Beeil dich!

Ich komme von der Arbeit. Der Tag war zwar nicht körperlich anstrengend, dennoch sehne ich mich nach einem Sessel.

In der Kita angekommen, begrüßt mich meine Tochter freudestrahlend. Sie will sofort auf den Arm genommen werden. Ich gehe mit ihr zur Garderobe.

Vor ein paar Wochen erlebte ich hier den ersten Aufstand. Dort gab es so viele interessante Gegenstände zu erklimmen. Jede Bemühung, sie davon loszueisen und anzuziehen, wurde mit lautem Schreien quittiert, bis sie sich teilweise sogar lauthals schreiend und um sich schlagend auf den Boden warf. Eines Nachmittags hatte ich dann einfach ihre Schuhe und Jacke geschnappt, die Tür geöffnet und gesagt, dass ich sie draußen anziehen möchte. Als wäre nie etwas gewesen, war sie mir gefolgt. Seitdem ist die Garderobe kein Ort des Schreckens mehr.

Mit dem Gefühl der Erschöpfung ziehe ich sie nun also an und gehe vor die Tür. Den Bus verpassen wir leider meist, daher laufen wir die 10 Minuten zur Bahn. Ich gehe vor ihr, in der Hoffnung, sie würde dies als Antrieb begreifen, nicht allzu sehr zu trödeln. Doch ich merke, dass sie immer langsamer läuft, bis sie schließlich stehen bleibt, die Arme nach oben streckt und „Ich will auf den Arm!“ ruft. Ich bin genervt. Ich will einfach nur schnell nach Hause. Es gibt keinen Termin und auch keine andere zeitliche Einschränkung. Es ist einfach nur der Wunsch, ganz schnell die Beine hochzulegen und das Wissen, dass ich noch aufräumen und Essen machen will. Sie spürt meine Anspannung und Ungeduld. Vielleicht will sie gerade deshalb nun auf den Arm. Für mich sind die 12 Kilo aber leider mittlerweile eine gewisse Anstrengung.

Ich nehme sie auf die Schultern, um das Gewicht etwas besser zu verteilen. Das gefällt ihr zwar im ersten Moment nicht, aber sie nimmt es in Ermangelung von Alternativen hin. Dennoch bleibt eine quengelige, unzufriedene Stimmung. In der Bahn angekommen, merke ich, wie die nächste Unzufriedenheit zum Weinen führen wird. Es ist egal, ob ich mich nun hinstelle oder –setze. Eine Variante wird sie ablehnen. Ich wähle das Sitzen. Sie will stehen. Ich rede noch auf sie ein, doch sie setzt bereits zum Weinen an. Ich überstehe mühsam die Bahnfahrt, schleppe uns beide bis in die Wohnung und falle erschöpft aufs Sofa.

Immer wieder erlebe ich diese Situation nach der Arbeit. Noch anstrengender wird es, wenn ich Erledigungen auf dem Zettel habe. Sicherlich nervt mich die in diesem Moment weinerliche Stimmung meiner Tochter, doch bei näherem Überlegen wird mir klar, dass nicht die Stimmung meiner Tochter, sondern meine negative Stimmung zuerst da war. Ich bespreche die Situation mit meinem Mann, der ganz anders mit ihr umgeht beim Abholen. Er gestaltet den Weg eher wie ein Spiel. Er rennt vor, versteckt sich, erschreckt sie hinter der nächsten Ecke, lockt sie zu einem schönen Stein. Das ist nicht ganz meine Art, aber ich nehme mir die Anregung zu Herzen.

Als ich sie am nächsten Tag abhole, ignoriere ich meinen inneren Antreiber, der sagt „Los, wir müssen schnell nach Hause.“. Ich schlendere gelassen neben ihr her, zeige ihr Vögel im Baum, ermuntere sie, einen kleinen Umweg zu laufen und renne nicht, als ich sehe, dass die Bahn gerade einfährt. Während ich ansonsten verbissen ein Ziel verfolge, schnell nach Hause zu kommen oder noch einzukaufen, lasse ich diese nun im Hintergrund verschwinden. Ich sage mir bewusst „Ich schaffe, was ich schaffen kann.“ Und wenn ich mit meiner Tochter eine halbe Stunde vor einem Busch stehe, in dem es tolle Käfer anzugucken gibt, dann ist das wichtiger als der Einkauf, den ich unbedingt vor sechs Uhr erledigen will. Es geht nicht darum, jegliche Vorhaben zu verschieben oder jeder Laune des Kindes zu folgen. Viel mehr geht es darum, die wundervolle kindliche Neugier und Entdeckungsfreude nicht jeden Tag zu unterbinden, weil wir Erwachsenen immer Termine und zeitliche Einschränkungen haben. Ständig sagen wir „beeil dich.“ Doch eigentlich nehmen wir uns selbst keine Zeit mehr, um Mensch zu sein.

An diesem Tag komme ich entspannt zu Hause an und schaffe alle meine Erledigungen.

Was wollen wir für Kinder? Wollen wir Kinder, die parieren, die ihren Eltern stur folgen ohne sich umzusehen oder an Kleinigkeiten zu erfreuen? Nein. Wir wünschen uns doch eigentlich genau diese Eigenschaften, die wir aber lästig finden, wenn wir gerade auf dem Heimweg sind. Es geht aber nicht beides. Natürlich lernt ein Kind, dass es in der einen Situation herumlaufen und trödeln kann, in der anderen aber nicht. Wenn wir dem Kind jedoch immer wieder in den alltäglichen Momenten zeigen, dass es nervt, wenn es sich ständig von jeder Kleinigkeit ablenken lässt, verliert es vielleicht irgendwann ganz den Impuls, sich über einen Käfer am Wegesrand zu freuen. Es muss nicht der Spielplatz oder das Schwimmbad sein. Für ein Kleinkind ist der Weg das Ziel. Die Zeit wird früh genug kommen, in der nicht mehr jeder Stein interessant ist.

An diesem Tag kam ich entspannt zu Hause an und schaffte alle meine Erledigungen. Gelassen und mit fröhlichen Kind.

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