Wir sind keine Spielkameraden – Teil 1

Kürzlich sah ich einen Vater mit seiner zweijährigen Tochter auf dem Spielplatz. Er lief seiner Tochter eine ganze Stunde hinterher, half ihr die Wippe hoch, hielt ihr die Hand beim Rutschen und fragte sie jede Minute, was sie nun tun wolle, obwohl sie längst alles allein konnte und nicht nach Hilfe suchte. Spätestens wenn ein Kind in die Kita kommt, lernt es, dass irgendein Erwachsener schon kommt, um es mit Aktivitäten zu füttern oder gleich selbst mitzuspielen. Viele Erzieher im Kindergarten missverstehen ihre Aufgabe darin, dass sie, weil sie dafür bezahlt werden, Kinder zu betreuen, ihnen ständig Angebote machen, wie sie ihre Zeit gestalten könnten und gehen fast immer dazwischen, sobald sich ein Streit zwischen Kindern anbahnt. Ebenso tun dies Eltern auf dem Spielplatz. Kindern wird heutzutage kaum noch der Freiraum gelassen, selbst kreativ zu werden und eigenständig nach Lösungen zu suchen, um mit einem Konflikt umzugehen. Ständig wuseln Erwachsene dazwischen, spielen den Schlichter, Clown oder Kinderbespaßer.

Doch wir sind nicht die Spielkameraden unserer Kinder und auch nicht ihre Freunde. Ein Kind braucht diese Klarheit, denn es will sich auf seine Eltern verlassen können. Es hat ganz von selbst den Wunsch nach anderen Kindern, statt nach Erwachsenen, die wieder zu Kleinkindern mutieren. So schön es auch ist, das Kind in sich wiederzuentdecken. Natürlich kann ein Erwachsener mit seinem Kind spielen, nur sollte das Spiel des Kindes nach seinen eigenen Vorstellungen die Regel sein und nicht, wie oft, letztlich nach den Regeln der Erwachsenen. Es muss eine klare Grenze zwischen Freund und Vater/Mutter geben. Mit zunehmendem Alter wird ein Kind sich immer stärker gegen diese Ebenenvermischung wehren, denn kein Kind will seine Mutter oder seinen Vater als Freund, so schön es anfangs erscheint. Im Kind ruft es im späteren Alter fast eine Identitätskrise hervor, beispielsweise die Mutter als Freundin zu betrachten, denn im nächsten Moment muss es sie wieder als Autorität akzeptieren, die sie doch gerade noch als vollständig ebenbürtig erlebte.
Beispielsweise kann man sein Kind erstmal losrennen lassen auf dem Spielplatz und mit gewissem Abstand beobachten, was das Kind tut. Gewöhnlich geht ein Kind niemals weiter als es seine Fähigkeiten zulassen. Wenn es an seine Grenzen stößt, wechselt es zu einem anderen Spielgerät, das es schon beherrscht. Seht ihr, dass es begeistert ein neues Spielgerät ausprobieren will, zeigt ihr die Schritte, die noch fehlen, um es allein zu schaffen.
Stellt euch den Gesichtsausdruck, die funkelnden Augen vor, wenn sie anschließend freudestrahlend und stolz zu euch kommen, weil sie es nach mehreren Versuchen endlich ganz allein geschafft haben.

Das Spielkameraden-Verhalten von Eltern und Großeltern wird im Säuglings- und Kleinkindalter gesellschaftlich akzeptiert, ja mittlerweile fast als guter Ton betrachtet. Doch es ist an dieser Stelle ebenso unangebracht wie im Jugendalter.

Kinder fühlen sich wohl, wenn die Erwachsenen da sind, sich aber nicht einmischen, solange es nicht zu Verletzungen oder Prügeleien kommt. Sie schätzen ihre Anwesenheit, um sich sicher und geborgen zu fühlen. Doch sie lernen am meisten, wenn sie sich selbst ausdenken, was und wie sie spielen wollen. Und es macht sie besonders stolz und selbstbewusst, wenn sie selbstständig etwas schafften oder einen Konflikt lösen konnten – auf welche Weise auch immer. Aus ihrer Natur heraus haben Kinder das Bedürfnis, keinen weinend zurückzulassen. Erst durch die Einmischung von Erwachsenen verschwindet dieses Verhalten.

Ich weiß, es ist möglicherweise eine der größten Herausforderungen insbesondere für Mütter, ihre Schützlinge einfach mal allein spielen zu lassen, ihnen zu vertrauen, dass sie es ohne Hilfe schaffen werden und sie vor allem in die Unabhängigkeit zu entlassen, ohne Mama zurecht zu kommen. Viele Mütter sind insgeheim doch erfreut, wenn ihr Kind weiterhin auf sie angewiesen ist. Doch der Weg eines Kindes führt ohne Einschränkung in die Unabhängigkeit. Jeden Tag ein bisschen mehr. Wer das behindert, tut seinem Kind letztlich nichts Gutes, sondern stürzt es nur zu einem späteren Zeitpunkt in Schwierigkeiten, wenn die Anforderungen des Lebens deutlich gestiegen sind und die Eltern schmerzlich feststellen müssen, dass sie ihr Kind nun nicht mehr schützen können.

Kinder wollen von ihren Eltern und Großeltern vor allem eins: Lernen, selbstständig zu sein.
Durch Beobachten, Fragen und das richtige Maß an Hilfestellung.

„derStandard.at: Warum fällt es vielen Eltern so schwer, sich ohne konkretes Ziel mit ihren Kindern zu beschäftigen? Haben wir das ablenkungsfreie Nichtstun verlernt?

Jesper Juul: Weil viele Eltern Erzieher und Pädagoginnen zum Vorbild haben. Sie fühlen sich verpflichtet, die Kinder ständig anzuregen und dauernd etwas zu unternehmen. Das macht die Kinder krank. Es muss einen für das Kind deutlich spürbaren Unterschied geben zwischen Kindergarten oder Schule und der Familie. Erwachsene sollten natürlich so viel wie möglich für die Kinder da sein, aber sie sollten nicht ständig mit den Kindern spielen. Die Eltern sollen ihr Erwachsenenleben leben. Denn die Kinder können ja nur zu Hause lernen, wie man erwachsen ist. Wenn sie ihre Eltern aber immer nur als Spielonkel und Spieltanten erleben, dann lernen sie nichts über das Erwachsensein. (Lisa Mayr, derStandard.at, 19.5.2013)“
Ganzes Interview mit Jesper Juul, Familientherapeut und Bestsellerautor.

„Kinder mögen es sehr, wenn man sie in Ruhe lässt. Ihr Wachstum braucht Raum. Gewiss, die Eltern müssen wachsam und umsichtig sein, damit ihrem Kind nichts passiert. Doch das ist eine passive Art von Vorsicht, sie dürfen nicht aktiv eingreifen. Sie sollen dem Kind ein großes Verlangen mitgeben, nach der Wahrheit zu suchen, aber sie dürfen ihm keine Ideologie mitgeben, die ihm sagt, was Wahrheit ist. Sie dürfen es nicht über die Wahrheit belehren, sondern sollen ihm beibringen, wie es die Wahrheit suchen kann. Kinder sollten zum Forschen, zur Suche, zum Abenteuer erzogen werden.
Man sollte den Kindern helfen, die richtigen Fragen zu stellen, und die Eltern sollten diese Fragen nur dann beantworten, wenn sie wirklich Bescheid wissen. Und selbst dann sollten sie so antworten wie Gautam Buddha seinen Schülern zu antworten pflegte: ‚Glaubt nicht an das, was ich sage. Es ist zwar meine Erfahrung, aber sobald ich zu euch darüber spreche, wird sie unwahr, denn für euch ist es keine eigene Erfahrung. Hört mir zu, aber glaubt es nicht einfach. Experimentiert, stellt Nachforschungen an, sucht. Solange euer Wissen nicht aus eigener Erfahrung stammt, ist es nutzlos, ist es gefährlich. Geborgtes Wissen ist ein Hindernis.‘
Aber genau das tun die Eltern ständig: Sie konditionieren das Kind auf Schritt und Tritt.
Kinder brauchen keine Konditionierung. Man braucht ihnen keine Richtung zu weisen. Man muss ihnen helfen, sie selbst zu sein, man muss sie unterstützen, nähren und stärken. Ein wirklicher Vater, eine wirkliche Mutter, wirkliche Eltern sind ein Segen für ihr Kind. Das Kind wird fühlen, dass sie ihm helfen, mehr in seiner Natur verwurzelt zu sein, mehr in sich zu ruhen, sein eigenes Zentrum zu finden, damit es sich selbst lieben kann, sich selbst achten kann, anstatt sich schuldig zu fühlen.“
– Osho: Das neue Kind

 

Folgeartikel: Wir sind keine Spielkameraden – Teil 2

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5 Gedanken zu „Wir sind keine Spielkameraden – Teil 1

  1. So sehe ich es auch. Ich versuche, meine Kinder so zu erzieen, dass sie sich selbst beschäftigen können, sich ihre eigenen Spiele ausdenken und Probleme eigenständig lösen können. Nicht weil ich faul bin oder keine Lust zum Spielen habe (was ich auch mache – aber NICHT rund um die Uhr!), sondern weil ich denke, dass ews für sie auch die beste Vorbereitung fürs Leben ist und dass es ihnen gut tut. Leider sieht das besispielsweise meine Mutter ganz anders und bespielt die Kinder ohne Ende, überhaupt nicht altersgerecht und überfrachtet sie mit Angeboten. Ich hatte mich darüber auch mal hier ausgelassen: https://ganznormalemama.wordpress.com/2014/08/30/dreijahrige-bespielen-oder-spielen-lassen/ – falls Du magst.

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    • Oh ja, das kenne ich auch. Unsere Elterngeneration ist da meist wenig einsichtig. Es wird auch geradezu das Ideal in den Medien aufgebaut, so hätten Großeltern zu sein. Ich beruhige mich dann damit, dass ich als Mutter oder wir als Eltern immer den größten Einfluss auf unsere Kinder haben und diese durchaus in der Lage sind, zu reflektieren, dass sich die Großeltern halt anders verhalten. Vielleicht sind die Kinder irgendwann sogar so weit, dass sie von sich aus sagen: „Ich möchte lieber allein spielen. Zeig mir doch, wie ihr die Tomaten im Garten angepflanzt habt.“ 😉

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  2. Ich finde Deine Überlegungen sehr spannend – mal nicht „Mainstreamdenken“, sondern eine differenzierte Auffassung. Zum Thema „Kinder haben einen natürlichen Wunsch, niemanden weinen zu sehen, ein Link, der das m. E. gut illustriert:

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  3. Diese Zeilen zu lesen fand ich sehr inspirierend… für mich ist es ein Paradoxon. Denn einerseits stimme ich total mit dir überein, andererseits gibt es noch das Spiel der Eltern mit den Kindern auf Augenhöhe, was auch sehr viel Schönheit haben kann – je nach dem wie reflektiert die Eltern sind.

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  4. Pingback: Von Phantasie und großen Lernmöglichkeiten - Schwesternliebe&Wir

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