Gemeinsam sind wir stärker

Wenn ein Vater vor dreißig Jahren von der Arbeit kam, sich in den Sessel setzte und die Zeitung aufschlug, war er ein stolzer Mann. Dass er auch in den freien Abendstunden nicht die Kinderbetreuung übernahm, machte ihn nicht zu einem schlechten Vater, denn er verdiente ja das Geld für die Familie. Wollte jedoch eine Frau ein Jahr nach der Geburt wieder arbeiten, wurde sie sogleich als Rabenmutter verspottet. 

Was müssen Mütter sich alles anhören! Wenn wir schnell wieder arbeiten gehen, sind wir per se Rabenmütter, wenn wir nicht arbeiten gehen, leben wir auf Kosten unseres Mannes. Mittlerweile ist die Berufstätigkeit einer Mutter etwas angesehener. Doch nun folgen die nächsten Vorwürfe: Mütter seien unproduktiver, würden ständig private Angelegenheiten während der Arbeit klären und die ach so produktiven Kollegen behindern. 

Aber es geht noch weiter. Was immer passiert, wir sind dafür verantwortlich. Schreit das Kind viel, ist besonders wild oder entwickelt Süchte und Krankheiten im späteren Leben – die Mutter ist Schuld. Ein Vater, der am Abend mit seinen Kindern spielt oder mal einen Tag am Wochenende mit den Kindern in den Zoo geht, wird in den Himmel gelobt, die Mutter, die die Kinder jeden Tag betreut, Haushalt, Familienleben und Arbeit managed, wird nicht erwähnt. Das ist doch ihre Pflicht, oder nicht? Immerhin arbeitet sie in der Regel doch auch nur Teilzeit. 

Und als hätten Mütter nicht genügend Herausforderungen, fangen sie nun auch noch an, sich gegenseitig zu zerfleischen: „Du fährst dein Kind im Kinderwagen? Welch eine Zumutung für das Kind. Also ich trage es, damit es sich sicher fühlt und eine gute Bindung aufbaut.“, „Du trägst dein Kind die ganze Zeit? Dann bekommt es ja Rückenprobleme.“, „Du stillst dein Kind nicht? Also ich stille es mindestens ein Jahr. Muttermilch ist das beste für mein Kind. Darüber solltest du mal nachdenken.“, „Du stillst dein Kind? Wusstest du nicht, wie viele Chemikalien von der Nahrung in die Muttermilch übergehen? Das würde ich ja nicht riskieren.“, „Dein Baby schläft allein in einem Zimmer? Das arme Kind. Es durchlebt allein bestimmt Höllenqualen.“, „Dein Kind schläft im Familienbett? Das wird bestimmt noch mit 10 Jahren bei euch im Bett liegen.“, „Du impfst dein Kind nach STIKO-Empfehlung? Es wird bestimmt Impfschäden haben.“, „Du impfst dein Kind nicht? Dein Kind ist eine Gefährdung für andere Kinder und sollte nicht mehr mit unserem spielen.“, „Du bist die ganze Zeit mit deinem Handy beschäftigt, statt dich mit deinem Kind auf dem Spielplatz zu beschäftigen? Rabenmutter!“, „Du läufst die ganze Zeit auf dem Spielplatz hinter deinem Kind her? Helikoptermutter!“ 

Wir können es nur falsch machen. Aus irgendeiner Perspektive ist es immer falsch. Spätestens nach zwanzig Jahren werden uns unsere Kinder nach Erkenntnissen der neusten Studien erzählen, was wir alles falsch gemacht haben. Und statt uns gemeinsam als Mütter und Frauen zu betrachten, die nur das Wohl ihres Kindes wollen, lästern wir übereinander und machen jeweils das andere Verhalten schlecht. Immer rechtfertigen wir uns, sind aber zugleich auch immer weniger kritikfähig. Denn schließlich geht es um alles: darum, dass wir es richtig gemacht haben, dass unser Kind die beste Betreuung erhalten hat. Wer will sich schon vorwerfen lassen, dass er sein Kind falsch behandelt hat oder Schuld an einer späteren Störung ist?

Doch wollen wir nicht alle einfach nur glückliche Kinder, die ebenso glückliche Erwachsene werden? Warum kämpfen wir nicht füreinander, egal welches Lebensmodell und welche Methoden der andere gewählt hat? Für mehr Wertschätzung der Kinder- und Angehörigenbetreuung. Für eine höhere Rente. Für die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Für kinderfreundlichere Städte und Einrichtungen. Für die Gleichberechtigung aller Frauen.

Wir müssen uns in der Bahn, beim Einkaufen und auf dem Spielplatz unterstützen, statt die Augen zu verdrehen. Ein ganzes Dorf erzieht ein Kind. Heute überfordert sich jede Mutter, denn allein ist es viel schwieriger. Wenn wir zusammenhalten, uns nicht abschotten, sondern als zusammengehörende Gesellschaft betrachten, wird für alle das Leben leichter, und es geht nicht mehr darum, die bessere Mutter zu sein, die bessere Karriere zu erzielen oder das intelligentere Kind zu haben.

Zwar ist es mir wichtig, mit diesem Blog bestimmte Vorgehensweisen publik zu machen, doch an erster Stelle steht, alle Eltern zu achten, egal wie sie handeln. Denn das hilft einem Kind am meisten: wenn es spürt, dass seine Eltern geachtet werden. Jedes Kind braucht einen anderen Umgang, also kann es keine einheitlich richtigen Umgangsweisen geben. Und Bindung entsteht nicht nur durch Tragen und Stillen, sondern vor allem im Kontakt miteinander. Wenn es schon keine Großfamilien mehr in Städten gibt, dann lasst uns doch wenigstens zusammenhalten, einander achten und unterstützen, damit Vorurteile beseitigt werden, keiner Angst vor Kritik haben muss, frei das Lebensmodell seiner Wahl leben kann und wir gemeinsam eine Verbesserung der Lebensqualität für alle erreichen.

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Ein Gedanke zu „Gemeinsam sind wir stärker

  1. Herrlich, wie Du die Zwickmühlen oder, „wissenschaftlich“ gesprochen, die „Double Binds“ der heutigen Mütter/Eltern charakterisierst.
    Die Botschaft : Egal, was ich mache, es ist immer „nicht richtig“, macht auf die Dauer krank. Es ist deshalb ungemein wichtig, sich dessen bewusst zu werden und – ja, tatsächlich, mal wieder zusammenzuhalten….
    Finde diesen Beitrag sehr gelungen.
    Danke!

    Gefällt 1 Person

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