„Du nimmst mich ernst.“

Eine kleine Geschichte:

Eine Bekannte von mir, nennen wir sie Petra, die schon 65 Jahre alt ist, hatte vor einer Weile das achtjährige Enkelkind ihrer Schwester zu Besuch, Hannah. In der Familie ist Hannah als relativ schwierig bekannt, da sie häufig schreit und widerwillig ist.
Doch immer wenn sie bei Petra ist, ist sie ganz freundlich und kommt jeder Bitte nach. Da fragte Petra sie, warum sie bei ihr immer so lieb ist. Hannah antwortete: „Du behandelst mich nicht wie ein Kind. Du sprichst normal mit mir. Und du nimmst mich ernst.“

Kinder wollen nicht wie Erwachsene behandelt werden. Aber sie wollen wie jeder Mensch spüren, dass man sie ernst nimmt. Viele Erwachsene sprechen mit Kindern in einer Art Babysprache. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch okay, aber gerade wenn Kinder größer werden, fühlen sie sich dann nicht mehr ernst genommen, denn sie merken natürlich, dass die Erwachsenen untereinander ganz anders sprechen. Auch nehmen es Kinder übel, wenn man ihnen nichts zutraut und alles abnimmt. Kinder lernen nur durch Ausprobieren. Merken sie, dass man alles verbietet, sie in Watte packt oder alles abnimmt, werden sie entweder sehr unzufrieden, ängstlich und unsicher oder reizen Grenzen absichtlich extrem aus, indem sie sich häufig in gefährliche Situationen bringen. Das kann auch weitere familiäre Ursachen haben, aber alles zu verbieten, ist dabei zumindest nicht förderlich.

Wenn ich merke, dass meine Tochter überhaupt nicht das machen will, was ich gerade möchte, knie ich mich vor sie und frage, was sie noch machen möchte. Interessanterweise hat sie eigentlich immer eine Antwort und vergisst dann auch gleich das Weinen. Mal will sie noch auf einen Stein klettern oder einen Käfer beobachten. Es sind oft banale Dinge. Doch wenn ich sie einfach übergehe, weil ich jetzt beispielsweise unbedingt die nächste Bahn bekommen möchte, habe ich ein wütendes, unzufriedenes, meist schreiendes Kind und muss mir zusätzlich Gedanken machen, wie ich sie in der Bahn schnell wieder beruhigen kann, ohne unangenehm aufzufallen.
Alternativ kann ich ihr einfach fünf Minuten mehr Zeit lassen, sie beobachtet den Käfer, merkt, dass ich sie und ihre Wünsche ernst nehme und kommt dann freiwillig und zufrieden mit.
Ich nehme sie ernst, gebe ihr dafür Freiraum innerhalb der von mir gesetzten Grenzen, die sie kennt, und traue ihr zu, dass sie die Hürden, die sie sich als Ziel gesetzt hat, erklimmen kann. Natürlich stehe ich dabei in Schrittnähe, um für den Fall den schlimmsten Sturz doch noch abzufangen.

Wenn ich mein Kind nicht ernst nehme, wieso soll es dann mich ernst nehmen? Es tut das, was es von seinen Eltern vorgemacht bekommt. Also kann es auch nur das zurückgeben, was es von ihnen bekommt.

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4 Gedanken zu „„Du nimmst mich ernst.“

  1. Die folgende Szene passt irgendwie zu Deinem Artikel: Kinder (und ihre Bedürfnisse ) ernst nehmen:
    Wir hatten heute Besuch und als ich so mit meinen Freunden redete, zwickte mich meine Tochter in den Arm (nicht fest), ich schaute sie an und wollte eigentlich sagen „was soll denn das“. Als ich aber in ihre Augen blickte, erkannte ich irgendetwas in ihren Augen (war es Unsicherheit)? Auf jeden Fall sagte ich anstatt dessen: „Brauchst Du irgendetwas“ Und sie antwortete: „Ich mag auf deinem Schoß sitzen“ Es war also ein Nähe-Bedürfnis da, dass sie sich nicht auszudrücken traute, weil sie eher schüchtern ist, wenn Besuch da ist.

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  2. Du sprichst mir aus der Seele. Kinder, egal welchen Alters, sollten immer ernst genommen werden. Mir persönlich ergeht es mit meiner Nichte ebenso wie deiner Freundin mit ihrer Enkelin. Wenn sie bei mir ist, legt sie ein ganz anderes Verhalten ans Tageslicht als wenn sie zu Hause ist. Das liegt in erster Linie daran, dass ich sie ernst nehme. Sie fühlt sich verstanden und redet mit mir über alles. Dieses zeugt von einer gegenseitigen Toleranz, Akzeptanz und Vertrauen.
    Super geschrieben…. Weiter so !!!!

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  3. Ich nehme meine Enkelin sehr ernst .anfangs hatte ich immer den Anflug mit ihr in Baby Sprache zu reden .wurde dann immer von ihrer Mama oder ihrem Papa darauf aufmerksam gemacht ….habe mich dann danach verhalten und heute ist sie 2 Jahre alt und ich bin so super stolz auf meine Maus …weil sie alles versteht , was ich ihr vermitteln mõchte ….

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