Wir sind keine Spielkameraden – Teil 2

Was machen wir nun, wenn wir plötzlich unserem Kind sagen, dass es allein spielen kann, statt Angebote zu machen? Ich spreche hier von Kleinkindern, die bereits laufen können und auch die ersten Sätze sprechen. Bei Säuglingen verhält sich das selbstverständlich anders, da sie sich nicht selbstständig bewegen, geschweige denn ausdrücken können. Sie sind auf die Hilfe und Interaktion mit der Mutter angewiesen. In erster Linie stillt sie jedoch das Bedürfnis nach Nähe, was sie durch ein Tragetuch etc. gewöhnlich wunderbar mit ihren Alltagstätigkeiten vereinen kann.

Anders verhält es sich bei mobilen Kleinkindern. Ich persönlich habe die Spielplatzgänge von Beginn an (also ca. ab dem Alter von 1 1/2 Jahren) so gehandhabt, meiner Tochter zu zeigen, wie sie selbstständig rutschen, wippen und klettern kann. Beim Schaukeln brauchte sie natürlich länger meine Hilfe. Das klappt bis heute wunderbar und macht ihr große Freude. Sie findet immer sehr schnell andere Kinder, mit denen sie dann gemeinsam wippt. Würde ich ständig neben ihr herlaufen, warum sollte sie dann auf andere Kinder zugehen?

Doch vor Kurzem bemerkte ich, dass mir das zu Hause längst nicht so gut gelingt, wie draußen. Ohne es zu merken, war ich doch in die Schiene geraten, auf ihr Bitten hin mit auf Toilette zu kommen, Duplotürme zu bauen und beim Puzzlen zu helfen. Alles Dinge, die sie anderswo ganz selbstverständlich allein oder mit anderen Kindern macht. Versteht mich nicht falsch: Ich halte es keineswegs für verwerflich, mit seinem Kind zu spielen. Das macht ja bis zu einem gewissen Punkt auch Erwachsenen Spaß. Das Hinweisen auf eigenständiges Spielen ist keine in Stein gemeißelte Vorgehensweise, die auf Biegen und Brechen umgesetzt werden muss. Kritisch wird es dann, wenn wir eigentlich anderes machen wollen, also mit eher schlechter Stimmung bei der Sache sind, oder unsere eigenen Bedürfnisse zurückstellen. Viele Mütter unterliegen dem Irrglauben, einem Kind jeden Wunsch erfüllen bzw. die Bedürfnisse des Kindes über die eigenen stellen zu müssen, um eine gute Mutter zu sein.

Das wirft die Frage auf, was sind eigentlich Bedürfnisse?
Nach Maslow sind die Grundbedürfnisse eines jeden Menschen folgende:

  • körperliche Grundbedürfnisse (auch biologische Grundbedürfnisse genannt): Atmung (saubere Luft); Wärme (Kleidung); Trinken (sauberes Trinkwasser); Essen (gesunde Nahrung); Schlaf (Ruhe und Entspannung)
  • Sicherheit: Unterkunft/Wohnung; Gesundheit; Schutz vor Gefahren; Ordnung (Gesetze, Rituale)
  • Soziale Beziehungen: Freundeskreis, Partnerschaft, Liebe, Nächstenliebe, Sexualität, Fürsorge, Kommunikation

In den meisten Fällen sind die körperlichen Bedürfnisse eines Kindes erfüllt, ebenso wie das Bedürfnis nach Sicherheit. Was nun bleibt, ist das Bedürfnis nach sozialen Beziehungen. Wie man so schön sagt, sucht ein Kind gerne Aufmerksamkeit. Das wird in unserer Gesellschaft oft negativ ausgelegt, da darunter ein Kind verstanden wird, das durch auffälliges Verhalten die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich lenken möchte. Doch dahinter steckt eigentlich das Bedürfnis nach der Beziehung, der Nähe zur Mutter (Ich spreche hier meist von der Mutter, da diese in der Regel die betreuende Person im Haushalt ist und grundsätzlich in den ersten Jahren eine engere Beziehung zum Kind hat, weil sie es ernährt und neun Monate im Bauch getragen hat). Beobachten wir Eltern, deren Kind durch riskante oder nervige Aktivitäten Aufmerksamkeit sucht, sehen wir oft Eltern, die kein Ohr und keinen Blick für ihr Kind haben. Sie reagieren nicht auf die kleinen Anzeichen des Kindes, sondern immer erst, wenn dieses brüllt, sich verletzt oder anderweitig für Ärger sorgt.

Wenn ich davon spreche, einem Kind zu sagen: „Nein, probiere es einmal allein.“, dann meine ich damit nicht, das Kind allein zu lassen und physisch oder seelisch nicht mehr erreichbar zu sein. Ich meine damit die Botschaft an das Kind „Ich bin jederzeit für dich da, wenn du mit mir kuscheln willst, Fragen hast oder wirklich Hilfe brauchst. Aber ich komme nicht, um dir etwas abzunehmen, was du schon kannst.“ Das ist eine komplett andere Aussage. Es hat nichts damit zu tun, aus dem Kind einen kleinen Erwachsenen zu machen und auch nicht, es abzufertigen, weil ich zu faul bin, mit ihm zu spielen. Dieser Umgang mit einem Kind achtet und fördert es in seiner Selbstständigkeit, in seiner Größe, die es von sich aus sucht.

Gerade wenn ein Kind es von Anfang an gewöhnt ist, Hilfe zu erhalten, statt selbstständig aktiv und kreativ zu werden, kann es durchaus sein, dass es sehr empört ist über die vermeintliche Abweisung der Mutter. Es wird sich beschweren und die Aufmerksamkeit immer wieder einfordern. Aber nicht, weil ein Bedürfnis unerfüllt ist, sondern einfach, weil es im ersten Moment nicht weiß, wie es sich nun verhalten soll. Hier ist die innere Klarheit der Mutter gefragt, die in der Tat für viele sehr schwierig ist. Das Kind braucht nur ein wenig zu jammern, schon geben sie wieder nach. Doch das Kind hat an diesem Punkt ein immenses Lernpotenzial, wenn die Mutter auch mal nein sagt: Es lernt, dass auch andere Menschen Bedürfnisse haben, die genauso wichtig sind wie die eigenen. Das Bedürfnis nach Entspannung zum Beispiel. Ja, es ist erlaubt, dass eine Mutter sich einfach mal ohne Aufgabe aufs Sofa setzt, die Beine hochlegt und ihrem Kind sagt „Ich bin für dich da, aber jetzt spielst du allein und ich entspanne mich für eine kurze Zeit.“ Das klingt unerhört? Nein, das ist nur das gesellschaftliche Bild, das uns sukzessive vermittelt, eine Mutter müsse ständig um ihre Kinder herumtanzen, damit diese auch ja keinen Grund zum Quengeln haben. Aber mal ehrlich: es gibt äußerst viele Momente, in denen wir glauben, dem Kind schon jeden Wunsch von den Lippen abgelesen zu haben und es findet immer noch einen Grund zum Jammern. Dann will es plötzlich essen. Dann will es nicht nur essen, sondern Schokolade. Dann will es heißen Kakao. Dann will es doch wieder malen. Was sind wir: Roboter? Diese Kinder haben gelernt, dass sie ihre Mütter förmlich auf Trapp halten müssen, dass ihre Mütter den inneren Drang haben, sie zu beschäftigen. Also wird Mama mit immer wieder neuen Wünschen beglückt. Und wenn das nicht mehr zieht, dann balanciert es auf der fünf Zentimeter breiten Fensterbank neben dem Blumentopf, so dass Mama einen halben Herzinfarkt bekommt. Spätestens dann weicht sie dem Kind nicht mehr von der Seite.
Gerade Kinder, deren Mütter ihnen früh bei jeder kleinen Hürde unter die Arme griffen, neigen dazu, sehr riskante Manöver auf dem Spielplatz oder im Haus zu vollbringen. Auch dem können wir durch Selbstständigkeit vorbeugen. Ein Kind, das weiß, dass es nicht jedes Mal aufgefangen wird, wenn es über einen kleinen Hügel stolpert, wird sich auch den großen Berg erst vornehmen, wenn es sich sicher genug fühlt, es also seine Fähigkeiten zulassen. Die behüteten Kinder dagegen werden entweder extrem ängstlich und zurückhaltend oder neigen zum Größenwahn und wollen sofort jeden Baum erklimmen. Gerne natürlich mit einem schelmischen Blick zur Mutter, die wieder rennt, schimpft oder aufopferungsvoll die Arme unter das Kind hält.

Doch warum suchen Kinder nun diese Aufmerksamkeit? Ich sagte bereits, dass es sich um das Bedürfnis nach Nähe und Beziehung handelt. Mein Kind wurde vier Jahre lang gestillt. Bereits in der Krabbelgruppe brauchte ich sie nur auf den Boden setzen und schon war sie überall, nur eben nicht bei mir. Natürlich bekam ich ab und zu einen Kontrollblick, damit ich auch nicht einfach wegging. Aber ansonsten war ich Nebensache, sobald andere Kinder in Sicht waren. Es wäre unsinnig gewesen, ihr nun ständig Spielangebote zu machen oder neben ihr herzukrabbeln. Ihr Bedürfnis nach Nähe war durch das Stillen und Tragen durch und durch befriedigt. Auch hatte sie die Sicherheit, dass ich nicht weglaufe. Bei unserem Sohn, der ansonsten in vielem ganz anders ist als unsere Tochter und drei Jahre später geboren wurde, ist exakt dasselbe Verhalten zu sehen. Es werden aber nur noch sehr wenige Kinder so lange gestillt und auch nicht sehr viele eng am Körper getragen. So herrscht bei diesen Kindern in gewisser Weise ein Mangel, den sie in größerem Alter durch Aufmerksamkeit kompensieren, da sie nicht gelernt haben, wie sie dieses Bedürfnis nach Nähe oder schwierige Gefühle anders stillen können. Aber auch ohne lange zu stillen oder das Kind zu tragen, kann man darauf achten, dem Kind viel Körperkontakt zu geben und das feste Umarmen als Hilfestellung bei Gefühlen der Unsicherheit, Angst oder Trauer zu manifestieren. Man muss es sich nur stärker ins Bewusstsein rufen, da das Kind nicht aufgrund von Hunger automatisch in den Arm genommen wird. Man kann sein Kind auch gerne zwischendurch mal in den Arm nehmen. Ganz grundlos. Nicht, weil es etwas Besonderes getan hat. Das ist auch hilfreich, wenn man merkt, dass das Kind nörgelig wird. Und wenn es mal länger Nähe braucht, dann bleibt es halt einfach 10 Minuten im Arm. Ein Kind spürt genau, ob und wann sein Bedürfnis nach Nähe befriedigt ist und wird von selbst aufstehen, wenn es genug hat. Wenn es auf dem Spielplatz immer neben der Mutter sitzenbleibt, ist das auch nicht schlimm. Wenn für das Kind der richtige Zeitpunkt gekommen ist, wird es schon zur Rutsche oder zu anderen Kindern gehen. Es ist auch eine tolle Eigenschaft, einfach nur zu beobachten. Wichtig ist, dass die Mutter dem Kind immer das Gefühl vermittelt, dass es genau so richtig ist, wie es ist. Das Kuscheln hilft auch sehr nach dem Abstillen, um zur Ruhe zu kommen und Nähe zu tanken. Das Kind muss zu diesem Zeitpunkt eine neue Methode lernen,  um mit Frustration, Müdigkeit und Unzufriedenheit umzugehen. Dieser Umgang kann dann langsam in das Repertoire an möglichen Verhaltensweisen übergehen, so dass es irgendwann selbst auf die Eltern zukommen kann, wenn es merkt, dass das Bedürfnis nach Nähe nicht ausreichend befriedigt ist. Und während andere dann zur Schokolade greifen, wird es jemanden umarmen, bis es ihm wieder besser geht.

Indem wir unsere Kinder selbstständig werden lassen, schenken wir ihnen eine Vielzahl von Erlebnissen, die sie stolz und selbstbewusst machen. Sie lernen ihre eigenen Grenzen und Fähigkeiten kennen, sind motiviert diese weiterzuentwickeln und nehmen mit jedem erfolgreich erklommenen Hindernis Selbstvertrauen mit, das kein Erwachsener ihnen durch Lob oder Motivation von außen geben könnte.

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2 Gedanken zu „Wir sind keine Spielkameraden – Teil 2

  1. Danke für diese tollen Artikel! Mir stößt es auch immer öfter auf, dass Bedürfnisbefriedigung mit Wunscherfüllung gleichgesetzt wird. Ich finde es einfach wichtig, dass in einer Familie die Bedürfnisse aller gesehen werden und wenn das erfüllt und in einem guten Gleichgewicht ist, können dann auch Wünsche (von jedem Familienmitglied) mal erfüllt werden 🙂

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