Wut, Trauer und Freude in der Trotzphase

Ich gehe mit meiner 2 ½ jährigen Tochter an einem Blumengeschäft vorbei. Erst riecht sie vorsichtig an den Pflanzen, dann haut sie nach einem Blatt. Ich rufe ihr zu, dass sie vorsichtig mit den Pflanzen umgehen soll. Sie sieht mich an. Ein freches Grinsen breitet sich über ihr Gesicht aus. Nun es recht. So doll sie kann, haut sie nun die Pflanzen, während ich nur leidend zusehen kann.

Was soll ich nun tun? Je mehr ich schimpfe, desto mehr wird sie sich daran erfreuen. Ich stehe zu weit entfernt, um sie zu packen und wegzutragen.

Also finde ich urplötzlich etwas in der Ferne, das unglaublich interessant ist und mache sie darauf aufmerksam. Sie stockt in ihrer Bewegung und folgt gespannt meinem Finger. Ich spreche weiter und mache das Etwas noch interessanter. Nun guckt sie mich fragend an. Ich signalisiere ihr, dass sie zu mir kommen soll, damit ich es ihr zeigen kann.

Situation überstanden.

Ich gebe zu, das klappt nicht immer. Natürlich durchschaut sie meinen Ablenkungsversuch hin und wieder. Dabei habe ich festgestellt, dass es umso besser klappt, je überraschender ich etwas Neues finde und je weniger ich schon geschimpft habe.

Es gibt noch eine andere Variante des Trotzanfalls:
Wir sitzen in einem Restaurant und unsere Tochter will plötzlich einen Kinderstuhl an den Kopf des Tisches schieben. Mit aller Kraft bewegt sie den Stuhl in unsere Richtung. Fast am Tisch angekommen, wird sie jedoch durch die Nähe zum nächsten Tisch sowie mehrere Stühle blockiert. Wütend versucht sie, den Stuhl weiterzuschieben. Erfolglos. Wir versuchen, ihr zu erklären, dass es einfach nicht geht, aber sie steigert sich immer mehr in ihre Wut und Enttäuschung. Schreiend und weinend wirft sie sich auf den Boden und krabbelt unter den Tisch. Wie eine Muräne kurz vor dem Angriff verharrt sie dort keifend und Tränen überströmt.
Ich bleibe ganz ruhig und setze mich vor sie auf einen Stuhl. Mir fällt ein, dass ich ihre geliebte Sonnenbrille in der Tasche habe und lege diese in einiger Entfernung zu ihr auf den Boden. Ihr Blick bleibt an der Brille haften. Langsam rutscht sie näher, nimmt die Brille und lässt sich nun auch auf den Arm nehmen und trösten. Einige Minuten später ist der Spuk wieder vorbei.

In der Trotzphase wird die Reaktion der Erwachsenen, vornehmlich der Eltern, getestet. Das Kind merkt plötzlich, welch eine Macht es ausüben kann, indem es sich entgegen des Willens der Erwachsenen verhält. Wer will solch eine Position schon gerne aufgeben? Das Kind merkt, dass es die Erwachsenen steuern kann, statt von ihnen von A nach B gelotst zu werden. Je mehr die Erwachsenen gegen die Provokation und das Kind angehen, desto mehr steigert es sich hinein. Die Erwachsenen können in diesem Moment nur verlieren, denn das Kind hat durch sein Schreien ein starkes Machtmittel. Es hilft also, die eigenen Gefühle zu kontrollieren und die Aufmerksamkeit des Kindes auf etwas anderes zu lenken.

Während eines Trotzanfalls bewegen wir uns auf dem schmalen Grad, dem Kind zu viel oder zu wenig Aufmerksamkeit zu geben. Bekommt es zu wenig, provoziert es, um mehr zu erhalten oder steigert sich in die Situation hinein. Bekommt es zu viel, reizt es die Situation aus, um die Reaktion der Erwachsenen zu testen.
Wichtig ist, das Kind in dieser Situation nicht allein zu lassen und selbst ruhig zu bleiben. Viele Eltern reagieren zornig, gehen weg oder sperren das Kind gar ein. Doch so lernt es, dass es allein gelassen wird, wenn es seine Gefühle allzu stark auslebt. Sicher brauchen wir keine jähzornigen Menschen, die ihrer Wut ständig freien Lauf lassen oder bei der kleinsten Enttäuschung weinend auf dem Boden liegen. Doch die Gesellschaft braucht auch keine Menschen, die aus Angst, ihre Gruppenzugehörigkeit zu verlieren, lieber schweigen. Es ist also wichtig, dass ein Kind all diese Gefühle kennenlernt und währenddessen Vertrauen in seine Umwelt aufbaut, dass es unabhängig von seinem Verhalten geliebt wird.

Neben dem Umgang mit einem Trotzanfall gibt es für das Kind eine weitere Fähigkeit, die es in dieser Phase lernen kann: Den Einfluss auf die eigenen Gefühle.

Ich habe mir angewöhnt, die Gefühle, die meine Tochter soeben durchlebt, direkt zu benennen. So begreift sie langsam, was sie empfindet. Zugleich sage ich ihr, dass sie selbst ihre Gefühle beeinflussen kann. Sobald sie aufhört zu weinen, erzähle ich ihr, dass sie es gerade selbst geschafft hat, wieder fröhlich zu sein. Mittlerweile ist es bei uns schon ein Spaß, am Ende zu sagen „Jetzt bin ich wieder fröhlich!“ oder „Ich will fröhlich sein!“.

In dieser Phase steckt also eine große Kompetenzerfahrung für das Kind: wir alle sind selbst Herr unserer Gefühle. Ob Trauer, Wut oder Freude: wir entscheiden selbst, welches Gefühl wir zulassen und ausleben wollen. Und egal, welches Gefühl wir zum Ausdruck bringen, wir werden immer geliebt.

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