese Struktur, diese Art der Zuwendung auch in der Partnerschaft und allen zwischenmenschlichen Interaktionen.

„Die Art und Weise, in welcher ein bestimmtes Verhalten durch Streicheln oder Streichelentzug definiert und verstärkt wird, heißt Familien-Streichelökonomie (Streichelsparwirtschaft).“

Als Eltern tritt man im Alltag sehr schnell in die Falle, dem Kind vor allem Aufmerksamkeit zu schenken, um es zurechtzuweisen, zu Schnelligkeit zu animieren oder zu schimpfen, wenn etwas nicht klappt. Wenn alles gut läuft, wird das oft nicht wahrgenommen oder einfach nicht angesprochen. Doch genau hier liegt die Chance vor unseren Füßen: Ertappe sie beim Gutsein.“ Jede Familie kann ihre persönlichen Streichelmuster etablieren und sie bewusst gestalten. Jeden Tag. Jede Minute. Das fängt unter den Eltern an und geht weiter bei der Kommunikation mit den Kindern. Das Ziel ist, aus einer Streichelsparwirtschaft eine Streichelüberflusswirtschaft zu machen. Sich miteinander über schöne Verhaltensweisen, über eigene und Erfolge des anderen sowie über gegenseitige positive Zuwendung zu freuen.

Wichtig ist, dass jede Lebensphase, jedes Alter eine andere Art des Streichelns braucht. Während Säuglinge insbesondere Körperkontakt als Streicheln brauchen, benötigen ältere Kleinkinder eine direkte Ansprache ebenso wie Liebkosung. Die schwierige Aufgabe der Eltern besteht darin, den Wechsel zur nächsten Phase mitzubekommen und dann neue Methoden zu entwickeln, auf das Kind und dessen geänderte Bedürfnisse sowie die neue Streichelart einzugehen.

Noch ein erschwerender Umstand kommt für die meisten Erwachsenen hinzu: unsere eigenen Eltern wuchsen in einer sehr durchwachsenen Zeit auf, in der sie von der Gesellschaft und ihren Eltern viele Vorstellungen zum Streicheln bzw. zu legitimer, gesellschaftlich anerkannter Zuwendung lernten. Folgende ‚falsche Vorstellungen‘- auch „innere Glaubenssätze“ genannt – haben sich in vielen Familien durchgesetzt:
– Alles Streicheln muss verdient werden.
– Es gehört sich nicht, um Streicheln zu bitten.
– Körperliches Streicheln unter Erwachsenen ist immer sexuell.
– Wenn Leute anfangen, um Streicheln zu bitten, werden sie gierig und unersättlich.
– Es gehört sich nicht, sich selbst zu loben.
– Eigenlob stinkt.
– Wer älter ist als fünf, ist zu alt für körperliches Streicheln.
– Es ist ok, ärgerlich zu werden, wenn man um Streicheln bitten muss.

Diese Glaubenssätze führen dazu, mit Zuwendung sparsam umzugehen. Wir können sie nur ändern, wenn wir uns bewusst damit auseinandersetzen.
Dann ist es möglich, neue, positive Glaubenssätze zuzulassen und so gegenseitige Zuwendung großzügig zu verteilen. Sinnvollere Glaubenssätze wären:
– Es ist ok, gestreichelt zu werden, nur weil man da ist.
– Die Bitte um Streicheln ist ok und vermindert den Wert des Streichelns nicht.
– Körperliches Streicheln unter Erwachsenen muss nicht sexuell sein.
– Wir entscheiden, ob Streicheln sexuell sein soll oder nicht.
– Auch sexuelles Streicheln ist ok.
– Da niemand Gedanken lesen kann, muss man um die Art des Streichelns bitten, die man möchte.
– Man wächst sein Leben lang aus dem Streichelbedürfnis nicht heraus.
– Man soll diejenigen um Streicheln bitten, die es bereitwillig geben.
– Mit Streicheln geht es wie mit jedem anderen Bedürfnis: Wenn wir genug haben, hören wir auf, wie man z.B. normalerweise aufhört zu essen, wenn man keinen Hunger mehr hat.
– Eigenlob zur richtigen Zeit ist ok – es ist eine Möglichkeit, die anderen wissen zu lassen, dass man sich ok fühlt.
– Im Gegensatz zum Volksglauben, ist es der Wissenschaft nicht gelungen, nachzuweisen, dass irgendjemandem der Kopf vor Prahlerei auch nur um einen Millimeter angeschwollen sei.
– Kindern ist angeboren, dass sie nach Streicheln suchen.

Wenn wir unsere alten, vielleicht unsinnigen Glaubenssätze ablegen können, haben wir die Chance, unseren Kindern ein wichtiges Werkzeug im Umgang mit sich selbst und anderen Menschen mitzugeben.

Von der geläufigen Streichelsparwirtschaft zum Streichelüberfluss.

Die hier zitierten und verwendeten Informationen stammen aus dem Buch „Miteinander wachsen“; Babcock, D. / Keepers, T.: S. 27-42.

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