Helikopter-Eltern

Es gibt ein neues Phänomen unter Eltern. Neudeutsch wird es „Helikopter-Eltern“ genannt und besagt so viel wie, Eltern, die ständig um ihr Kind herumkreisen, es teilweise sogar auf Schritt und Tritt überwachen, ständig in Angst und Sorge um das Kind leben und jedes Ereignis des Kindes zum eigenen Erfolg oder Misserfolg machen. Das Phänomen tritt vor allem in der Mittel- und Oberschicht auf.

Während man früher vielen Eltern vorwarf, sie hätten sich nicht um ihre Kinder gekümmert, schlägt das Pendel heute in die andere Richtung aus. Eltern bemuttern ihre Kinder bis sie das Haus verlassen und darüber hinaus. Wenn das Kind schlechte Noten nach Hause bringt, wird der Schuldirektor persönlich angerufen. Jedes Steinchen, jedes Hindernis wird dem Kind aus dem Weg geräumt, bevor es überhaupt ahnt, dass etwas passieren könnte. Schon im Säuglingsalter beschäftigen sich die Eltern damit, wie sie ihr Kind besonders gut fördern können. Diese Kinder sind kleine Prinzessinnen und Prinzen. Sie sind die Augäpfel ihrer Eltern, sollen es einmal besser haben als sie und nie Schwierigkeiten erleben. Auf den ersten Blick mag dieses Verhalten lobenswert klingen. Doch der zweite Blick ist umso enttäuschender.

Man fand heraus, dass diese behüteten Kinder keineswegs besonders gestärkt durch das Leben gehen. Zwar haben viele dieser Kinder nach außen ein besonders starkes Selbstbewusstsein und Auftreten, stehen sie jedoch vor Problemen, wissen sie schnell nicht mehr weiter, geben auf, oder noch schlimmer, leiden an Angstzuständen bis hin zur Depressionen. Sie leiden unter dem permanenten Druck der Eltern, Großes leisten zu müssen, die Mühen der Eltern Wert zu sein. Auch wenn die Eltern ihren Kindern nie vermitteln wollten, dass sie besondere Leistungen zeigen müssen, um geliebt zu werden. Die unbewusste Botschaft ist: Dein Erfolg ist mein Erfolg. Du erhältst Liebe, wenn du Großartiges leistest..

Ein Grund für diese Überbehütung ist, so sagen Wissenschaftler, dass heutzutage Eltern immer später Kinder bekommen, dann häufig nur eins, der gefühlte Konkurrenzdruck der Gesellschaft immer größer wird und die Erwartungen an „perfekte Eltern“ immer höher werden. Viele Mütter kehren nie vollständig in den Beruf zurück, nachdem sie ein Kind bekommen haben. Gleichzeitig sind sie oft schon Mitte 30 und es besteht nicht mehr die Notwendigkeit, sich im Beruf auszuleben. Sie sind finanziell abgesicherter. Für sie kommt nun ein neuer Lebensabschnitt, der sich vor allem dem Kind widmen soll. So stellen wir uns ja auch eine guter Mutter vor. Sie soll sich viel um ihr Kind kümmern und vielleicht nebenbei ein paar Stunden arbeiten. Aber bloß nicht so, dass das Kind vernachlässigt wird. Wenn die Mutter dann zu Hause ist, sollte sich eine gute Mutter auch die ganze Zeit mit dem Kind beschäftigen. Eine Mutter, die auf dem Spielplatz am Rand sitzt und nur gelegentlich zu ihrem Kind hinüberschaut und nicht mal aufspringt, wenn das Kind leicht weint? Das ist doch eine Rabenmutter. Mamas und Papas haben am besten die ganze Zeit mitzurutschen, zu schaukeln, zu wippen, Kind hochzuheben, runterzuheben und Verstecken zu spielen.
In einer langen Studie fand man heraus, dass es absolut keinen Unterschied für die Entwicklung des Kindes macht, ob es hauptsächlich von den Eltern oder von einer anderen Person betreut wurde. Was dagegen einen großen Einfluss auf die Entwicklung hatte, war die Beziehung zwischen den Eltern und von den Eltern zum Kind. Das hatte aber nichts mit der Zeit zu tun, die Eltern und Kind gemeinsam verbrachten.

So nett es klingt, dass Eltern mit ihren Kindern spielen, so groß ist das Ausmaß, das mittlerweile erreicht wurde. Insbesondere Stadt-Kindern wird kaum mehr das freie, ungehinderte Spielen ermöglicht. Alles passiert nur unter Aufsicht der Eltern oder sogar mit ihnen. Wenn sich zwei Jungen hauen, schreitet sogleich eine keifende Mutter dazwischen und macht den Bösewichten klar, dass man das nicht tut.

Tatsächlich fand man bei Versuchen mit Ratten heraus, dass junge Ratten, die vor allem unter ihresgleichen frei spielen und sogar ungehindert kämpfen durften, deutlich mehr Nervenverbindungen im Gehirn aufwiesen, als diejenigen, die nur unter Erwachsenen aufwuchsen und so nie frei spielen konnten. Die spielenden Ratten erlernten schneller soziale Kompetenzen, da sie sich ausprobieren sowie ihre Grenzen und das soziale Gefüge spielerisch kennenlernen konnten.
Eine weitere Eigenart ist heute, Kinder sofort in Vereine oder irgendeine (Früh-)Förderung zu stecken, sobald ein vermeintliches Talent entdeckt wurde. Das bedeutet jedoch, dass das Kind dies von nun an nicht mehr nur aus Freude tut, sondern nach Erwachsenen-Regeln und mit dem Wunsch, besser zu werden oder ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Auf lange Sicht geht so die intrinsische Motivation verloren und wird durch extrinsische ersetzt. Das ist erstmal nicht falsch, aber wenn damit allzu früh begonnen wird, lernt das Kind schlimmstenfalls gar nicht mehr, wie es sich selbst für etwas begeistern kann und dass es nicht immer etwas leisten oder besonders gut sein muss. Forschungen haben auch ergeben, dass die Motivation schlagartig sinkt, sobald das Kind kein Lob oder andere Belohnungen mehr für das zuvor intrinsisch motivierte Verhalten bekommt.

Bei den Kindern, die überbehütet aufwuchsen, stellt man heute fest, dass sie später ebenso viel ausprobieren, wie jedes normale Kind, dies bloß zeitlich verzögert, nämlich sobald die Eltern weg sind. Dann aber kann dieses Verhalten deutlich stärker ausfallen, da ihre Fähigkeiten im Jugendalter natürlich ausgeprägter, aber nicht unbedingt geübter sind. Viele von ihnen brauchen sehr lange, um wirklich selbstständig zu werden. Viel eher provozieren sie ihre Eltern mit „schlechtem“ Verhalten, rebellieren irgendwann oder stehen bei jedem Problem aus Hilflosigkeit und Angst bei den Eltern auf der Matte.

Mit Sicherheit sind nicht alle Kinder auf diese Weise überbehütet und dies soll auch kein Vorwurf sein. Ich möchte in diesem Zusammenhang an alle Eltern appellieren, auch als Erwachsene mit Kind die eigenen Träume und Ziele nicht aus den Augen zu verlieren und sich blind auf das Kind zu stürzen. Das gilt besonders für Mütter! Denn Kinder, die als Lebensmittelpunkt verstanden werden, sind damit überfordert und es wird ihnen eine überhöhte Position in der Familie gegeben. Viel wertvoller als die frühe Förderung ist das freie Spiel unter Kindern, in der Natur, ohne Medien. Einfach mal Langeweile erleben und frei im Wald herumlaufen, ohne Eltern, die ängstlich hinterher rennen. Kinder müssen Misserfolge und Scheitern erleben. Nur so können sie mit Frustrationen im späteren Leben umgehen. Ab der ersten Minute nach der Geburt wird unser Kind jeden Tag selbstständiger und unabhängiger. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unser Kind in diesem Bestreben zu unterstützen, statt es von uns abhängig zu machen, indem wir ihm in frühster Kindheit keine Misserfolge gönnten. Wenn Eltern wirklich etwas für ihr Kind tun wollen, dann sollten sie sich ihrer Beziehung zum Partner widmen, diese pflegen, dem Kind ein Vorbild sein, wie man miteinander kommuniziert, miteinander umgeht, zeigen, was Liebe ist.

In machen Situationen sollten wir den Weg für unsere Kinder freikämpfen, aber zu jedem anderen Zeitpunkt sollten wir ihnen selbst das Zepter ihres Lebens in die Hand geben und ihnen ermöglichen, sich frei zu bewegen und die eigenen Grenzen in der richtigen Entwicklungsphase kennenzulernen. Denn nur so werden sie selbstständig und können später auf eigenen Beinen Großes erschaffen.

Wir alle wollen nur das Beste für unser Kind. Aber manchmal ist weniger mehr.

Für weitere Informationen empfehle ich folgenden Beitrag auf 3sat: Generation Weichei – Wenn Mama und Papa nur das Beste wollen

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Ein Gedanke zu „Helikopter-Eltern

  1. Das Problem der Überbehütung ist vor allem ein Problem der heutigen Zeit, vor 50 Jahren schaute die Kindererziehung noch ganz anders aus. Damals hatte man schlichtweg zu wenig Zeit und Kraft, sich so übermäßig mit dem Nachwuchs zu beschäftigen. Die Familien waren damals einerseits größer und kinderreicher, wodurch dem Einzelnen weniger Aufmerksamkeit zukam. Außerdem war die wirtschaftliche Situation unsicherer als heute, wodurch mehr gearbeitet werden musste und weniger Zeit für Freizeit blieb. Einem Kind Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken ist essenziell für eine gesunde Entwicklung, keine Frage. Aber wie in diesem Post sehr gut beschrieben, kann ein zuviel an Behütung auch negative Folgen haben. Kinder brauchen Freiheiten, um ihre Persönlichkeit entfalten zu können, Kreativität zu entwickeln und aus Rückschlägen zu lernen. Wichtig für Eltern ist es deshalb, dass richtige Mittelmaß zu finden – was sicher leichter gesagt ist als getan.

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