Krippe oder zu Hause bleiben?

In der Forschung ist man sich einig: die ersten drei Jahre haben eine große Bedeutung für die Entwicklung des Kindes, insbesondere für die feste Bindung zur Mutter.

Ich persönlich habe nach einem Jahr den Wiedereinstieg in Studium und schließlich Beruf gewagt. Das ist jedoch nicht jedermanns(fraus) Lebensentwurf. Folgt man der Wissenschaft, sollten wohl alle Frauen mindestens drei Jahre zu Hause bleiben. Auch ich hätte das gern getan, doch der Wunsch, wieder in anderen Themen tätig zu werden, mein Studium zu beenden und nicht gänzlich den Anschluss zum Berufsleben zu verlieren, haben mich letztlich dazu bewegt, schon eher das Haus zu verlassen.
Als ich mich damit befasste, welche Variante für unser Kind und mich am besten wäre, fielen mir verschiedene Kinder und das Zusammenspiel mit ihren Müttern auf.

Da waren die Kinder, die zum Teil noch früher, mit ein paar Monaten schon in die Krippe gegeben wurden. Und da waren die Kinder, die mit 2 1/2 Jahren langsam in die Kita integriert werden sollten.
Oft weinten die sehr jungen Kinder unter einem Jahr viel und schienen oft ängstlich oder irritiert, obwohl sie sich bei der Mutter befanden. Oder aber sie ignorierten die Mutter fast vollständig und waren auch gegenüber anderen Kindern eher rau. Als ich mit den Müttern sprach, erzählten sie mir, dass die Gruppen in der Krippe meist 15-18 Kinder und zwei bis drei Erzieher umfassten. Sie berichteten davon, dass es zum Teil unter den Kindern sehr wild herging, die Erzieher nicht immer einheitlich für ein neues Kind zuständig waren oder es sogar das Prinzip der „offenen Tür“ gab, wodurch die Kinder in der Gruppe ständig wechselten.
Die knapp dreijährigen Kinder, die ich beobachtete, kreisten ständig um ihre Mutter. Sie ließen die Mutter meist nicht aus den Augen, beanspruchten fast non-stop die Aufmerksamkeit der Mutter und baten um ihre Hilfe. Die Mütter erzählten mir, dass sie immer für ihr Kind da seien, natürlich auch ein paar Mal die Woche in Kindergruppen gingen, aber den Tag vorwiegend zu zweit mit dem Kind verbrachten.

Aus diesen Beobachtungen und den Gesprächen schloss ich folgendes:
Entschließt man sich, sein Kind vor den empfohlenen drei Jahren in die Krippe zu geben, ist es unerlässlich, für EINE feste Bezugsperson zu sorgen. Das kann eine Tagesmutter oder eine Erzieherin sein. Wichtig ist, dass es ein Erwachsener ist, der nicht ständig wechselt. Das bezieht sich aber auch auf die Kinder. Eine ständig wechselnde Gruppe von Kindern wirkt auf ein kleines Kind verunsichernd und stört das Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Vertrauen. Auch kommt es stark darauf an, wie viel Zuneigung das Kind schon vor dem Zeitpunkt des Kitabesuchs erfahren hat. Wurde es stets am Körper der Mutter getragen und vielleicht sogar gestillt, konnte das Kind schon viel Vertrauen und das Gefühl von Sicherheit tanken. Signalisiert das Kind schon vorher, dass es sich unter Kindern wohlfühlt und gerne selbstständig herumkrabbelt, ohne die Mutter neben sich zu haben, ist das ein gutes Indiz, dass das Kind genügend Zuneigung erhält und der Besuch der Krippe möglich wäre.

Ich stimme der Empfehlung, als Mutter die Betreuung des Kindes in den ersten drei Jahren zu übernehmen, voll zu. Als ich jedoch die oben beschriebenen Beobachtungen reflektierte, hatte ich zwiegespaltene Gedanken zu diesem Thema. Früher waren die Mütter selbstverständlich die ersten Jahre für ihre Kinder da. Doch die Kinder wurden auch schon viel früher allein vor die Tür gelassen, um mit Gleichaltrigen zu spielen. Es gab immer kleine Gruppen von Kindern, während die Mütter kochten oder anderen Tätigkeiten nachgingen. Beschließt heutzutage eine Mutter, die ersten Jahre zu Hause zu bleiben, heißt das meist für das Kind, dass es ab und zu mal in eine Kindergruppe gebracht wird, ansonsten sich das Leben des Kindes aber um die Mutter dreht. Ich sehe an meiner Tochter, wie wichtig und wertvoll es ist, jeden Tag viel Input von anderen Kindern zu erhalten. Wenn ich sie abhole, redet sie den ganzen Tag von ihren Freunden dort. Wenn ich sie abgebe, winkt sie nur kurz und rennt dann begeistert zu den anderen Zweijährigen. Mein Eindruck ist also, dass Mütter, die zu Hause bleiben, vermehrt darauf achten sollten, dem Kind vor allem den Kontakt mit anderen Kindern zu ermöglichen. So viel wie möglich! Ich halte es für unvorteilhaft, wenn ein Kind lernt, dass sich die Welt immer nur um es selbst dreht, dass alle springen, wenn es pieps macht und die Mutter sich mit niemandem unterhalten darf, wenn es ihr jetzt aber ein neues Spielzeug zeigen möchte. Diese Tendenz ist aber in der Stadt zu sehen, denn das Angebot an Treffpunkten für Mutter und Kind ist begrenzt. Es wird vielleicht in der Umgebung pro Tag eine Stunde Krabbelgruppe angeboten. Das halte ich aber fast für zu wenig für ein einjähriges oder zweijähriges Kind.
Gleichzeitig habe ich erlebt, dass Mütter, die zu Hause blieben, ihr Kind als Beruf oder als Projekt betrachteten, das zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden musste, denn es war ja ihr einziger Lebensinhalt neben kleinen Erledigungen. So fühlten sie sich persönlich angegriffen, wenn sich ihr Kind nicht so perfekt wie in ihren Träumen verhielt oder man ihnen von anderen Varianten eines Lebensmodells erzählte. Wenn dann mit ca. drei Jahren doch ein Teil in ihnen sagte, sie würden das Kind nun gern in die Kita geben, hatte nicht nur das Kind große Probleme, die Mutter loszulassen. Auch die Mütter waren den Tränen nahe, wenn sie es abgeben sollten. 

Es gibt selbstverständlich auch Positiv-Beispiele. Ich berichte hier nur von den Beobachtungen, aus denen ich besondere Schlüsse ziehen konnte. Der Mensch ist einfach zu komplex, um sein Verhalten durch einige wenige Komponenten zu begründen.
Die wichtigste Einstellung war stets für mich, dass ich sofort Studium oder Beruf hinschmeiße, wenn ich feststelle, dass unsere Tochter mit der Kita nicht glücklich ist. Es kann auch an der Kita selbst liegen. All das sollte also sorgfältig geprüft werden, bevor man sich für eine Kita und den Berufseinstieg entscheidet. Letztlich finde ich ausschlaggebend, auf die Signale des Kindes zu achten und weder unbedingt drei Jahre zu Hause zu bleiben noch das Kind mit einem Jahr oder früher abzugeben. Mütter sollten sich in beiden Fällen selbst prüfen, ob es einzig darum geht, ihre Ziele umzusetzen oder die Entscheidung im Einklang mit dem Kind ist. Zeigt das Kind über einen gewissen Zeitraum eindeutige Signale gegen die Kita, sollte das, und nicht der Beruf, Priorität haben.

Somit würde ich weder die Kita ab drei Jahren pauschal für gut, noch die Krippe ab einem Jahr pauschal für schlecht befinden.

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2 Gedanken zu „Krippe oder zu Hause bleiben?

  1. Oh, der Beitrag kommt ja für mich wie bestellt. Wir haben uns gerade für eine Tagesmutter -öentschieden. Unsere Tochter ist 20 Monate alt. Den ersten Betreuungsversuch haben wir Anfang des Jahres gestartet. Geplant war, dass ich nach einem Jahr wieder voll arbeite (was ich sehr gerne tue) und mein Mann auf eine halbe Stelle reduziert. Er freute sich sehr auf die Elternzeit. Leider waren die ersten 9 Monate für meine Tochter von furchtbaren Schmerzen geprägt, und der Zeitpunkt der Eingewöhnung in eine Großtagespflege (neun Kinder, zwei überaus liebevolle Erzieherinnenen, zwei Monate äußerst sanfte Eingewöhnungszeit haben wir eingeplant, denn wir wussten, dass unsere Tochter viel im Gepäck hat) war einfach zu früh. Sie war gerade erst einen Monat schmerzfrei, sie ging unter den anderen, ausschließlich gleichaltrigen Kindern total unter. Wir haben das dann abgebrochen und es stellte sich heraus, dass eine ganze Menge Stress von ihr abfiel. Bindung, Vertrauen in eine Welt fassen, die bisher nur negativ besetzt war, all das fing dann erst an. Auch ich hatte Nachholbedarf an „schöner Babyzeit“, die bis dato der blanke Horror war. Wir haben also beide viel Nähe getankt, ich habe die Manduca gefühlt nur zum Schlafen ausgezogen. Im Kontakt mit gleichaltrigen Kindern (etwa von Freunden) blieb es aber dabei, dass sie immer den Kürzeren zog, weil die anderen Kinder emotional und körperlich einfach weiter waren. Es stimmt schon, dass sie im Prinzip viel unter sich ausmachen können, aber wenn man immer unterlegen ist, ist es einfach frustrierend und der Entwicklung sicher auch nicht förderlich. Deshalb haben wir, und dazu würde mich Deine Meinung interessieren, jetzt einer Tagesmutter zugesagt, bei der unser Bauchgefühl sofort ja gesagt hat. Sie ist nicht nur liebevoll, sondern hat zum Zeitpunkt unseres Betreuungsstarts im Februar nur unsere Tochter. Einen Monat später kommt ein zweites, gleichaltriges Kind (dann beide 23 Monate) hinzu. Auch wenn der Austausch mit Kindern wichtig ist, hatten wir gerade mit der Situation, dass sie erst mal eine 1:1-Betreuung hat, um anzukommen, um Vertrauen zu fassen und eine Bindung aufzubauen, so ein supergutes Gefühl. In vertrauter Umgebung ist sie inzwischen ein fröhlich-freches, recht selbstbewusstes Kind, das aber immer noch viel Mama und Nähe braucht, schnell aus der Bahn geworfen ist, wenn Infekte kommen. Alleinbetreuung durch Großeltern fängt gerade erst so an, stundenweise (schlafen gehen mit denen völlig utopisch). Hast Du eine Meinung zum Thema Tagesmutter in unserem Fall?

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    • Ich war als Kind selbst bei einer Tagesmutter. Meine Mutter bereut dies im Nachhinein ein wenig, da ich vom leiblichen Kind der Tagesmutter ziemlich unterdrückt wurde und auch, gefördert durch die Mutter, meist den Kürzeren zog. Das spricht jetzt nicht generell gegen Tagesmütter. Ich ziehe aus dieser Erfahrung nur die Empfehlung, der Tagesmutter noch einmal explizit mitzugeben, ein schwächeres Kind sinnvoll zu unterstützen, wenn sie merkt, dass die anderen sich immer durchsetzen oder das Kind stets das Gefühl hat, nicht mithalten zu können. Das wäre aber in der Kita dieselbe Situation. Ich würde in diesem Fall wie ihr eine Tagesmutter bevorzugen, denn sie kann meist viel individueller auf das einzelne Kind eingehen, sofern sie nicht fünf Kinder zu Hause betreut.
      Worauf es jedoch letztlich ankommt, ist erst einmal euer Gefühl als Eltern. Kinder sind unheimlich sensibel. Wenn der Mutter unwohl bei dem Gedanken an die Kita oder eine Tagesmutter ist, überträgt sich dieses Gefühl sehr schnell. Natürlich ist es am Anfang immer ungewohnt und schwer, sein Kind bei fremden Personen abzugeben und irgendwie gewöhnt man sich irgendwann daran. Aber wenn es über das Gefühl für eine ungewohnte Situation hinausgeht, man sich schuldig fühlt oder unbewusst kleine Hinweise wahrnimmt, die gegen eine Kita oder eine Tagesmutter sprechen, sollte man dies ernst nehmen und nach Alternativen suchen.
      Ebenso sollte man die Reaktionen des Kindes genau beobachten.
      Ich bin da geteilter Meinung. Zum Einen lese ich von immer mehr Kindern, die auch nach vier Wochen noch ihre Eltern jeden Morgen mit großem Schreien verabschieden, andererseits sagen die meisten Erzieher, die Kinder müssten da durch und das würde schon irgendwann vergehen.
      Dazu ist meine Empfehlung:
      1. Auf die Ehrlichkeit der Erzieher hoffen und sie bitten, es mitzuteilen, wenn das Kind nicht nur die ersten fünf Minuten schreit, sondern die ersten zwei Stunden nach Abgabe bei der Betreuung.
      2. Wenn das Kind sich viele Tage hintereinander immer wieder weigert, in die Kita zu gehen, dem nachgehen.
      3. Starke Verhaltensveränderungen des Kindes im negativen Sinne ernst zu nehmen.

      Sollte einer dieser Fälle eintreten: das Gespräch mit den Erziehern suchen, die Kita wechseln oder die Fremdbetreuung auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.

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