Philosophier doch mal!

Was ist Glück? Was ist ein Freund? Warum bauen Menschen Waffen? Warum zerstören Menschen die Natur? Was ist Liebe?
 
Als unsere Tochter vier Jahre alt war, fragte sie mich plötzlich abends im Bett, warum Babys sterben müssten. Ich war etwas irritiert und erinnerte mich dann, dass eine Freundin kurz vorher einen Satz über einen Bericht im Radio zum Thema Fehlgeburten erzählt hatte. Unsere Tochter bewegte dies tief. Wir unterhielten uns darüber, sprachen über den Tod und dass jeder Mensch einmal stirbt. Sofort schlussfolgerte sie, dass auch Mama und Papa sowie ihre Großeltern sterben würden. Ein paar Minuten war sie völlig aufgelöst, als sie daraufhin erkannte, dass wir wohl eher als sie sterben würden.
 
Es war ein sehr bewegender Moment, dessen Zeitpunkt mich besonders überraschte. Nie hätte ich vermutet, solche Gespräche schon so früh zu führen. Doch es bot uns die Chance, gemeinsam aus dieser Trauer wieder herauszufinden und zu erkennen, dass der Tod zwar zu unserem Leben gehört, doch uns nicht beängstigen muss und auch nichts Schlimmes ist. Am Ende des Gespräches schlief sie mit einem Lächeln ein. Seitdem haben wir oft solche Gespräche abends im Bett. Über die Entstehung der Erde, Krieg, Waffen, Gewalt, Fleischkonsum, Klima, Liebe und vieles mehr. Anfangs war ich unsicher, ob man solche Gespräche zum Einschlafen führen sollte. Klingt nicht gerade nach einer netten Einschlafgeschichte. Doch unsere Tochter forderte es förmlich ein und schlief danach auch nicht schlecht. Es war im Trubel eines Familienlebens der Zeitpunkt, an dem sie wohl am meisten Ruhe zum Nachdenken hatte.
 
Bei mir blieb die überraschende Erkenntnis, dass wir mit Kindern sehr viel früher als viele denken, solche Themen besprechen können. Sie wollen die Welt verstehen und saugen wissbegierig jede Information auf, die sie aufschnappen.
Schonung ist hier nicht notwendig. Allerdings sollte man sich zutrauen, mit den Gefühlen des Kindes umgehen zu können. Denn Trauer kann hier durchaus aufkommen. Diese sollten wir dann nicht kleinreden, sondern ins richtig Licht rücken und einen Ausblick bieten, wie unser Kind damit umgehen kann.
 
Viele Jahre später fiel mir ein Buch zum Thema „Philosophieren mit Kindern“ in die Hände. Es handelt von einem Lehrer in Frankreich, der sich zum Ziel setzte, mit Kindern ab 4 Jahren Philosophiekurse zu machen und beeindruckt berichtet, wie engagiert die Kinder mitmachen und sich im Laufe des Kurses entwickeln, weil sie ohne Bewertung ihre eigene Meinung mitteilen können, die Meinung der anderen anhören und darauf Bezug nehmen. In kurzer Zeit lernen sie in diesen Kursen enorm viele zwischenmenschliche Fähigkeit und ein tieferes Verständnis über das Leben, was sie selbstbewusst, verständnisvoll und weltoffen macht.
 
Es ist ein Buch als Anregung zum Philosophieren mit Kindern, das zu jedem Thema eine kleine Gesprächsbasis bietet.
Der kleine Philosoph – Frédéric Lenoir
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Ein Gedanke zu „Philosophier doch mal!

  1. DIe Erfahrung, dass Kinder schon sehr früh tiefgehende, quasi philosophische Fragen stellen, habe ich auch gemacht. Da wird man dann auch auf eigene Lücken aufmerksam – auf Fragen, die man sich lange nicht mehr gestellt hat oder denen man vielleicht billig ausgewichen ist. Mit christlichen Antworten, die wir im Religionsunterricht gelernt haben, lässt sich oft nicht mehr alles begründen – aber was dann ?
    Wo sind wir, wenn wir nicht mehr sind? Und nehmen uns unsere Kinder die Antworten ab, wenn sie spüren, dass wir selbst unsicher geworden sind?
    Ich finde es andererseits auch immer wieder ermutigend, dass Kinder eben diese Fragen stellen und uns so zwingen, uns selbst auch mit diesen spirituellen und philosopischen Fragen auseinanderzusetzen. Das rettet und vor Verflachung und davor, uns mit allzu einfachen materialistischen Erklärungen zufrieden zu geben.

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